1. Startseite
  2. Kultur

Rockt nicht mehr

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Melanie Reinsch

Kommentare

Auch "Fashion for Home" gehört inzwischen wieder zu Rocket Internet.
Auch "Fashion for Home" gehört inzwischen wieder zu Rocket Internet. © rtr

Vor zehn Jahren wurde Rocket Internet gegründet. Der Start-up-Schmiede gelang mit zündenden Ideen wie Zalando der Aufstieg. Heute ist das Image angekratzt.

Klonfabrik. Start-up-Schmiede. Die deutsche Antwort auf das Silicon Valley. Das Samwer-Imperium. Internet-Inkubator. In der Szene haben sich so einige Namen für das Berliner Beteiligungsunternehmen Rocket Internet etabliert. Nun feiert das börsennotierte Beteiligungsunternehmen sein zehnjähriges Jubiläum. Am 5. Juli 2007 erfolgte die Registrierung von Rocket Internet in Berlin. Gegründet wurde der Konzern von dem Brüdertrio Marc, Oliver und Alexander Samwer. Sie können auf ein turbulentes Jahrzehnt zurückblicken.

2016 bezog der Konzern den Rocket-Tower mitten in Berlin-Kreuzberg: Hoch über der Stadt, lichtdurchflutete Räume, Kaffee-Lounges im Stil eines marokkanischen Möbeldesigners, alles hell, hip und start-up-gerecht. Doch trotz des schönen Scheins – es steht nicht so gut um den Ruf des Unternehmens. Hochgelobt und oft verschrien, so kann man die Historie des Konzerns wohl angemessen zusammenfassen.

Rocket Internet ist eine Art Start-up-Helfer. Die Firma investiert in junge Unternehmen, in Visionen, baut sie auf, hilft ihnen bei den ersten Schritten, stellt ihnen verschiedene Infrastrukturleistungen bereit – und kopiert dabei vor allem Unternehmen, die international schon Erfolge vorweisen können. Dieses Konzept brachte Rocket Internet das Image einer Klonschmiede ein. Inzwischen hat Rocket Internet in mehr als 100 Ländern selbst aufgebaute Firmen oder Beteiligungen. Wenn es gut läuft, werden diese Unternehmen groß. Sehr groß.

So geschehen zum Beispiel beim Online-Händler Zalando, der den amerikanischen Schuh- und Modeartikel-Online-Shop Zappos zum Vorbild hatte. Vieles hatte sich Rocket Internet im Jahr 2008 dort abgeschaut. Bis heute gilt Zalando als Aushängeschild von Rocket Internet. Inzwischen ist die Liste der Internet-Unternehmen, an deren Gründung die Berliner entweder teilweise oder direkt beteiligt sind oder waren, lang: Die Möbelversandhändler Home 24 und Westwing gehören ebenso dazu wie die Online-Partnervermittlung eDarling, die Online-Bestellplattform Foodpanda, der Putzkraftvermittler Helpling oder der Kochbox-Lieferant HelloFresh. Laut eigenen Angaben von Rocket Internet beschäftigen diese Unternehmen insgesamt mehr als 28 000 Mitarbeiter.

2015 erwarb Rocket Internet eine Beteiligung am Essens-Lieferdienst Delivery Hero, der erst in der vergangenen Woche an die Börse ging. Davon profitiert auch die Holding Rocket Internet, die bisher mit etwa 35 Prozent als Großaktionär an dem Unternehmen beteiligt war. Nicht nur finanziell, auch für das angekratzte Image war das ein Erfolg. Denn das Modell, Start-ups aufzubauen und dann gewinnbringend abzustoßen, steckt immer mal wieder in der Krise. Der letzte größere Erfolg, den das Unternehmen für sich verbuchen konnte, liegt einige Zeit zurück: Vor rund drei Jahren ging Zalando an die Börse.

Auch der eigene Börsengang brachte nicht den erhofften Erfolg. 2014 lächelte Oliver Samwer an der Frankfurter Börse in die Kameras, streckte selbstbewusst die Börsenglocke in die Luft. Im vergangenen Jahr häufte Rocket Internet mehr als 741 Millionen Euro Verlust an, eine Verdreifachung zum Jahr davor.

Der Wert der Aktie hat sich seit dem Börsengang mehr als halbiert. Das Papier ging mit 42,50 Euro an den Start, hatte seinen Peak Anfang 2015 bei über 57 Euro und liegt jetzt gerade mal bei knapp über 18 Euro.

Doch damit nicht genug: Erst Anfang Juni verkündete der schwedische Großaktionär Kinnevik überraschend, nach acht Jahren bei Rocket Internet auszusteigen. Die Ehe zwischen den beiden galt schon länger als angespannt. Immer wieder verließen zudem in der Vergangenheit Führungskräfte das Unternehmen. Auch das beschädigte das Image des Konzerns.

Doch neben dem Delivery-Hero-Börsengang gibt es auch weitere gute Nachrichten aus dem Haus. Erst Ende Juni verkaufte die Start-up-Fabrik die verbleibenden Anteile des Online-Händlers und Amazon-Klons Lazada an den chinesischen Internetriesen Alibaba. 243 Millionen Euro erhielt das Unternehmen für den Deal. Rocket Internet hatte Lazada 2012 gegründet und nach eigenen Angaben 18 Millionen Euro investiert. „Lazada war ein großer Erfolg für uns und unterstreicht unsere Fähigkeit, Unternehmen in Wachstumsmärkten erfolgreich aufzubauen. Seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 2012 in Südostasien hat sich Lazada zum führenden E-Commerce-Anbieter in der Region entwickelt“, erklärte Rocket-Chef Oliver Samwer.

Zusammen mit dem Börsengang von Delivery Hero fließt Rocket damit eine halbe Milliarde Euro zu. Geld, das Rocket Internet nach den Verlusten des vorigen Jahres gut gebrauchen kann. Aber auch zum Aufpolieren seines Images.

Auch interessant

Kommentare