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Grünen-Fraktionschef Joschka Fischer und Bundesumweltministerin Angela Merkel auf dem Katholikentag 1998 in Mainz.

Katholiken

Ein Rendezvous in der Kirche

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Wie grüne und schwarze Katholiken einander nähergekommen sind. Ein Gastbeitrag.

Chaoten! Sowjetagenten! Hexen! Was mussten sich die Grünen von Unionspolitikern nicht alles anhören, als sie 1983 zum ersten Mal in den Bundestag einzogen. Jetzt haben Vertreter beider Parteien, nach mehreren schwarz-grünen Bündnissen in Kommunen und Ländern, mit der FDP über eine Jamaika-Koalition auf Bundesebene verhandelt. Und es sind nicht die Grünen, sondern die Liberalen, die schließlich die Sondierungen platzen lassen. Dagegen bedankt sich Katrin Göring-Eckardt ausdrücklich bei Angela Merkel, und der Konservative Jens Spahn hält den Linksgrünen Jürgen Trittin plötzlich für eine „coole Socke“. Was ist passiert? Haben sich die Grünen geändert? Haben sich die Unionsparteien gewandelt? Oder haben beide ihre Prinzipien verraten? Um Antworten darauf näherzukommen, lohnt sich der Blick auf einen Ort, an dem sich Christdemokraten und Grüne anfangs besonders unversöhnlich gegenüberstanden: die katholische Kirche.

In den katholischen Vereinen und Verbänden hatten in den 1980er Jahren noch uneingeschränkt die Unionsparteien das Sagen – seit mehr als einem Jahrhundert, wenn man sie in der Tradition der katholischen Zentrumspartei sieht. Die Gräben zur Friedens- und Umweltbewegung waren tief. Mit den Grünen brach die Kommunikation vorübergehend sogar vollständig ab. 

Ein Grund dafür war, dass die Alternativen für „wilde Ehen“ und gleichgeschlechtliche Partnerschaften eintraten. Vor allem ging es aber um Schwangerschaftsabbrüche. 1986 hatten bei den Grünen die „Fundis“ die Oberhand. „Wir erkennen an, dass ungeborenes Leben schützenswert ist“, formulierte eine Bundesversammlung in Hannover zwar für das Wahlprogramm. Doch nach heftigen Diskussionen sprach sich die Versammlung letztlich dafür aus, den Paragrafen 218 komplett und ersatzlos zu streichen.

Katholiken gingen auf Distanz zu den Grünen

Joseph Kardinal Höffner, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, reagierte mit Entsetzen. Die Grünen seien für gläubige Katholiken nicht wählbar, erklärte er. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ging ebenfalls auf Distanz. In diesem Gremium, das alle zwei Jahre die Katholikentage organisiert, sind Vertreter der katholischen Verbände, der gewählten Räte in den Bistümern und prominente Einzelpersönlichkeiten versammelt. Erst 1967 war mit Georg Leber der erste SPD-Vertreter zum Mitglied gewählt worden. Präsident des Zentralkomitees war 1986 Hans Maier, zugleich ein Vordenker der CSU und Kultusminister in Bayern. Das Tischtuch mit den Grünen sei zerschnitten, erklärte er. Zum Katholikentag 1986 in Aachen wurde kein Vertreter der Partei eingeladen. Und so kam es, dass wenige Monate nach der Katastrophe von Tschernobyl Befürworter der Kernenergie auf den Podien zur Atomkraft unter sich blieben. Weil die Bischöfe den Dialog verweigerten, beschimpfte Joschka Fischer, damals Umweltminister in Hessen, sie als „elende Feiglinge“. Die Medien freuten sich über den Unterhaltungswert des Konflikts und berichteten ausführlich, sehr zum Ärger des Zentralkomitees.

Auch wenn am Tisch des Zentralkomitees noch kein Platz für sie war: Die Grünen klopften schon mit aller Macht an die Tür der Katholikentage. Auch engagierte Katholiken haderten schon seit Jahren mit dem Alleinvertretungsanspruch des unionsnahen Zentralkomitees; in den Jugendverbänden und der Friedensbewegung liebäugelten viele mit den Ideen der Grünen. Schon seit dem turbulenten Katholikentag in Essen 1968 war Kritik an der eigenen Kirche nicht mehr tabu, und seit 1980 organisierte ein buntes Bündnis aus katholischen Sozialisten, Befreiungstheologen, Zölibatskritikern, Schwulen und Lesben, Friedensbewegten und Kernkraftgegnern den „Katholikentag von unten“: eine Parallelveranstaltung zum offiziellen Katholikentag – und eine Provokation für die alten Eliten. Viele Katholiken hielten auch die Unionsparteien für unwählbar, wegen ihrer Rüstungspolitik und dem Festhalten an der Kernenergie, hieß es in diesen Kreisen.

Auf dem „Katholikentag von unten“ waren die Grünen auch 1986 sehr präsent, etwa Joschka Fischer und Petra Kelly. Die damalige Parlamentarische Geschäftsführerin der Partei, Christa Nickels, sprach sogar auf dem eigentlichen Katholikentag, dank des Oppositionsgeistes der katholischen Jugendlichen. In deren Begegnungszentrum nahm sie an einem Frauenforum zum Thema „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ teil. Schon auf dem Katholikentag selbst distanzierte sich Hans Maier von der rigorosen Ausgrenzung der Grünen: Selbstverständlich dürften diese auch auf den Katholikentagen sprechen und kritische Fragen stellen. Der Höhepunkt des Konflikts war überwunden. Doch die eigentliche Wende kam erst mit der Wiedervereinigung. Die westdeutschen Grünen scheiterten 1990 an der Fünfprozenthürde. In der Partei gewannen daraufhin die pragmatischeren Bürgerrechtler aus dem „Bündnis 90“ an Einfluss, die mit den Kirchen in der DDR oft gute Erfahrungen gemacht hatten. Mit Jutta Ditfurth verließ eine der radikalsten Gegnerinnen des Paragrafen 218 die Partei im Protest.

Prominente Grüne auf dem Katholikentag 1990

Auf dem Katholikentag 1990 in Berlin waren dann mehrere prominente Grüne vertreten, unter anderem Michaele Schreyer und Ludger Volmer. Christa Nickels nutzte ein hochoffizielles Forum dazu, den anwesenden Kirchenvertretern den Kopf zu waschen: Die Kirche präsentiere sich viel zu oft „als stolze Zwingburg, als ein glorioses verkrustetes Gemäuer, verriegelt und verrammelt mit hochgezogener Zugbrücke, regiert in Dogmatismus und Zentralismus von einem Männerbund, der die Zugbrücke vorzugsweise zu dem Zwecke runterlässt, um gegen die ,Schwachen und Sünderinnen‘ aufzubrechen“. Damit vertrat sie keine Randmeinung mehr. Im Jahr 2001, als die Grünen im Bund mitregierten, wurde Christa Nickels als erste Vertreterin ihrer Partei Mitglied im Zentralkomitee. Weitere prominente Grüne folgten bald, etwa der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Doch nicht nur die Grünen änderten sich. Auch der politische Katholizismus wandelte sich tiefgreifend. Nach der Wiedervereinigung bemühte sich das Zentralkomitee verstärkt, alternative Strömungen zu integrieren. Nach und nach wurden Programmvorschläge der Kritiker von „Kirche von unten“ und später „Wir sind Kirche“ in das offizielle Programm aufgenommen. Die frommen Gläubigen entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten mit den engagierten Grünen. Die Abtreibungsdebatten verloren allmählich an Schärfe, und in bio-ethischen Fragen, etwa zu Stammzellen, waren Grüne plötzlich einer Meinung mit katholischen Bischöfen.

Auch Katholiken engagierten sich für Umweltschutz, eine gerechte Weltordnung, Abrüstung, Frauenrechte und eine multikulturelle Gesellschaft. Der Katholikentag 2008 in Osnabrück warb damit, klimaneutral zu sein. Eine repräsentative Umfrage auf dem Regensburger Katholikentag 2014 ergab, dass auf den Katholikentagen, anders als auf den evangelischen Kirchentagen, nicht die Mehrheit die Grünen favorisierte. 39 Prozent der Katholikentagsbesucher waren Anhänger der Unionsparteien. Doch die Grünen folgten mit 32 Prozent nur knapp dahinter. Antje Vollmer und Katrin Göring-Eckardt wurden zu Stammgästen.

Noch dazu machten auch unionsnahe Katholiken unliebsame Erfahrungen mit der Leitung ihrer eigenen Kirche. 1998 befahl Papst Johannes Paul II. den Ausstieg katholischer Stellen aus der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung. Gegen den Widerstand der Bischöfe gründeten daraufhin führende Vertreter des Zentralkomitees – unter ihnen Hans Maier – einen unabhängigen Trägerverein für Beratungsstellen, den sie „Donum vitae“ nannten, „Geschenk des Lebens“. Mit ihrer Kritik an der kirchlichen Hierarchie stehen die Grünen auch deswegen nicht mehr alleine. Inzwischen vertritt das Zentralkomitee Forderungen, die in den 80ern für viele noch undenkbar waren: Wiederverheiratete Geschiedene sollen zur Kommunion zugelassen werden, Frauen Diakoninnen werden können, schwule und lesbische Paare den kirchlichen Segen erhalten.

Ist also alles klar, passt – zumindest in katholischen Milieus – kein Blatt Papier mehr zwischen Schwarz und Grün? Das dann doch nicht. Auf dem Katholikentag treffen sich vor allem Politiker vom konservativen Flügel der Grünen mit aufgeschlossenen Vertretern der Unionsparteien. Seitdem sich das Zentralkomitee und die Katholikentage für verschiedene politische Strömungen geöffnet haben, haben sie trotzdem Mühe, klare politische Aussagen zu formulieren. Und mit Blick auf Jamaika ist bezeichnenderweise festzustellen: Die FDP tritt im politischen und sozialen Katholizismus nach wie vor kaum in Erscheinung. Beim schwarz-grünen Stelldichein in der katholischen Kirche stehen die Liberalen nur am Rande.

Holger Arning, Jg. 1973, ist Kommunikationswissenschaftler und Historiker an der Universität Münster. Er forscht u. a. zur Geschichte des politischen und sozialen Katholizismus. 2016 veröffentlichte er mit Hubert Wolf das Buch „Hundert Katholikentage“.

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