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„Das Ermöglichen von Musik ist eine politische Haltung“, sagt Saleem Ashkar.

Saleem Ashkar

„Ein Pianist ist ein moderner Don Quijote“

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Der palästinensisch-israelische Musiker Saleem Ashkar spricht in der FR über sein Repertoire und seinen Auftritt beim Rheingau Musik Festival.

Herr Ashkar, Sie treten im Sommer in der Reihe „Courage“ des Rheingau Musik Festivals auf. „Courage“ als Themenschwerpunkt scheint momentan ein Trend zu sein. Ob Oscar-Verleihung oder Musikfestival oder das Musikfest-Thema „Musik als Bekenntnis“ der Alten Oper: Was früher nur Event und schöne Musik war, bekommt zunehmend einen Bekenntnis-Charakter. Sind Kunstschaffende heute couragierter als noch vor 20 Jahren?
Das glaube ich nicht. Beim Film mag das Politische noch nahe liegen, aber die Musik bleibt doch zum großen Teil eine abstrakte Kunst. Und das Abstrakte führt zu einer Vielfalt der Bedeutungen. Man kann eine Phrase heute so spielen und morgen anders, der Ausdruck ändert sich, obwohl das Material das gleiche bleibt. Ein Meisterwerk ist deshalb ein Meisterwerk, weil es so vieles gleichzeitig bedeuten kann und nicht festgelegt ist. Daher wäre es beinahe gefährlich, Musik in eine Funktion zu zwängen. Was aber nicht bedeutet, dass wir als Musiker keine politische Stimme haben können. Ich möchte aber als Künstler meine Unabhängigkeit von jeder Funktionalisierung verteidigen. Allerdings würde ich genauso verteidigen, dass ich als Mensch eine Meinung haben darf. Die Unterscheidung ist mir sehr wichtig. Wenn ich den Satz höre „durch Musik kann man so viel erreichen“, sage ich: Nein. Durch Musikerziehung, Musikausbildung dagegen schon. Das Ermöglichen von Musik ist eine politische Haltung.

Gerade Pianisten – ich denke da an Fazil Say oder Igor Levit, auch an András Schiff – nehmen auf oder zumindest neben dem Podium gerne Stellung zu tagespolitischen Themen. Das gab es früher doch nicht.
Wenn Sie mich noch dazu zählen und Krystian Zimerman, der sich in den USA vehement gegen die Platzierung amerikanischer Raketensysteme in Polen ausgesprochen hat, sind wir bei fünf. Ist das schon ein Trend? Hm, vielleicht. Pianisten sind Einzelgänger, Einzelkämpfer. Für mich ist ein Pianist ein moderner Don Quijote: Das Repertoire immer größer als man selbst, ein Berufsleben reicht nicht, alles in sich aufzunehmen – das prägt sicher. Das ist eine Theorie, für die ich aber nicht meine Hand ins Feuer legen würde.

Sie selbst sind ein palästinensisch-israelischer Pianist aus einem christlichen Elternhaus, stammen also aus einer Gegend, die immer wieder Brennpunkt ist. Könnten Sie überhaupt ein unpolitischer Pianist sein, wenn Sie wollten?
(Ashkar lacht) Nein, ich hatte keine Wahl. Vielleicht ein Fazil Say ja auch nicht, wenn er sieht, wie sein Land sich zum Negativen verändert. Ich selbst sage aber gar nicht viel, ich mache etwas, etwa mit dem Galilee-Orchester oder der Al-Farabi-Musikakademie, die ja keine symbolischen Projekte sind, sondern tägliche Arbeit. Noch vor 15 Jahren bin ich geradezu davor geflüchtet, wenn es um politische Themen ging. Ich wollte Pianist sein und niemand, der sich mit dem Politischen zu profilieren versucht. Klar, der erste Impuls der klassischen Musikwelt war, in mir den Klavier spielenden Palästinenser zu sehen. Da musste ich viel machen, um davon los zu kommen.

