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Riccardo Chailly, Ray Chen: Ehrlichste Handarbeit

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Von: Judith von Sternburg

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Riccardo Chailly in Mailand.
Riccardo Chailly in Mailand. © imago images/Independent Photo A

Ein großer Abend mit dem Sinfonieorchester der Scala, Riccardo Chailly und dem Geiger Ray Chen.

Einen weiteren Konzertabend im lange vermissten Großformat bot jetzt Pro Arte mit einem Mahler- und Mendelssohn-Bartholdy-Programm an, bei dem sich Richard Wagner als „Das Judentum in der Musik“-Autor noch im Grabe schämen müsste. Aber das war so gar nicht seine Art. Fünf Jahre vor dem Machwerk des gebürtigen Leipzigers Wagner kam 1845 das Violinkonzert in e-Moll des 1847 in Leipzig verstorbenen Felix Mendelssohn-Bartholdy zur Uraufführung. 38 Jahre nach dem Machwerk komponierte Gustav Mahler wiederum in Leipzig seine 1. Sinfonie, „Titan“.

Das Violinkonzert braucht nicht unbedingt das Großformat, bekam es in der Alten Oper Frankfurt aber mit der opulent besetzten Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly, dazu kam der taiwanesisch-australische Solist Ray Chen. Ray Chen spielt eine Stradivari und weiß mit ihrem brillanten, satten, durchaus auch harten Ton viel anzufangen, ist ein stupender Techniker, dazu im Auftreten von mitreißender Leidenschaft.

Wie am Schnürchen

Keine klammheimliche, aber doch eine diebische Freude ist ihm anzusehen, während alles läuft wie am Schnürchen und in Schönheit. Auch in den Zugaben, Paganini und Bach, vor allem natürlich in der Paganini-Caprice, ließ Chen so unverhohlen den zu teuflischem Spiel bereiten und befähigten Virtuosen hören, dass es nicht zuletzt ein Riesenspaß war. Es wirkt wie ein Zaubertrick und ist doch ehrlichste Handarbeit.

Der große Bogen – den Chailly über das gesamte Werk zog, die Satzübergänge minimalistisch – entging Ray Chen bei alledem so wenig wie das Detail. Er und Chailly bildeten dadurch ein sympathisches, durch überdurchschnittlich regen Augenkontakt eng verbundenes Team. Auch Chailly ist ein Meister des scheinbar lässigen, weit gespannten Bogens, aber die Einzelheiten sitzen, sitzen sozusagen so gut, dass er sich beim Auftritt nicht vertüfteln muss.

Das zeigte sich in der Alten Oper erst recht in der „Titan“-Sinfonie, vom 69-jährigen Mahler-Spezialisten Riccardo Chailly intensiv und mit großzügigen Gesten angeführt. Die Scala-Philharmoniker, ein 1982 gegründeter, auf Konzertsaalrepertoire konzentrierter Ableger des Mailänder Opernorchesters, konnte seine Exzellenz voll entfalten: im Tutti, im Einzelnen von der Konzertmeisterin bis zum Solo-Kontrabassisten, blitzsauber das große Blech, überragend die Hörner. Die sich am Ende erhoben, um noch mehr Wirkung zu erzielen, und doch war es natürlich der/die/das winzige Triangel, der/die/das alles überragte.

Das klassische Orchester, ein Wunder, eine der besten Erfindungen der Menschheit: Möge es wohlbehalten für alle Ewigkeit und in großer Zahl zur Verfügung stehen. Die Scala-Musiker und -Musikerinnen behielten jenseits der Blasinstrumente ihre Masken auf, ebenso Chailly, dessen rot-samtiges Podest Opernflair in den Saal brachte.

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