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Zsuzsanna Bene: „Stocktanz“, Ungarn, 1955.

Roma-Archiv

Das eigene Bild

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Wer darf es erzählen? Wer darf es erklären? Roma und Sinti präsentieren ihre Kulturen in einem digitalen Archiv.

Wer darf die Geschichte erzählen? Die Antwort ist einfach: Es ist eine Frage der Machtverhältnisse. Wer die Geschichte erzählt, bestimmt ihre Botschaft, selbst wenn es sich um Fotografien handelt, die vorgeblich nur zeigen, was ist. Doch Bilder sind niemals unschuldig. Und bei diesem Machtspiel waren Roma, Sinti, Travellers und Gipsies, die Jenischen, die Gitanos, die Lovara und die Kalderasch, die zusammen mit zwölf Millionen Menschen die größte ethnische Minderheit Europas bilden, jahrhundertelang die Verlierer. (Die Namen all dieser Volksgruppen sind immer mitzudenken, wenn hier von Roma und Sinti die Rede ist.) Über ihr Bild wurde bestimmt. Es war und ist durch rassistische Stereotypen geprägt. So wie diese Schwarz-Weiß-Fotografie etwa vom Anfang des 20. Jahrhunderts: Ein fahrender Rom steht mit seinem kleinen Kind vor seinem Zelt, neben ihm „anständige“ Bürger, „Zeugen“ womöglich, auf der anderen Seite zwei Polizisten. 

Dieses Bild einer Razzia ist in dem seit Donnerstagabend zugänglichen RomArchive zu sehen, ein digitales Archiv, wie es geeignet scheint für eine so verstreute Volksgruppe. Und schon ist man unter dem Stichwort „Bilderpolitik“ eingetaucht in diese Sammlung von Kunst aller Gattungen, wissenschaftlicher Texte, historischer Dokumente, Videos, Musikaufnahmen. Man erfährt, dass das Bild von der Razzia der Sammlung eines ungarischen Ethnologen entstammt und dass die ungarische Kulturwissenschaftlerin Andrea Pócsik es später in ihrer Studie über die auf Fotofilm projizierte Kriminalisierung der Romnja verwendet. Ja, das können wir bei der Gelegenheit auch gleich lernen, Romnja heißen die Frauen, und Sintize. 

Enrique Linares: „Zambra Gitana in Granada“, Postkarte, Spanien 1910.

Doch wie lässt sich das kollektiv so tief eingegrabene Bild ändern? Andrea Pócsik zieht in ihrem Text „Das Fotoarchiv des Verlernens“ einen Begriff des britischen Kulturtheoretikers Raymond Williams heran, der von „unlearning“ spricht. Und dabei geht es nicht um ein Vergessen, sondern um das Verlernen von etwas Verinnerlichtem. 

Vielleicht, so schlägt ein nicht näher benannter Mann im Video „Die Herausforderungen des Archivs“ vor, können Bilder aus Familienalben dabei helfen, Alltagsbilder, wie das seiner Mutter: Eine junge Frau, die lässig an einem Trabant lehnt, im Hintergrund ein modern wirkendes Hochhaus. Das Bild stammt aus den Siebzigern, sie war damals Gastarbeiterin der DDR. Er blättert weiter in dem Album, da ist eine Hochzeit, kleine Kinder im Fotostudio, der Onkel auf dem Wohnzimmersofa. Ganz normale Familienbilder. 

Auch die dunkelsten Perioden der Geschichte sind aufgenommen. „Voices of the Victims“ ist eine bewegende Sammlung von Kassibern, Briefen, Notizen aus der Zeit des Völkermords im Nationalsozialismus. Es gibt im RomArchive noch viel mehr Abteilungen: Bildende Kunst, Musik, Tanz, Theater, Film, Literatur, auch Bürgerrechtsbewegung. In jeder findet sich diese Fülle an Material, zunächst auf Deutsch, Englisch und Romanes. Später sollen weitere Sprachen hinzukommen. Obwohl noch nicht alles funktioniert und manches vielleicht klarer geordnet sein könnte, ist es eine Schatzkammer, die sich da auftut und in der man sich auf anregende Weise verlieren kann. Und dabei ist das ja erst der Anfang, denn das Archiv wird wachsen, es ist ein Mammutprojekt. 

Das Wichtigste bei alldem ist die Selbstrepräsentation. Roma und Sinti haben alle entscheidenden Positionen inne, als Kuratoren, Künstler, Wissenschaftler sowie im Beirat, es ist ein Netzwerk von 150 Menschen in Europa und darüber hinaus. Das RomArchive ist ein Akt der Selbstbehauptung. Die Beteiligten haben höchst selbstbewusst einen Ort geschaffen, der auch der Mehrheitsgesellschaft offen steht. „Ziel des Projekts ist es, unseren Anteil an der europäischen Kultur sichtbar zu machen“, sagt Nicoleta Bitu, die Vorsitzende des Beirats von RomArchive und Präsidentin des Demokratischen Bundes der Rumänischen Roma. Es ist schon jetzt gelungen. 

Chad Evans Wyatt: Mihaela Dragan, Schauspielerin.

Seinen Anfang genommen hat alles in Berlin, und das ist vielleicht kein Zufall, denn hier sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Projekten entstanden, in denen Roma und Sinti sich zu ihrer Identität bekennen. Da ist die Galerie Kai Dikhas, 2011 im Aufbauhaus eröffnet, die als erste Galerie in Europa Roma- und Sinti-Künstler aus der ganzen Welt ausstellte. Derzeit sind hier Werke junger Roma-Künstler zu sehen. 

Später folgte die Gallery8 in Budapest, geleitet von der Kunsthistorikerin Tímea Junghaus, die nun eine der Kuratorinnen des RomArchives ist. In Berlin gibt es das 2017 von Hamze Bytyçi ins Leben gerufene Roma-Filmfestival Ake Dikhea im Kino Moviemento. Im April 2018 fand im Gorki-Theater die erste Roma-Biennale mit Kunst, Musik, Performance und Debatten statt. 

Es ist etwas in Bewegung geraten. Jedenfalls gelang es Franziska Sauerbrey und Isabel Raabe, Betreiberinnen eines Kulturbüros in Kreuzberg, Ende 2014 die Bundeskulturstiftung davon zu überzeugen, das RomArchive finanziell zu unterstützen, das zu dem Zeitpunkt kaum mehr als eine drängende Idee war. Sie sind die Initiatorinnen. Künftiger Träger wird das Europäische Roma-Institut für Kunst und Kultur mit Sitz in Berlin sein. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat für die nächsten fünf Jahre Fördermittel zugesagt. 

Und es geschieht noch mehr von Berlin aus. Ulrich Janetzki, bis 2013 Leiter des Literarischen Colloquiums hat sich zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Wilfried Ihrig auf eine jahrelange Suche in Bibliotheken, Archiven und Antiquariaten begeben. Gerade haben sie ihre kostbaren Fundstücke aus drei Kontinenten in der Anthologie „Morgendämmerung der Worte“ herausgegeben. Lyrik, von der man nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. 

Was übrigens auch für die im RomArchive präsentierte Kunst gilt. Wer will, kann dieser Unwissenheit nun ein Ende setzen. Gefeiert wird das ganze Wochenende lang mit einem Festival in der Akademie der Künste. Im Mai wird RomArchive Bestandteil des Roma-Pavillons der Biennale von Venedig sein.

Das RomArchive ist unter www.romarchive.eu zugänglich.

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