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„Sprache verändert sich nun mal ständig, und wenn sie es nicht aus dem einen Grund tut, dann eben aus einem anderen.“

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Das Rufen der Unken

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Werden Sprachen allzu sehr vereinfacht, wenn Google sie übersetzt? Dann liefe das wie im Film.

Anfang 2017 veränderte sich die Welt. Erst mal nur ein bisschen, den meisten wird es gar nicht aufgefallen sein. Die kostenlose maschinelle Übersetzung, die Google schon seit 2006 unter dem Namen „Google Translate“ für viele Sprachen bereitstellt, lieferte statt kaum verständlicher Textbrocken plötzlich ganz brauchbare Ergebnisse. Aus der Sicht von Anwenderinnen geschah das über Nacht, aber natürlich steckt in Wirklichkeit eine lange Geschichte dahinter. Der Austausch der alten Google-Übersetzungssoftware gegen die neu entwickelte „Google Neural Machine Translation“ war nur ihr vorerst letzter Schritt.

Fünf Jahre vorher schreibt der Technikkritiker Jaron Lanier im Vorwort zu einem Buch der Softwareentwicklerin Ellen Ullman: „Nehmen wir an, es wird üblich, mit Hilfe von Internetdiensten zwischen Chinesisch und Englisch zu übersetzen. Ist es dann nicht ziemlich wahrscheinlich, dass Muttersprachler in beiden Sprachen nach einer Weile bevorzugt Ausdrücke verwenden, die sich zuverlässig übersetzen lassen? Werden nicht die Vorgaben der Übersetzungssoftware allmählich die übersetzten Sprachen verändern?“

Jaron Lanier ist zwar selbst so eine Art Software zum Hervorbringen vorhersehbarer Technikkritik. Aber als Herstellerin von eventuell genauso vorhersehbarer Technikverteidigung will ich ihm da keine Vorwürfe machen und nur das einwenden, was halt irgendjemand an dieser Stelle einwenden muss: Mit menschlichen Übersetzungen passiert genau das schon lange.

Anders als in vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland im Fernsehen und im Kino fast nur synchronisierte Filme. Die Übersetzungen für diese Synchronfassungen werden von Menschen gemacht, und die Qualität der so entstehenden Dialoge lässt oft zu wünschen übrig. Das liegt nicht an schlechter Bezahlung. Ich weiß das, weil ich ein paar Jahre recht gut davon gelebt habe. Mit dem Übersetzen von Seriendialogen verdient man jedenfalls viel mehr Geld als mit dem Übersetzen von Romanen. Der deutsche Text muss kurz sein und halbwegs zu den Lippenbewegungen passen – das geht nicht ohne Kompromisse. Und für den Absatz eines Films ist es schlicht egal, ob die Darsteller wie Deutsche oder wie Außerirdische reden.

Deshalb gibt es im Deutschen viele Wendungen, die erst durch synchronisierte Filme in den Sprachgebrauch gelangt sind. Naturgemäß fallen mir vor allem solche auf, die erst hinzugekommen sind, als ich erwachsen war: „Komm schon“ für „come on“, „Lass uns“ für „let’s“ und „Nicht wirklich“ für „not really“, „Uh-oh“ und „Oh mein Gott“.

Am Ende des Tages bin ich damit okay. Sprache verändert sich nun mal ständig, und wenn sie es nicht aus dem einen Grund tut, dann eben aus einem anderen. Bestimmt verwende ich Ausdrücke, die ich aus Synchronfassungen der 1980er Jahre übernommen habe, ohne es zu bemerken.

Viele Gewohnheiten aus der Synchronbranche haben außerhalb von Filmen trotzdem nicht Fuß gefasst: Der Konjunktiv („Er sagte, er sei nicht dort gewesen“), das vornehme „Töten“ statt des umgangssprachlichen Umbringens, die verzweifelten Versuche, in Synchronübersetzungen das Wort „verarschen“ zu vermeiden. Das im Film wegen seiner Kürze beliebte Reden im Präteritum („Ich verzieh ihm“) geht im Alltag sogar zurück. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass „Schätzchen“ und „Liebling“ zu üblichen Anreden geworden sind. Der Einfluss von Übersetzungssoftware wird voraussichtlich ähnlich aussehen: Manche sprachlichen Neuerungen bürgern sich ein, andere bleiben erfolglos.

Aber vielleicht geht es Jaron Lanier gar nicht um den allgemeinen Sprachwandel. Vielleicht befürchtet er, dass wir uns in Zukunft auf eine möglichst einfache, wenig bildliche Sprache beschränken müssen, weil das Übersetzungswerkzeug keine Ahnung von Metaphern hat. Das ist unwahrscheinlich, weil auch Übersetzungssoftware dazulernt – und zwar eher schneller als die Menschen, die sie verwenden. Schließlich hat sie keine irrationalen Vorlieben für das Deutsch, das sie aus ihrer Jugend kennt.

Aber falls es doch so kommen sollte, kann man zum Trost einen Blick auf Pidgin- und Kreol-Sprachen werfen: Wenn zwei Gruppen ohne gemeinsame Sprache aufeinandertreffen, dann entwickeln sie notgedrungen eine vereinfachte Behelfssprache, die Pidgin-Sprache. Schon eine Generation später wird daraus eine Kreol-Sprache mit eigener Grammatik und neuen bildlichen Ausdrücken. Sprache ist ziemlich robust, man muss sie nicht in Baumwolle wickeln. Das sagt jedenfalls Google Translate.

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