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„Mandy Yenu“, Teil eines Throns aus Kamerun.
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„Mandy Yenu“, Teil eines Throns aus Kamerun.

Humboldt-Forum

Rettet Humboldt!

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Das Berliner Humboldt-Forum steht weiter in der Kritik. Dabei käme es gerade jetzt darauf an, dessen aufklärerisches Potenzial zu nutzen.

Hätte man das nicht kommen sehen können? Die noble Gemeinschaft, die da in vornehmer Egalität für ihre Spendierfreude auf eigens angefertigten Tafeln im imposanten Eosander-Portal des Berliner Humboldt-Forums gewürdigt wird, ist gar nicht so fein, wie man es gern hätte. Bei einigen jedenfalls hat sich das Engagement für die Fassade als geschönte Attrappe vor fragwürdiger Gesinnung erwiesen.

Mit seinen Enthüllungen über den sich als mäzenatischen Wohltäter gebenden Spender Erhardt Bödecker hat der Architekt Philipp Oswalt einen ideologisch getriebenen antidemokratischen Bodensatz enttarnt, der leider auch zur Geschichte des deutschen Bürgertums gehört. Es kann also nicht verwundern, dass nun die Namen weiterer Spender bekannt wurden, die ihr Geld ganz sicher nicht für eine kulturelle Schau- und Werkstatt gegeben haben, in der fortan das kulturelle Erbe mit den kolonialistischen Verbrechen kontrastiert werden soll, aus denen es mitunter auch hervorgegangen ist.

Vor der Idee, die außereuropäischen Sammlungen im wieder errichteten Berliner Schloss zu präsentieren, entstand die Fantasie einer Reanimation preußischer Herrlichkeit im Zeichen unverdächtiger Baukunst. Die Brüder Humboldt, unter deren Namen das ambitionierte kulturpolitische Großprojekt firmiert, sind geistige Ahnen, die keineswegs die ganze Geschichte spiegeln.

Die Affäre um die reaktionären Motive einiger Geldgeber, die der Kaufmann Wilhelm von Boddien von 1992 an im Förderverein für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zusammengebracht hat, verweist auf ein Laboratorium des Unheils, aus dem immer wieder ideologische Gifte entweichen. Man hätte es wissen können. Das Bürgertum ist eben nicht bloß eine einander wohlgesonnene Verständigungsgemeinschaft. Viel häufiger ist es durch Interessen vereint, bei denen es darauf ankommt, sich gegen andere abzugrenzen.

Aber auch wenn sich in dieser so selbstbewussten Schicht seit jeher eine Sehnsucht nach dem Obrigkeitsstaat gehalten hat und dort immer wieder einmal mit der Überwindung der demokratischen Gesellschaft kokettiert worden ist, gilt heute doch mehr denn je: keine Demokratie ohne ein aufgeklärtes Bürgertum. Schon deshalb sind die juristischen Volten, mit denen das Adelshaus der Hohenzollern seit gut zwei Jahren Historiker und Journalisten in Bezug auf Äußerungen über die politische Rolle des einstigen Königshauses mit Unterlassungsklagen traktiert, mehr als eine Randnotiz zu lange zurückliegenden Familienangelegenheiten. Der Streit ums Berliner Schloss ist in all seinen Facetten auch einer über die Deutungshoheit in Gegenwart und Zukunft. Das gilt übrigens nicht minder für die Gewaltfantasien von Kritikern des Humboldt-Forums, die einen baldigen Abriss des Millionenprojektes propagieren, als sei es eine ernstzunehmende, mit Augenzwinkern vorgetragene Option entschlussfreudiger Aktivistinnen und Aktivisten.

Seit seiner Eröffnung, die nicht allein aufgrund der Pandemie in mehreren Etappen erfolgt ist, befindet sich das Humboldt-Forum in einer kaum abklingenden Legitimationskrise. Die kritischen Blicke richten sich dabei bevorzugt auf die Unterwerfungssymbolik des christlichen Kuppelkreuzes sowie die unzureichende Präsentation vieler Artefakte aus kolonialen Kontexten. Die Skepsis nimmt zu, ob die wunden Punkte der Sammlungen mit der aufklärerischen Idee des Großvorhabens Humboldt-Forum noch in Einklang zu bringen seien. Die kulturpolitischen Leitplanken des Koalitionsvertrages der eben erst ins Amt gekommenen Regierung sind da keine Hilfe, wenn es lapidar heißt: „Wir entwickeln das Humboldt-Forum als Ort der demokratischen, weltoffenen Debatte“.

Anstelle lauer Absichtserklärungen bedürfte es jetzt einer entschlossenen Indienstnahme des Humboldt-Forums, in der es nicht länger als heikler Fremdkörper, sondern als Chance begriffen wird, eine offene Neubewertung der kolonialistischen Vergangenheit sowie einen interkulturellen Verständigungsprozess aufnehmen zu können. Das ist weit weniger formelhaft als es klingt. Aus dem Humboldt-Forum könnte, wenn es einmal gesellschaftlich angenommen ist, eine kulturelle Praxis hervorgehen, die die gängigen Vorstellungen eines nationalen Kulturbesitzes als Trophäen aus vergangener Zeit zugunsten vielfältiger Austauschverhältnisse hinter sich lässt. Das jedenfalls wäre weit nachhaltiger als der Versuch, peinlich berührt die Plaketten einiger Spender abzuhängen, die sich in einem für die Zukunft untauglichen Geschichtsbild verfangen haben.

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