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Der designierte Kultursenator Klaus Lederer mit Michael Müller (l., SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin.
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Der designierte Kultursenator Klaus Lederer mit Michael Müller (l., SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin.

Dercon oder Castorf

Ring frei für eine neue Volksbühnen-Runde

Der designierte Kultursenator Klaus Lederer will die Berufung Chris Dercons an Frank Castorfs Bühne wieder prüfen.

Von Ulrich Seidler

Die gefallenen Würfel sind wieder im Becher. Wer bisher – resigniert oder erleichtert – davon ausgegangen war, dass die berlinisch-dreckig diskutierte Frage zur den künftigen Intendanz der Volksbühne beantwortet ist, wird nun durchgeschüttelt. Der designierte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) will die Personalentscheidung seiner Vorgänger prüfen. Er sagte der FR: „Es geht nicht um eine Entscheidung für oder gegen Chris Dercon. Das wäre Quatsch. Es geht um die Frage: Ist dieses Konzept tragfähig, ohne dem Organismus Volksbühne einen irreparablen Schaden zuzufügen.“

Flammt der Streit nun wieder auf? Hier die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, seit bald einem Vierteljahrhundert in der unzimperlichen Obhut von Frank Castorf, der 1992 selbst als Radikalerneuerer den Laden übernahm – und rettete. Da die volksbühne.berlin, schnittig kleingeschrieben, unter der Führung des nach weiter Welt duftenden, vom scheidenden Kulturstaatssekretär Tim Renner verpflichteten belgischen Museumsmann Chris Dercon, der zuletzt in London die Tate Modern zu glänzenden Erfolgen brachte.

Ja, jetzt muss weiter gestritten oder noch besser: geredet werden. Die Grünen fordern auch schon einen Runden Tisch. Natürlich kann man die Vertragsunterschriften nicht einfach löschen. Passé ist die halb mit Schrecken, halb mit Lust ausgemalte Vision von Castorf, der auf Lebenszeit in das Haus gekerkert wird, um zusammen mit dem dort hausenden Theatergeist in einem geduldigen, unerbittlichen Ringkampf unterzugehen.

Es steht nicht nur Castorf auf dem Spiel, sondern auch das Ensemble, womit nicht nur die fest angestellten Schauspieler, sondern auch die treuen Spielergäste und Regisseure wie Christoph Marthaler, René Pollesch und Herbert Fritsch sowie alle Gewerke gemeint sind. Und es steht das Grundverständnis der Volksbühne als Sprechtheater auf dem Spiel, als Sprechtheater allerdings mit genresprengender Kraft, mit internationalem In- und Output, das sich immer wieder selbst angreift und neu erfindet.

Die Dercon-Crew wird darüber die Augen verdrehen, sie kennt die Argumente längst und berücksichtigt sie sicher auch in ihrer Vorbereitungsarbeit. Sie haben einen auskömmlichen Etat für diese Vorbereitungszeit bekommen und basteln seit Monaten in einem Büro gegenüber der Volksbühne an einem Spielplan, der alle Zweifel ausräumen muss.

Dies war das Argument, dem sich ein demokratisch gesinnter Beobachter zu beugen hat. Nämlich, dass man nicht über etwas meckern kann, das man noch nicht kennt. Man legte auch Dercons Wischiwaschiworte zur Ästhetik und kommerziellen Verflechtung von Kunst und Stadt nicht so sehr auf die Goldwaage, schließlich kann man, wie jeder Kritiker weiß, viel Erwartungshumbug über Theater blubbern – am Ende stehen immer sehr konkret: die Künstler – und noch konkreter: die Aufführungen.

Diese Konkretheit versuchte Dercon zu simulieren, indem er neue Nebenspielstätten anpries und vier renommierte Namen aus dem Hut zauberte, die er, halb zur Überraschung der Genannten, als Leitungsteam zu installieren gedenke: den intellektuellen Filmregisseur Alexander Kluge, die festivalerprobten Choreografen Mette Ingvartsen und Boris Charmatz sowie die Theatermacherin Susanne Kennedy. Seitdem nichts Neues, nichts Konkretes, schon gar nichts Inhaltliches. Größtes Verständnis; über ungelegte Eier spricht man nicht. Man stehe in Verhandlungen. Aber das Argument wendet sich nun gegen Dercon: Wenn die Verträge noch nicht unterschrieben sind, dann kann man von ihnen zurücktreten.

Ausgerechnet in München wurden die Entwürfe für Dercons großspurige Nebenspielstätte auf dem Tempelhofer Feld vorgestellt: ein in den Hangar fahrbares 1000-Zuschauer-Amphitheater von Francis Kéré, dem Architekten von Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso. Was für eine wunderschöne, aber leere und dazu noch nicht finanzierte Blase! Die dazu von Renner aus dem Lotto-Topf beantragten Mittel von 500 000 Euro wurden zurückgestellt.

Lederer hat aber noch etwas gesagt, etwas dass, für Nichtberliner muss man das dazusagen, nicht nur höflich gemeint ist. Dercon habe „seine Fähigkeiten“, so Lederer. „Man wird gucken müssen, wie alle an der Stelle, wo sie die Richtigen sind, auch das machen können, was sie machen wollen.“ Das muss nicht die Volksbühne sein. Das Schillertheater liegt brach, und das besagte Tempelhofer Luftschloss schwebt ein. Vielleicht ist auch eine Kooperation mit der Choreografin Sasha Waltz möglich, die als nächste Intendantin des Staatsballetts mindestens ebenso umstritten ist.

Renner könnte immerhin als Katalysator der Berliner Kulturpolitik ein bisschen in Erinnerung bleiben. Mit seiner Hilfe wurde der Stadt Berlin wieder klar, was ihr die Sachen, die ihr selbstverständlich geworden sind, wert sind. Und wenn jetzt Intendanten für die Volksbühne und für das Staatsballett gesucht werden sollten, dann wären vielleicht auch weniger glamouröse Leute hinnehmbar, wenn sie nicht fachfremd und an den Gegebenheiten interessiert sind.

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