+
Die Corona-Pandemie beendet die Berührungsängste vor neuen Techniken weitgehend.

Update

Richtig, falsch, egal

  • schließen

Berührungsängste vor neuen Techniken? Kann man sich in diesen Zeiten kaum leisten - gut so!

Der Organisationsforscher Leonhard Dobusch hat Ende März in einem Blogbeitrag beschrieben, wie der Corona-Notfall den Abbau von Berührungsängsten und den Aufbau neuer Digitalkompetenzen fördert: „Alle wissen, dass alle improvisieren. Improvisierte Technik und auch mittelmäßige bis schlechte Bild- und Audioqualität werden deshalb toleriert, und die Hemmschwelle, sich digital zu präsentieren, sinkt.“ Ich habe von der Existenz dieses Beitrags in einem Meeting via Zoom erfahren. Dobusch saß aus Familiengründen in einer besonders dunklen Ecke seines Homeoffice und war nur schemenhaft zu erkennen. In den ersten Minuten der Besprechung verständigten wir uns durch Gesten, weil der Ton fehlte. Gestört hat das niemanden. Es ist einer der angenehmen Aspekte an den neuen Arbeitsverhältnissen: Probleme mit Kindern, Haustieren, auf dem Kopf stehenden Bildern, ästhetisch zweifelhaften Hintergründen, versehentlich aus- oder versehentlich eingeschalteten Mikrofonen sind allgegenwärtig und die Sorgen, sich dadurch zu blamieren, weitgehend verschwunden.

Diese Bereitschaft, das Unvollkommene hinzunehmen, ist nicht nur als Überbrückung wichtig. Sie gehört so sehr zu Digitalisierungsvorgängen wie der Hauskatzenhintern vor die Laptopkamera. Denn der Übergang vom Analogen zum Digitalen ist auch ein Übergang vom Dauerhaften zum Provisorischen. Ein auf Papier erscheinender Text muss vor der Drucklegung gründlich kontrolliert werden: Ist es überhaupt sinnvoll, genau diesen Text zu drucken und nicht lieber einen anderen? Sind Fehler drin, die man besser vorher entfernen als hinterher bedauern sollte? Im Digitalen spielt beides keine Rolle. Die Beiträge, die ich im Techniktagebuch-Blog schreibe, veröffentliche ich, sobald sie mir halbwegs verständlich erscheinen. In der ersten Stunde nach der Veröffentlichung ändere ich viel, im Laufe der nächsten Tage auch noch einiges, und manches ergänze oder korrigiere ich erst Jahre später.

Bei einem analog hergestellten Buch oder Gebäude sind Umbauten aufwendig. Digitale Techniken und Ergebnisse lassen sich leicht wieder ändern und werden deshalb auch ständig geändert. Das führt dazu, dass man sich nicht auf dem Dazugelernten ausruhen kann. Kaum hat man bei irgendwas die ersten Schritte hinter sich gebracht, wird es durch etwas anderes ersetzt, und man braucht wieder neue Bereitschaft zum Herumdilettieren. Einerseits ist es unpraktisch, dass das eigene Wissen über digitale Angelegenheiten so schnell veraltet. Andererseits veraltet das der anderen genauso schnell. Es hat also selten jemand einen großen Vorsprung, so wie beim Trockenmauerbau oder Klavierspiel, wo man erst mal Jahre bräuchte, um die anderen einzuholen.

Das heißt nicht, dass es bei neuen digitalen Praktiken keine Professionalisierungsansprüche gäbe. Diejenigen, die bereits gelernt haben, die Fehler von gestern Vormittag zu vermeiden, bieten heute Weiterbildungskurse an. Diejenigen, die finden, dass vielleicht nicht gerade sie selbst, aber jedenfalls andere dazulernen müssen, fordern „Korrektes Benehmen in Videokonferenzen“ als neues Schulfach. Über kurz oder lang versiegt die Solidarität des gemeinsamen Experimentierens in Zoom, Teams, Jitsi oder Houseparty. An ihrer Stelle machen sich mäßig lustige Listen breit: „10 Dinge, an denen alle erkennen, dass du ein Trottel bist, der von Videokonferenzen keine Ahnung hat.“ Was kann man tun, um die schöne Phase des Improvisierens vielleicht doch länger beizubehalten?

Irgendwo findet immer gerade ein gemeinsames Herumprobieren an irgendeiner neuen Technik oder Praktik statt. Wer neuen Blödsinn bereitwillig mitmacht, kann jederzeit dabei sein, ganz ohne Pandemie. Das Problem dabei ist für viele, dass sie den neuen Blödsinn nicht sofort mitbekommen. Wenn sie schließlich davon erfahren, denken sie: „Oh, ich komme zu spät, jetzt können alle schon alles, und ich werde mich blamieren mit meiner Ahnungslosigkeit.“ Aber das ist eine Illusion. Ich hatte diesen Gedanken, als ich 2008 bei Twitter einstieg, das damals immerhin schon seit einem ganzen Jahr existierte. Auch 2020 könnte man noch so gut wie überall Early Adopter sein. Selbst ein 15 Jahre altes Angebot wie Youtube wird nur von einem Prozent der Jugendlichen aktiv genutzt – das berichtet die ARD/ZDF-Onlinestudie 2019.

Wer gern weiterhin beim Experimentieren und Improvisieren dabei sein möchte, braucht sich also eigentlich nur vorzusagen, dass die anderen auch alle keine Ahnung haben. Man merkt es nur nicht immer so deutlich wie jetzt gerade.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“.

www.kathrin.passig.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion