Ackerhalle Berlin-Mitte

Der Rewe ist das Äpfelchen

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Es gibt dort alles, von allem viel und vor allem viel verschiedenes von allem. Die Ackerhalle schreibt das Prinzip Großmarkthalle groß und das Prinzip Shoppingmall klein. Und ist hübsch. Ein Loblied, nein: eine Hymne auf einen Supermarkt.

Ihr Lieben, macht euch bitte keine Gedanken, ich bin richtig gut versorgt, besser geht’s eigentlich gar nicht als hier, ich meine damit die Ackerhalle. Für mich sind das nur Minuten zu Fuß, praktisch wenige Siebenmeilenschritte, und schon teilt sich, Sesam, die Glastür, da hat mich das Schlaraffenland schon mit Haut und Haaren gefressen.

Es heißt Rewe und ist eingehaust in einem Bauwerk nach Art der italienischen Renaissance. Ihr Lieben, fremdelt nicht bei diesem Rewe, ihr liebt doch auch die Neorenaissance. Ihr liebt den Apfel im Schlafrock. Der Rewe ist das Äpfelchen.

Sesambrötchenfarbene Ziegel

Ihr Fremdlinge, ihr habt die Ackerhalle, hier, in Mitte, wahrscheinlich schon mal auf Fotos gesehen, und wenn es historische waren, also Schwarz-Weiß-Fotos aus Berlins Gründerzeit, dann müsst ihr euch den Ziegel sesambrötchenfarben vorstellen.

Auch von der Glastür sprach ich bereits. Ich laufe vorbei an den Grillangeboten, rucksackgroß ist die Holzkohle abgepackt. Die Einkaufsliste steht mir wahrscheinlich auf die Stirn geschrieben. Kaffeefilter, das ganze Programm, H-Milch zum Aufschäumen, Würfelzucker.

Das sind gute Vorsätze, die ich als Kompass durch das Konsumparadies betrachte, sodass ich mich nicht ablenken lasse, nicht von den Soft-Drink-Barrieren, auf dem Vorfeld der Verkaufsflächen. Hier stapeln sich auf Paletten die Ackerhallenschnäppchen.

Fahrradventile und Dosenpilze

Ich sag’s euch, meine Lieben, gern: Die Ackerhalle erhebt die Qual der Wahl zum Prinzip. Das gilt für das richtige Röhrchen Magnesiumtabletten ebenso wie für, ja!, Joghurt, Fahrradventile, Pillen für die Nachtruhe oder Dosenpilze. Apropos Gläser, sie schaue ich mir gern lange an. Gläser kommen meinem Wunsch nach Transparenz nach, angefangen mit den Schattenmorellen.

Ihr wisst, dass ich Vegetarier bin, deshalb umgehe ich die Qualitäts-Fleischtheke systematisch. Schwarz, wie verschorftes Blut, sind die Stielaugen der rosa Crevetten. Unter all den Fischen ist nicht mehr Wasser, sondern Eis. Und um sie ist Luft. An den Regalen hängen Kärtchen, darauf Prozentzeichen. Sie dienen dem Verbraucherschutz. Seitdem hält der Kunde sein Gewicht und der König sein Geld zusammen.

Es gibt auch Schildchen, die sagen, dass beim Käse Edamerzeit und beim Brot Brotzeit ist. Bloß beim Schnittbrot kann es passieren, dass bis zum Abend zugelangt wurde, dass so schnell nichts mehr nachwächst.

Großmarkthalle und Shoppingmall

Die Ackerhalle bietet vielen ein Dach über dem Kopf, auch einem Tschibo, einem Comicstand, einem Bäcker, einem Fleischer, einem Schnellreiniger, dem einen oder anderen Bettler. Bis zum Schlüsseldienst dringen sie nicht vor. Die Ackerhalle schreibt das Prinzip Großmarkthalle groß und das Prinzip Shoppingmall klein.

Und was machen in der Straßenfront der Ackerhalle die Pizzeria und die Weinhandlung in der Ackerhalle? Ich sag’s euch, Umsatz! Um dem Sortiment der Ackerhalle gerecht zu werden, sollte man mit einem alten Weidenkorb shoppen gehen – wenn nicht mit einem hölzernen Handwägelchen.

Berühmt ist die Ackerhalle für ihre Markthallenarchitektur, ihr Gebälk, die Dreigelenkbögen, die Stützen. Vom Rewe eingezogene Trennwände greifen gewiss sehr massiv in die eisernen Markthalleneingeweide ein, deshalb tut der Pächter alles, um die Tradition zu s(t)imulieren. So existierte zeitweilig ein Huhn, gleich in der Eingangszone. Es war eines, das nicht ausgestopft, sondern nachempfunden wurde. Es legte in seinem Käfig von morgens acht bis abends um elf sein Ei, quasi während der Öffnungszeiten.

Am Monatsende das Magazin

Ihr Lieben, die Ackerhalle erlaubt mir, mich zu verzetteln, ja, ich vergleiche, bei dem Angebot kein Wunder, ständig Äpfel mit Birnen. Regelmäßig bin ich zum Monatsende dabei, wenn die neuen Magazine ausliegen. Aus ihnen erfahre ich, wie es um den Meeresspiegel steht. Bei den Leuchtmarkern, gleich linker Hand, habe ich die Wahl zwischen drei Signalfarben. Dann, schon Richtung Kasse: das Buchbestsellerangebot. Beim Lesefutter muss die Preisbindung eingehalten werden.

Der Anblick von sehr reißerischen Büchern (Charlotte Roche, Thilo Sarrazin) aber ist es, der mich auf den Gedanken bringt, dass die Ackerhalle und ihr Angebot ansonsten wahrhaftig ein Gedicht sind. Oder vielleicht ein Feuilleton.

Kaufhalle ? die täglich frische Supermarkt-Kritik unterm Strich.

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