Und ich fange jetzt wieder damit an. Tut mir leid.
Nein, nein, jetzt mache ich das gerne. Jetzt sprechen wir ja über das Thema „Courage“ ...

... und damit auch über Ihren Abend beim RMF mit dem Galilee Chamber Orchestra, in dem Juden und Araber gemeinsam musizieren. Ist das die kleine Schwester von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra?
Im Grunde genommen ist die Idee eine ähnliche, aber die Schwerpunkte gänzlich andere. Hier haben wir israelische Juden und israelische Palästinenser, die zusammen musizieren, während beim Divan-Orchester Israelis mit Musikern aus verschiedenen arabischen Ländern zusammenspielen. Im Galilee-Orchester schauen wir konkret auf uns: Das sind die Menschen, die miteinander leben, auskommen, arbeiten müssen. Die Politik macht ja rein gar nichts dafür. Wir kreieren immerhin eine Mikro-Realität. Natürlich lösen wir nicht die großen Probleme, aber im Kleinen schaffen wir das. Ganz spezifisch und dauernd. Und wir müssen erst einmal palästinische Kinder musikalisch ausbilden. Nach zehn Jahren sind wir jetzt an dem Punkt, an dem wir sagen: Jetzt können wir auftreten.

Wenn Sie das Galilee Chamber Orchestra dirigieren: Versuchen Sie, da auch so etwas wie deutsche Tugenden einzupflanzen? Sie sagten ja einem in einem Interview, deutsche Orchester seinen deswegen so toll, weil sich jeder einzelne Musiker als kleiner Teil begreift, der dazu beiträgt, etwas Großes zu schaffen. Dieser Kant’sche Geist sei etwas Urdeutsches, sagten Sie.
Ich lebe nun schon sehr lange in Berlin, mein Hauptrepertoire ist Beethoven, Schumann, Brahms, dieser Musik fühle ich mich sehr verbunden. Ja, ich hoffe, ich habe ein bisschen die deutsche Musikkultur verinnerlicht. Und so gebe ich auch das an das Orchester weiter, ganz klar.

In Berlin haben Sie zusammen mit dem Dirigenten Felix Krieger die „Al-Farabi Musikakademie“ ins Leben gerufen. Sie widmet sich der musikalischen Arbeit mit Flüchtlingskindern. Bitte erzählen Sie mir etwas darüber.
Als die große Flüchtlingswelle nach Deutschland kam und dann auch bald die Stimmung zu kippen begann, dachten wir: Wir wollen etwas unternehmen. Diese Musikakademie ist ein kleines, feines Projekt von zwei Musikern, die nicht passiv sein wollen im Angesicht solch existenzieller Probleme. Es ist nichts weiter als ein Kinderchor und ein kleines Ensemble, mit dem wir versuchen, etwas Musik in das Leben von Kindern zu bringen, von Deutschen und Neu-Berlinern. Immer wenn ich einen der Workshops besuche, geht mein Herz auf, wirklich. Es geht nicht darum, gute Musiker aus ihnen zu machen, vielmehr um Spaß, Tanz, Körperarbeit, ja einfach um die Kinder zu befreien. Es ist ein Tropfen auf einem heißen Stein.

Sie haben Beethoven-Sonaten in Nazareth gespielt, wo Sie zu Hause waren, und sie spielen Beethoven-Sonaten regelmäßig in Konzerten in Deutschland. Spielen Sie Beethoven anders, seitdem Sie selbst in Deutschland leben?
Das ist schwer zu sagen. Ich spiele jedes Jahr anders. Ich ändere und – hoffentlich – entwickele mich die ganze Zeit. Wenn ich vorher Debussy gespielt habe, spiele ich Beethoven anders, vielleicht farbiger, leichter. Und wenn ich dann Prokofjew studiere, wird mein Beethoven vielleicht eine Spur perkussiver. Das ist also alles wirklich nicht so einfach. Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Einflüsse was auslösen. Sicher ist aber: Hätte ich in Amerika studiert, würde ich anders klingen. Und deswegen bin ich in Europa geblieben, weil ich so klingen wollte. Beinahe wäre ich ja als 18-Jähriger nach New York gegangen, ein Stipendium hatte ich in der Tasche, es war alles bereit. Aber etwas tief in mir sagte damals: Nein, ich will genau diesen mitteleuropäischen Klang haben, erst einmal gegen jede finanzielle Logik.

