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Der Kolonialist und seine Europäer.

Schauspiel Frankfurt

Wilde Konsumenten

Das Schauspiel Frankfurt zeigt „sklaven leben“ als Beitrag zu den „Frankfurter Positionen“.

Wer es noch nicht getan hat, wird sich hinterher sofort auf slaveryfootprint.org ausrechnen, wie viele moderne Sklaven irgendwo auf der Welt oder nebenan unter indiskutablen Bedingungen arbeiten müssen, damit der Lebensstandard des slaveryfootprint.org-Nutzers oder der slaveryfootprint.org-Nutzerin möglich ist. Denn der Eigenbeitrag des Schauspiels zum Festival „Frankfurter Positionen“ begibt sich ins Herz aktueller Debatten über moderne Sklaverei und überhaupt über Machtverhältnisse, und findet dort genau das vor, was im Herzen der Debatte steckt. In kaleidoskopartigen anderthalb Stunden geht es quirlig um Ausbeutung und die Muster dieser Ausbeutung, um Rollenklischees vom „Schwarz“- und „Weiß“-Sein, beiläufig auch – befördert durch liebevoll gestaltete Kostüme des Ausstatters Amit Epstein – um die Auflockerung von Gendergrenzen durch Männer in Rüschenröcken oder alle in Unisexstramplern.

„sklaven leben“ basiert auf einem Text von Konstantin Küspert, einem Werkauftrag der „Frankfurter Positionen“, der – Küspert arbeitet so und auch der Regisseur Jan-Christoph Gockel arbeitet so – vom Ensemble weiterentwickelt und ergänzt werden kann und soll. Am Anfang ein Rollentausch. Komi Togbonou steht in der Routine der Hautfarbeneinteilung als Sklave zum Verkauf, sagt allerdings schließlich Nein, erklärt sich selbst zum „Status quo“, erklärt, heute Abend gehe es einmal um ihn, heute Abend sei er das Individuum und die anderen seien die Gruppe.

Zuerst will er was zum Anziehen, dann will er sich seinerseits einen Sklaven anschaffen. Sebastian Reiß macht mit Mühe und unter Togbonous entspannter Preisdrückerei das Rennen. Unter der Hand ist aus dem Sklavenmarkt ein Niedrigstlohnsektor geworden, von dem man nicht flieht, sondern auf dem man sich selbst an den Mann bringen muss.

Das Schillernde ist Teil des Projektes, es gibt ihm aber auch eine Unschärfe. Auf der Bühne eines deutschen Stadttheaters wird man nämlich keinerlei Schwierigkeiten damit haben, in einem – auch diesmal eigens gebuchten – „schwarzen“ Darsteller das Individuum zu sehen, in den „weißen“ Ensemblemitgliedern Torsten Flassig, Katharina Kurschat (aus dem Studiojahr Schauspiel), Christoph Pütthoff, Reiß und Luana Velis hingegen die Gruppe. Interessanter wäre also der Perspektivwechsel („heute geht’s mal um mich“), der aber insofern nicht stattfindet, als die „weiße“ Gruppe sich wie üblich aufs Beste mit sich selbst beschäftigen kann.

In einer spaßigen Szene treten sie zwar, wunderbar lakonisch im Ton eines Tierfilmsprechers kommentiert von Europaforscher Togbonou, als wilde Konsumenten auf, die in ihrer Verblödung dann auch recht einfach zu unterjochen sind. Der Kolonialist hat sein Vergnügen daran, Kolonisieren, zitiert Togbonou den Politikwissenschaftler Achille Mbembe, sei „etwas Dionysisches – ein großer narzisstischer Erguss“. Nachher sieht man sie zudem in einem stimmungsvoll ausgeleuchteten und von Mahler-Musik umwaberten Bild als Bootsflüchtlinge. Togbonou posiert neptunartig und betont die Verpflichtung der Afrikaner, die verzweifelten Europäer zu retten („Ich kann jeden verstehen, der Europa auf der Suche nach einem besseren Leben in Afrika verlassen will“).

Aber ist das ein Perspektivwechsel oder bloß ein Spiegel für bornierte Nordwestler, die – wie Reiß am Ende – verzagen, wenn ihnen der Rucksack mit ihren Privilegien abhanden kommt? Der – aus europäischer Sicht – dystopische Anteil von „sklaven leben“ ist in Romanen schon gewitzt durchgespielt worden (immer noch empfehlenswert etwa: Jörg-Uwe Albigs „Berlin Palace“, 2010).

Nicht umsonst drehen sich besonders lustige Szenen um den eigenen Beruf. Während sich Luana Velis noch unheimlich verausgabt, muss sie feststellen, dass sie ein Schauspielerin-Computerprogramm kurz vor dem Absturz ist. Was für ein Schock. Auch bei Pütthoff, von Bühnenarbeitern rasch hereingerollt, lässt sich das Programm nicht richtig hochfahren. Man ist auf einmal im falschen Stück, und wie immer ist der Alptraum, der einem am nächsten liegt – ein ersetzbarer Schauspieler, dazu ein in Südostasien preisgünstig hergestellter Theatertext – der ausgefeilteste.

Ein aufgekratzter Abend, das Publikum am Ende begeistert.

Termine

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 10., 22., 23. Februar.

www.schauspielfrankfurt.de

Frankfurter Positionen – Festival für neue Werke: bis 8. Februar.

www.frankfurterpositionen.de

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