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Blick in die Lehanka-Ausstellung „Fundus“.

Marko Lehanka

Rotzi-Kotzi-Retrospektive

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Marko Lehankas Ausstellung „Fundus“ im Frankfurter Karmeliterkloster aus Anlass des Marlies-Hess-Kunstpreises.

Das ist eigentlich ein Haufen Schrott“, sagt Thomas Bayrle über eine Skulptur von Marko Lehanka, die den eigenwilligen Titel „APO Rotzi-Kotzi“ trägt und tatsächlich einigermaßen zusammengeschustert aussieht. Das Werk besteht aus einem antiquiert anmutenden Bollerwagen mit einem komplexen Pappaufbau, in dem sich ein improvisiertes Männlein an Stäben mechanisch vor- und zurückbewegt. Einem beschrifteten Karton auf dem Dach der Konstruktion lässt sich entnehmen, dass es sich hierbei um eine transportable Apotheke handelt, an deren Gehäuse diverse Anzeigen angeschlagen sind: „Ohrhaare schneiden, waschen, legen, fönen ... man könnt sich drann gewöhnen“, heißt es da etwa in eigenwilliger Rechtschreibung. Oder auch: „Männerhospiz ,Schlachterei‘ – wieder frische Betten frei!“.

„Schrott“ nennt das also Thomas Bayrle, Lehankas ehemaliger Lehrer an der Frankfurter Städelschule, und das Seltsame ist: Es klingt wie ein Lob. Technisch ließe sich die Bewegung des Apothekers ja völlig einfach und unsichtbar lösen, erläutert Bayrle sein Urteil. Aber gerade das sei bei Lehanka der Clou, dass er nichts verstecke, dass „der ganze Schrott“ hier offen zutage trete. Dass Lehanka mit seinen Arbeiten stets „unsere ganze Gebrechlichkeit, Hilflosigkeit und auch unseren platten Humor“ offenlegt.

Derzeit steht die Skulptur im Refektorium des Frankfurter Karmeliterklosters in der Ausstellung „Fundus“ – die deshalb stattfindet, weil Lehanka gerade den Marlies-Hess-Kunstpreis erhalten hat. Davor stand die „Rotzi-Kotzi“-Skulptur jahrelang bei Lehanka zu Hause im Freien. Er habe die Pappe vorher mit Lack präpariert, erklärt der Künstler und grinst. Von wegen Schrott. Genau genommen sind Lehankas Skulpturen, die immer ein wenig dilettantisch anmuten, improvisiert und oft so fragil zu sein scheinen, als könnten sie jeden Moment in sich zusammenstürzen, nämlich sehr sorgfältig konstruiert. Das, was hingeschludert wirkt, steckt stets voller Details und Anspielungen – und es macht gar nichts, dass man die Verweise oftmals gar nicht alle versteht. Wichtig ist, dass es sich um Versatzstücke aus dem Alltag handelt, dass jeder, der es sieht, Bezüge zu seiner eigenen Welt herstellen kann.

Alles ist also, wie es sein soll. Das gilt selbstredend auch für „Meine letzte Kartoffel“, einen unförmigen Brocken, auf dem sich ein zartes Vögelchen dreht, oder den „Alle meine KuratorInnen Brunnen“ aus drei übereinander gestapelten Kühlschränken, Regentonne und Schlauch – wenngleich man auf den ersten Blick denken könnte, es handele sich um einen Haufen, der für den Sperrmüll bereitgestellt wurde. Auf dem obersten Kühlschrank sind eine Reihe von Bildmagneten mit Fotos jener Kuratoren angebracht, die Lehanka, der 1961 in Herborn geboren wurde und seit 2006 Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg ist, in seiner Laufbahn gefördert haben: 39 insgesamt. Natürlich ist Jean-Christophe Ammann dabei, der in seiner Zeit als Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst diverse Arbeiten angekauft hat. Und natürlich ist auch Kasper König dabei, der Lehankas Werk immer wieder gezeigt hat, sei es auf der Skulptur Projekte Münster oder im Kölner Museum Ludwig.

Der Künstler merkt sich das und ist dankbar. „Ich habe ein Gedächtnis wie ein Pferd“, behauptet er, und es ist typisch, dass er ein klassisches Sprichwort mit seiner eigenen Variation ad absurdum führt. Das Aalglatte, Richtige und Perfekte mochte Lehanka schließlich noch nie.

Insgesamt hat die Ausstellung den Charakter einer sehr persönlichen Retrospektive: Gegenüber dem nur in Fragmenten erhaltenen Wandgemälde Jörg Ratgebs mit Szenen aus der Geschichte des Karmeliterordens aus dem frühen 16.Jahrhundert hat Lehanka einen Baustellenzaun platziert, der poppig designte Plakate mit Stationen aus dem Leben des Lehanka präsentiert. Allen voran: die Städelschule und ihr damaliges Personal, aber auch der Reinfall mit dem Telefonzellen-Brunnen kommt vor.

1999 hatte der Künstler einen Wettbewerb für einen Brunnen auf dem Main-Plaza gewonnen. Er plante, eine Telefonzelle mit Wasser zu fluten. Dem Auftraggeber gefiel das Werk nicht, und so wurde nichts daraus. Dass Lehanka das auch zwanzig Jahre später noch wurmt, zeigt eines der Plakate, auf dem es heißt: „Wenn geplagte Investoren blocken, was is’n das? was soll das sein? dann kann dein Brunnen noch so schön sein. juriert gar auf Platz I. kannst Preise kriegen so viel de willst ... einen Arschtritt kannst de gerne haben und zwar ganz umsonst ...“ Der Künstler hat eben ein Gedächtnis wie ein Pferd.

Es gehört zu den Stärken im Werk Lehankas, dass er niemals versucht, souverän zu sein und über den Dingen zu stehen, sondern alles, was ihn ausmacht – seine Ausbildung, seine Förderer, seine Misserfolge und Eitelkeiten -, den ganzen „Schrott“ also, gnadenlos offenlegt.

Institut für Stadtgeschichte,Karmeliterkloster, Frankfurt: bis 12. Mai. www.stadtgeschichte-ffm.de

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