Aber auch auf diese Idee könnte man kommen: Klingt Ihr Beethoven anders als der anderer Pianisten, weil Sie, der christliche Palästinenser in Israel, sich alles erkämpfen mussten? Kein Klavier im Haus, kein musikalisches Elternhaus, keinerlei Infrastruktur? Beethoven und Ashkar, zwei Kämpfernaturen?
Ja, das kann schon sein. Meine sehr späte musikalische Entwicklung aufgrund der fehlenden Infrastruktur, das stimmt schon. Aber das ist auch ein Vorteil: Mir war dann dafür auch schnell alles musikalisch sehr bewusst, weil ich mir alles holen musste. Kämpfernatur? Ja, Beethoven ist Kampf. Er hat gekämpfte als Mensch, aber auch als Komponist mit der Materie. Es heißt ja immer: Vom Dunkel ins Licht. Ich mag aber lieber: Vom Irdischen zum Himmlischen. Seine Kontrapunkte sind ja hart und konstruiert, die haben nicht Leichtes. Aber durch irgendeinen musikalisch-alchemistischen Prozess verwandelt sich das in etwas Übermenschliches. Und jetzt kommen wir wieder zum Anfang unseres Gesprächs, das Abstrakte der Musik: Von Beethoven als Menschen wissen wir so viel, warum sollen wir dieses Wissen nicht mitdenken, wenn wir seine Musik spielen? Sicher, wir projizieren damit etwas in eigentlich absolute Musik – aber warum auch nicht? Es ist gefährlich, aber es kann uns helfen, noch mehr Ausdruck in dieser Musik zu finden. Ich bin kein orthodoxer Objektivist.

Ist es eigentlich falsch, Sie als den einzigen arabischen Konzertpianisten von Weltrang zu bezeichnen?
Es gibt ein paar nette, gute Kollegen, die ich mit diesem Satz verletzen würde. Wo ich selbst stehe in einer imaginären Weltrangliste, interessiert mich nicht. Das ist das Schöne am Älterwerden, das merke ich schon seit ein paar Jahren. Wirklich, ich leiste mir den Luxus, mich nicht dafür zu interessieren. Das ist jetzt kein Getue.

Es ist noch nicht lange her, da sah man in einem chinesischen Pianisten etwas Singuläres. Wird also auch einmal die Zeit der arabischen kommen?
In China gibt es hunderttausende Schüler, die unter optimalen Bedingungen von klein auf ausgebildet werden. Das sieht im arabischen Raum ganz anders aus. Da gibt es Einzelgänger, die diese Musik für sich entdecken und die das unbedingt machen wollen. Das sind eine Hand voll. Ich habe für jeden, der Pianist wird, einen enormen Respekt, aber: Wer so sehr gegen den Strom schwimmen kann, muss eine echte Mission haben, für die empfinde ich die größte Liebe und Empathie.

Interview: Stefan Schickhaus

Zur Person

Saleem Ashkar, 1976 im israelischen Nazareth als Sohn palästinensischer Christen geboren, studierte in London und Hannover. Als 17-Jähriger wurde er von Zubin Mehta zu seinem ersten

großen Konzert mit dem Israel Philharmonic Orchestra eingeladen. Im Alter von 22 Jahren debütierte er in der New Yorker Carnegie Hall unter Daniel Barenboim, seitdem gastiert er international bei bedeutenden Orchestern. Er lebt in Berlin, wo er sich auch für die musikalische Förderung von Flüchtlingskindern einsetzt. Beim Rheingau Musik Festival wird er das Galilee Chamber Orchestra präsentieren und unter anderem die erste Sinfonie und das zweite Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven zur Aufführung bringen:

Am 8. August im Kurhaus Wiesbaden. www.rheingau-musik-festival.de

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