Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Den Schalter umlegen

In einem Münchner Finanzamt

Von OLIVER HERWIG

Knopf drücken, Nummer ziehen und warten. So beginnt das kleine Abenteuer des Steuerbürgers. In München aber wirkt das Ritual ebenso frisch wie unerwartet. Ein lichter Pavillon tut sich auf, halb Abfertigungshalle, halb Lounge. Amtsstuben und Aktendeckel haben im Servicezentrum der Finanzämter ausgedient. Dafür segeln dunkle Polstergruppen durch den Raum wie Ausstellungsstücke auf einer Möbelmesse.

Der gläserne Pavillon empfängt seine Nutzer mit entwaffnender Offenheit. Während man in dunkle Polster sinkt und Dietmar Tanterls unregelmäßig aufleuchtende Leucht-Objekte betrachtet, springt die LED-Anzeige weiter: 409 zu Schalter C, 410 für Schalter F und 411 nach Schalter K. Von wegen Schalter! Gegen die dunklen Beratungsboxen wirken viele Bank- und Sparkassenarbeitsplätze wie Tante-Emma-Läden, eingezwängt zwischen Infoablagen und lichtgraue Schubfächer. Nichts dergleichen im Servicezentrum der Münchner Architekten Peck + Daam. Ruhe breitet sich aus, die Ruhe dunklen Mobiliars und klarer Gestaltungshierarchien. 28 von halbhohen Zwischenwänden flankierte Beratungskojen signalisieren Offenheit.

1000 Bürger nutzen das Zentrum, an Spitzentagen sind es bis zu 1 400. Die neu gewonnen Tranzparenz findet allein beim Steuergeheimnis Grenzen. Für den Kunden gibt es die Möglichkeit, sich in ein Separee führen zu lassen. Zwei konventionelle Büros befinden sich hinter einer Mattglastür, für besonders diskrete Besucher - doch es heißt, dass nur wenige das private Gespräch dem halböffentlichen vorziehen, die meiste Zeit bleiben die Räume leer.

Nur ja kein Wohnzimmer

Amtsstuben stören Bernhard Peck. In ihnen fühlt sich der Münchner "wie in einem Wohnzimmer", als habe er ungefragt Privatgrund betreten. Falsche Gemütlichkeit wollten Peck + Daam im Pavillon der Münchner Finanzämter gar nicht erst aufkommen lassen. Ihr Servicezentrum tritt als kitschfreie Zone auf, garantiert ohne Kakteen und angepinnte Karikaturen. Mit Farbfächer und Zollstock in der Hand sowie viel Überzeugungsarbeit haben die Gestalter das Flagschiff der Bayerischen Finanzämter in Form gebracht. Nicht eine Nadel steckt in den grauen Raumteilern, kein Zettel, nirgends.

Der klare Auftritt hat seinen Preis. Die Farbe des Geldes gerinnt zu Grau, wie es Architekten lieben, mit feinen Abstufungen zwischen anthrazitfarbenen Polstern, Schieferplatten und dunkel lackiertem Stahl. "Zu grau", befindet die Dame vom Infostand. Selbst die Kinderspielecke wurde grau bezogen. Innen kommt dagegen gedämpftes Rot zum Vorschein, gut versteckt, als schäme man sich dieser Entgleisung.

Bauen fürs Finanzamt sei eine Herausforderung, gibt Peck zu. "Das heißt, für Leute zu entwerfen, die ein schlechtes Image befürchten". Solide, aber unaufdringlich sollte das Ergebnis sein, gediegen, dabei keinesfalls protzig, als habe man das Geld der Steuerzahler mit offenen Händen ausgegeben. Verschiedenste, oft widersprüchliche Vorgaben mussten die Architekten zu einem konsistenten Ganzen zusammenbringen. Das ist ihnen gelungen. Wer Amt sagt und Behörde meint, bekommt hier etwas ganz anderes: Atmosphäre wie in einem modernen Dienstleistungszentrum. Der inneren Noblesse entspricht ein erhabenes Äußeres.

Säulenumspielt thront der Pavillon anderthalb Meter über dem Straßenniveau. Der Eingang zum Tempel der Steuerzahler ist weit zurückversetzt. So läuft man, die Steuererklärung unterm Arm, erst an einer Fassade entlang, wie sie wohl Egon Eiermann gefallen hätte, dessen leichte Pavillons der fünfziger Jahre Peck + Daam augenzwinkernd zitieren und für die Gegenwart neu interpretieren. Schlanke Stützen tragen das Vordach, dahinter liegt die lang gezogene Glaswand, die wie eine Haut den Multifunktionsbau aus Beratungszentrum, Küche und Kantine für die Mitarbeiter zusammenhält und zu einer Einheit werden lässt.

Ob sich Steuerpflichtige nun gleich wie "respektable Mitglieder der New Economy" fühlen, wie das Fachblatt Baumeister mutmaßt, sei dahingestellt. Sicher deutet das Amt einen Quantensprung an, wo doch das das Behördendesign auf einen außerordentlichen Respekt vor dem Bürger schließen lässt Glas vom Boden bis zur Decke.

Willkommen, ihr Steuerzahler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare