+
Auguste Rodin Hand of Rodin with a Female Figure French 1840 1917 1917 plaster PUBLICATIONxIN

Times Mager

Rodins Hände

  • schließen

Auguste Rodin war überzeugt, dass in der Kunst die Kopie nichts zu suchen habe.

Das Überkommene erhalten, es aber nicht ersetzen. Auguste Rodin hatte in der Frage der Restaurierung eine unmissverständliche Haltung. Der Bildhauer war überzeugt, dass in der Kunst die Kopie nichts zu suchen habe. Rodin stellte diese Überlegungen mit Blick auf die gotischen Kathedralen Frankreichs an. Sein Essay erschien 1914 im französischen Original, 1917 in deutscher Übersetzung, im Jahr seines Todes.

Mal abgesehen davon, was dies für die Restaurierung der Pariser Notre-Dame bedeuten könnte – Rodin war fasziniert von der mittelalterlichen Baukunst, von ihrer Struktur und ihrem Raumempfinden. Zugleich sah er in den Kirchen, vor allem den in die Landschaft eingebetteten Dorfkirchen einen integralen Bestandteil der Natur. Zudem war Auguste Rodins Gotik eine sehr französische Sache, eine nationale Angelegenheit, auch das. Hand in Hand aber gingen für Rodin in der Gotik erst recht Eleganz und Harmonie – nicht zuletzt vergegenwärtigte sie für ihn ein humanes Versprechen.

Man darf, wie so oft bei Rodin, staunen. Denn das erstaunliche Urteil des Künstlers, dass allein die Natur die Kopie vertrage, nicht aber die Kunst (also auch nicht die Skulpturen an den mittelalterlichen Kirchen!), lässt darauf schließen, was er von den zahllosen Repliken hielte, die von seinen Plastiken hundert Jahre nach seinem Tod in Umlauf sind, auch von Dutzenden Variationen seiner beiden Hände, die er zu einem Sinnbild der Kathedrale formte, 1909, in Marmor. Zwei schmale, feingliedrige Hände, aufgerichtet, sich an den Fingern berührend, nicht gefaltet, einen Binnenraum umfassend, ein aufstrebendes Gewölbe andeutend.

Die Hände sind ein bei Rodin wiederkehrendes Motiv. Die Hände, die er aus dem Marmor meißelte, nicht 1:1 nach dem Äußeren einer Kathedrale, aber doch nach ihrem Inbegriff, wurden zu einem Sinnbild des Kirchenbaus. Beschirmung, Einhausung, Geborgenheit – geradezu greifbar.

Auch diese Plastik Rodins wurde recht bekannt, jedenfalls bekannt genug durch nicht gezählte Repliken, wahrscheinlich Tausende Kopien. Rainer Maria Rilke, einige Jahre Sekretär Rodins, hat von dessen Ruhm gesprochen, von so etwas wie dem Fluch des Ruhms, der „schließlich nur der Inbegriff aller Missverständnisse“ sei, „die sich um einen neuen Namen sammeln“.

Im Falle Rodins erweist sich der Ruhm als die Replik eines seit über hundert Jahren nicht abreißenden Erfolges. Oder der Ruhm als ein Erfolg der Repliken? Auch das wäre kein Missverständnis. Allein im Internet gehen Rodins Ruhm und Verkaufserfolg Hand in Hand.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion