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„Fridays for Future“ am 24. Mai vor dem Brandenburger Tor.

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Rezo heißt die Hoffnung

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Das Video des Youtubers Rezo ist großartig. Es demonstriert den Sinn anregender Ansprachen an ein Publikum. Wie auch Angela Merkels öffentliche Rede in Harvard.

Das berühmt-berüchtigte Youtube-Video von Rezo „Die Zerstörung der CDU“ beginnt so: „Ja, es ist wieder Zeit für so ein Video. Heute sehen wir uns die CDU an. Auch ein bisschen SPD und ein bisschen AfD, aber primär sehen wir uns die CDU an. Ich und TJ haben uns einfach mal in den vergangenen paar Wochen ein paar spannende Themen herausgepickt und mal geguckt, was macht die CDU da? Was ist ihre Stellung da, wie sind die da so drauf? Ich muss ehrlich sagen: Fuck ist das heftig. Ich habe nicht gewusst, wie heftig das ist. Ich werde in diesem Video zeigen, wie CDU-Leute lügen, wie ihnen grundsätzliche Kompetenzen für ihren Job fehlen, wie sie gegen deutliche Expertenmeinung Politik machen, wie sie sich augenscheinlich an verschiedenen Kriegsverbrechen beteiligen, wie sie Propaganda und Unwahrheiten gegen die junge Generation einsetzen, wie bei ihrer Politik in den letzten Jahrzehnten die Reichen immer mehr gewinnen und alle anderen immer mehr ablosen und ich zeige, dass nach der Expertenmeinung von zig Tausenden deutschen Wissenschaftlern die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört. All das werde ich natürlich – wie immer – ausführlich mit Quellen belegen und beweisen. Ihr wisst, wenn ich so ein Video mache, mache ich es ordentlich.“ Das sind die ersten 57 Sekunden des 55-minütigen Videos. Sehen Sie sich an, wie viel von dieser Seite durch das Zitat bereits verbraucht ist. Jetzt ahnen Sie, wie viel Zeit sich Rezo nahm.

Er belegt all diese Punkte, die er in seiner Einleitung anspricht. Das ist kein Kunststück. Jeder, der die Regierungspolitik – also nicht nur die von CDU/CSU – der letzten Jahre beobachtete, weiß, dass Rezo recht hat. Viele haben, was zum Beispiel die Lieferung von Waffen in Kriegsgebiete, die immer größer werdende Kluft zwischen immer weniger Reichen und immer mehr Armen oder die deutsche Klimapolitik angeht, das bereits geschrieben und gesagt.

Rezo hat einfach gesagt, was ist

Rezo hat nichts aufgedeckt. Er hat keinen Enthüllungsjournalismus betrieben. Er hat einfach gesagt, was ist. Er hat es mit einer beneidenswerten Wucht in einer Kaskade von immer schneller werdenden Sätzen getan. In der knappen Stunde seines Videos hat er uns das Ganze der Politik der letzten Jahre sehen lassen. In einem breiten Panorama, aber mit viel Liebe zu den Details.

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Sie vermissen die Ausgewogenheit? Sind Sie verrückt? Warum soll Rezo ausgewogen sein? Er soll die Wahrheit sagen. Das hat er getan. Ausgewogen? Das kann eine Zeitung sein oder ein Sender. Das heißt ja nichts anderes, als verschiedene Stimmen sprechen zu lassen. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber es dient nicht unbedingt der Wahrheitsfindung. Oft dient es genau dem Gegenteil. Es wird mit Hilfe von Meinungen so viel Wirbel erzeugt, dass die Wahrheit kaum noch zu sehen ist.

Rezo setzt sich vor die Kamera, sagt seine Meinung, begründet sie so gut er kann und regt uns so an, uns unsere eigenen Gedanken zu machen. Was will man mehr? Von einem Einzelnen? Der soll seine Meinung sagen. Er soll sagen, was er herausgefunden hat. Der nächste kann ihm seine Meinung entgegenhalten, vorzeigen, was er herausgefunden hat.

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Das wäre zum Beispiel eine mögliche Antwort der CDU auf Rezos Film gewesen: In den letzten dreißig, in den letzten zehn Jahren ist die Kluft zwischen Arm und Reich kleiner geworden, der CO2-Ausstoß ist um 30 Prozent gedrosselt, der Waffenexport in Kriegsgebiete runtergefahren worden. Das hat niemand von der CDU erklärt. Stattdessen forderte Annegret Kramp-Karrenbauer eine Überprüfung der Möglichkeiten, die Meinungsfreiheit im Netz einzuschränken. Dümmer geht nicht. Ein deutlicher Beleg für Rezos Behauptung, dass den CDU-Leuten „grundsätzliche Kompetenzen für ihren Job“ fehlen. Natürlich bedurfte es dieses Belegs nicht, aber die Beflissenheit, mit der er postwendend geliefert wurde, trägt doch sehr zum Amusement der Politikbeobachter bei. Es sei denn, sie wünschen sich das Beste für unser Land. Dann nämlich sind sie wütend.

Rezo ist meine Hoffnung. Er stellt sich hin und sagt seine Meinung. Das ist schon viel. Rezo aber sagt seine Meinung, nachdem er sich die Mühe gemacht hat, sie sich zu bilden. Das verdient unser aller Bewunderung. Das ist nämlich nicht selbstverständlich. Ein Blick ins Netz oder zum nächsten Stammtisch oder eben auf weite Bereiche der Regierungspolitik zeigt das. Meine Hoffnung ist Rezo auch, weil er sein Untersuchungsobjekt genau definiert. Er sagt, um welche Probleme es ihm geht und dann checkt er durch, was zu deren Lösung getan wurde.

Der Politikbetrieb ist viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst am Laufen zu halten

Er schlägt also nicht wild um sich, sondern untersucht und argumentiert sehr konzentriert immer an seinen Themen entlang. Das gibt seiner Rede Kraft und Schwung und es hilft uns, ihm immerhin mehr als fünfzig Minuten lang zu folgen, obwohl uns nichts davon neu ist. Rezo zeigt, dass man eine Sache erst einmal festhalten muss, wenn man sie verstehen will. Nun gar, wenn man sie ändern will!

Der Politikbetrieb dagegen ist viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst am Laufen zu halten, als dass er sich auf irgendetwas da draußen langfristig einlassen kann. Jede Aktion wird sofort auf ihre Machbarkeit überprüft. Machbar ist das, was innerhalb der augenblicklichen Koalitionen und Konstellationen möglich ist. Eine Senkung des CO2-Ausstoßes hat keine Chance. Viel „vernünftiger“ ist es, zum Beispiel Steuererleichterungen für die Hotellerie einzuführen. Von denen außer dieser niemand etwas hat. Tut man etwas, weil es gut ist oder weil es was bringt?

Diese Frage stellte sich Angela Merkel in ihrer bemerkenswerten Harvard-Rede am 30. Mai. (Ich wüsste gerne, wer sie geschrieben hat!) Bemerkenswert ist die Rede, weil sie demonstrativ dem Applaus der Harvard-Zuhörerschaft den Vorzug gab gegenüber einem guten Verhältnis zur US-Regierung. Ich hörte die Rede als einen Abschied von der Politik. Wenn sie zum Beispiel den Harvard Absolventen sagte: „Sie gehören zu denjenigen, die uns in die Zukunft führen werden.“

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Einige Passagen aus Merkels Rede klingen wie eine Antwort auf das Rezo-Video. Zum Beispiel diese: „Als Bundeskanzlerin muss ich mich oft fragen: Tue ich das Richtige? Tue ich etwas, weil es richtig ist, oder nur, weil es möglich ist?“ Die wichtigste Antwort auf das Video war freilich, dass sie diese Frage nicht beantwortete. Sie erklärte noch nicht einmal, dass es darauf ankomme, das Richtige und nicht nur das Mögliche zu tun. Angela Merkel zeigte sich in Harvard als eine, die darüber nachdenkt, ob Politik wirklich nichts sei als die Kunst des Möglichen. Mit anderen Worten als eine, die die Politik in Frage stellt.

In Washington machte sie sich keine Freunde damit. Desto enthusiastischer war der Applaus in Harvard. Kritiker warfen ihr eine gar zu simple Syntax, gar zu simple Aussagen vor. „‚Sendung mit der Maus‘-Ton“. Das ist nicht unzutreffend, aber so redet Merkel, wo immer sie in der Öffentlichkeit redet. Seit Jahrzehnten. Mit großem Erfolg. Jedenfalls mit deutlich größerem als wir Journalisten mit unseren so schrecklich elaborierteren Klängen.

Rezo zieht eine Bilanz von Merkels Regierungsarbeit

Zurück zu Rezo. Blickt man mit seinen Augen auf Merkels Rede und auf die Kritik an ihr, sehen sie beide gleichermaßen alt, vor allem aber völlig falsch aus. Eine Rede ist eine Rede ist eine Rede. Sie kann gut und sie kann schlecht sein. Der Kritiker erklärt uns, warum er sie für schlecht hält. Aber er stellt sie nicht in Frage. Rezo aber tut genau das. Er sagt sich und uns: Angela Merkel ist seit November 2005 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Von ihr werden Taten erwartet und Reflexionen über das, was sie getan hat und was sie zu tun gedenkt. Man will von ihr keine allgemeinen Überlegungen, die jeder drittrangige Philosophieprofessor einem ebenso gut liefern kann.

Man? Die Zuhörer in Harvard waren begeistert. Sie waren es, weil sie ihren Präsidenten nicht nur nicht mögen, sondern ihn für eine Gefahr halten: für den Frieden und für den Planeten. Und Merkel bestärkte sie, ohne den Namen des Präsidenten zu nennen, in dieser Ansicht.

Rezo hatte in seinem Video eine Bilanz von Merkels Regierungsarbeit gezogen. Genau davor drückte sich Merkel in Harvard. Sie verzichtete darauf, aus ihrer Erfahrung zu schildern, wo sie wann – aus welchen Gründen – darauf verzichtet hatte, das Richtige zu tun, um sich gar zu sehr sich auf das Mögliche zu beschränken. Merkel verzichtete auf das Einzige, das sie ihren Hörern voraushat: auf ihre Erfahrung. Statt dessen bot sie ihnen mehr von dem, was sie ohnehin wussten. Sie bestätigte sie.

Damit bestätigte sie Rezos Kritik. Eine Regierung tut gut daran, Fragen zu stellen, aber gemessen wird sie – anders als eine Rede zum Uniabschluss – an den Antworten, die sie zu geben in der Lage ist. Es ist schön, einen guten Willen zu haben und wir wählen womöglich gerne die, die ihn zeigen, aber irgendwann einmal langt der nicht mehr und wir wollen Taten sehen. Mit der Erklärung „Wir schaffen das“, so schön sie ist, ist es dann nicht mehr getan, dann muss geschafft werden.

Wir sind freilich anfällig für schöne Worte. Der eine findet sie wie Merkels Redenschreiber bei Hesse: „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, der andere wie Merkels Kritiker bei Brecht: „Anmut sparet nicht noch Mühe“. Unser Hunger nach dem Glanz der Rede nährt ganze Industrien, die mehr ins Marketing und dessen Sprüche als in die Herstellung ihrer Produkte investieren. Wir akzeptieren, belogen zu werden. So manches kaufen wir nur um seines Images willen. Obwohl wir wissen, dass es nicht lange hält, nicht funktioniert, ja womöglich noch nicht einmal gut aussieht. Auch Politik ist ein Produkt. Es kostet Mühe, seinen Wert zu beurteilen. Also neigen wir auch hier dazu nach seinem Image zu gehen.

Rezos Video erinnert uns daran: Politik ist kein Rhetorikwettbewerb. Politik ist nicht dazu da, uns nach dem Mund zu reden. Politik ist der Versuch, unser Leben zu sichern, und wo das gelingt – eher der Ausnahmefall – das Leben lebenswert oder gar lebenswerter zu machen. Rezo erinnert uns auch daran, dass Politik sich mit der Zukunft beschäftigt. Die Entscheidungen von heute prägen die Welt von morgen. Wie wir heute mit der Erde umgehen, das prägt unsere Lebensverhältnisse von morgen.

Rezo ist meine Hoffnung, weil er uns daran erinnert, weil er das klug und witzig macht, auch mit der gebotenen Klarheit und Schärfe. Aber er ist natürlich auch meine Hoffnung, weil mehr als zwei Millionen Menschen ihn benutzen, um ihren Blick auf unsere Wirklichkeit zu schärfen. Auch sie sind meine Hoffnung. Das ist viel in einer Zeit, in der ein Walter Lübcke, ein CDU-Politiker, der die Auffassung vertrat, dass Flüchtlingen, Menschen in Not, geholfen werden müsse, unter dem Jubel Rechtsradikaler, niedergeschossen wird.

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