Weltverbesserungsmaschine

Richtig falsch leben im Falschen

Friedrich von Borries’ Installation einer „Weltverbesserungsmaschine“ in Berlin.

Von Dirk Pilz

Friedrich von Borries’ Installation einer „Weltverbesserungsmaschine“ in Berlin.

Fangen wir damit an: Wir leben in einer dummen, deprimierenden Welt. Überall Kapitalismus, nirgends Auswege. Deshalb steht im Hof des Hamburger Bahnhofs jetzt eine Weltverbesserungsmaschine. Mit ihr wird alles besser, wenn es gut geht. Und wenn alle mitmachen.

Die Weltverbesserungsmaschine ist ein Tetraeder; er sieht nicht nach Revolution aus, auch nicht nach Kunst. Es ist ein Modell, Figur gewordene Abstraktion, nicht sonderlich schön, auch nicht weiter gedankenanregend. Damit soll die Welt verändert werden? Damit sollen Sie auf Reisen gehen. Denn die Weltverbesserungsmaschine ist kein Ding wie man sich Maschinen vorstellt, kein quietschendes, öliges Etwas. Die Maschine ist in Ihrem Kopf. Sie sind der Konstrukteur und der Künstler, der Weltenveränderer. Deshalb gibt es eine Schatzkarte. Es ist eine Wegweisung zu 70 Exponaten in 15 Berliner Museen. Die Karte schickt Sie zu Rubens’ „Landschaft mit Kühen und Entenjägern“ in der Gemäldegalerie, zum „Liegenden Kalb“ aus Uruk im Pergamon-Museum, zu Goyas „Torheit der Narren“ in der Sammlung Scharf-Gerstenberg. Sie gehen in der großen Stadt Berlin herum und sammeln Kunsteindrücke, jonglieren mit Assoziationen, basteln Ihre eigene Kunstvernetzungswelt. So verändern Sie die Welt: indem Sie die Kunst auf sich wirken lassen.

Das finden Sie spinnert? Es ist spinnert, aber interessant.

Friedrich von Borries hat diese Weltverbesserungsmaschine erfunden. Es ist die Wiederaufnahme einer alten Idee. Zwei Bücher sind im Merve-Verlag zur „Berliner Weltverbesserungsmaschine“ erschienen, das eine erklärt die Struktur, macht mit jener „Maslowschen Bedürfnispyramide“ bekannt, die dem Tetraeder im Hamburger Bahnhof den theoretischen Unterbau liefert, notiert zu allen 70 Exponaten kurze historische, philosophische, kunstkritische Anmerkungen. Der andere Band führt in die Früh- und Folgegeschichte des Weltverbesserungsmaschinengedankens.

Man liest sich in Schriften aus dem 17. Jahrhundert fest, als die Idee einer solchen Maschine aufkam, wird auf die damaligen weltverbessernden Absichten aufmerksam gemacht und findet die Idee einer solchen Maschine bei der Gründung der Akademie der Künste (1696) und der Königlichen Museen zu Berlin (1830ff.) beteiligt.

Man muss diese Bücher lesen, nicht nur um den interventionistischen Charakter des Borries-Projekts zu verstehen, sondern weil seine Weltverbesserung alles mit allem zusammenbringt. Die Abstraktion mit der Kunst, das Wandern zwischen den Museen mit der Lektüre, die Welt da draußen mit der Wirklichkeit in mir. Man muss die „Annäherung an einen überverwendeten, aber unterbestimmten Begriff“ im „Glossar der Interventionen“ lesen, muss den „Berliner Atlas paradoxaler Mobilität“ studieren und Mobilität als „Mobilmachung, also die Organisation der Masse im Raum“ begreifen lernen. Die Weltverbesserungsmaschine ist eine Haltung, eine Weltwahrnehmungssicht.

Friedrich von Borries, geboren 1974 in Berlin, ist Professor für Desingtheorie und kuratorische Praxis in Hamburg, ist Architekt, Künstler und Projektemacher, vor allem aber Prediger. In dem grellen Buch „Weil Design die Welt verändert ...“ sagt er: „Ich bin Verfechter einer Haltung, die Design als grundlegende Form politischen und gesellschaftlichen Handelns versteht.“

Von dem Medienphilosophen Vilém Flusser ließ er sich belehren, Entwerfen sei der Gegensatz zum Unterwerfen. „Als Menschen sind wir gegebenen Bedingungen unterworfen, aber wir können uns aus dieser Unterworfenheit befreien, wenn wir zu entwerfenden Subjekten werden.“

Das also sollen wir werden: designende Subjekte, Prometheus und Faust in einer Gestalt. Borries weiß, dass darin der Gedanke des „totalen Gestaltungsanspruchs“ steckt, weiß, dass dieser im 20. Jahrhundert „mehrmals in die Katastrophe“ geführt hat. Er will es „dennoch“ abermals versuchen – und versucht es auf verschiedenen Wegen, immer halbironisch, halbwissenschaftlich, halbkünstlerisch. Aber offenbar ist alles wirklich ernst gemeint. Weltverbesserung als Design und Doktrin.

Zu diesem Weltwandelprojekt gehört auch der soeben erschienene Roman „RLF“. Es ist kein gutes Buch, sprachlich schlampig, dramaturgisch hölzern. Aber Borries will mit „RLF“ nicht ins literarische, sondern ins kapitalismuskritische Hochgebirge. Er lässt den begüterten Werbemann Jan erst in Londoner Armutsaufstände geraten und dann nach dem richtigen Leben im falschen fahnden. Adorno hat gesagt, dass könne es nicht geben; Jan beweist, dass es sich verkaufen lässt. Das ist RLF: das richtige Leben im Falschen als Produkt.

Der Clou soll eine Gesellschaftskritik sein, die nicht gegen, sondern mit dem Kapitalismus für die Überwindung des Kapitalismus kämpft. RLF heißt also, die Kunst zum Konsum und den Konsum zur Kunst zu machen. Es ist, als solle der Kapitalismus überholt werden, ohne ihn einzuholen. Deshalb ist RLF nicht nur Lifestyle, sondern auch ein Lifestyle-Unternehmen, das nach außen als „Konzeptkunst“ auftritt. Das Versprechen: „RLF wird eure Seele retten.“ RLF, die wahre Weltverbesserungsmaschine.

Oder ist es doch eine Sekte, vielleicht ein fieser Ableger von Scientology? Es gibt RLF auch außerhalb des Romans, als Borries-Firma, die teure Desingsachen verkauft. Die Fiktion, das Wirkliche, der Kapitalismus, die Kunst, die Vergangenheit: Friedrich von Borries arbeitet an einem Welterlösungsprojekt, das keine Unterschiede und keine Grenzen kennt. Vermutlich wird es scheitern, wahrscheinlich muss man das hoffen. Das richtige Leben im falschen ist bislang immer das Richtige für die Falschen gewesen.

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