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Göttin mit ungewöhnlicher Biografie: Guanyin aka Bodhisattva Avalokiteshvara.

Religion

Religionen machen die Menschen nicht besser

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Worüber sprechen wir, wenn wir über Religion sprechen? Jedenfalls ist es nicht unbedingt das, was uns viele Fromme glauben machen wollen.

Es ist Weihnachten. Reden wir also von der Religion. Was ist Religion? Ist sie die Gewissheit, „dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre“? Oder ist Religion das Gefühl, eingebettet zu sein in ein Ganzes, das mich, Kosmos und All umfasst? Also nicht notwendig ein Gegensatz?

Aber uns ist nicht entgangen: Kriege werden fast immer um die kleinen Unterschiede geführt. Allah, der Allerbarmer, gegen Christus, den Erlöser. Aber bleiben wir erst einmal bei den „Spielarten“ der Religion. Es gibt das Dogma, und es gibt die Liebe. Es gibt die Eifersucht, und es gibt den Hass. Es gibt die Verehrung, und es gibt die Unterwerfung. Es gibt das „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ und den einen Gott in tausend Gestalten. Ist das mein Gott, an den ich mein Herz hänge? Ist das Sünde, weil es mich vom einzig wahren Gott trennt? Oder ist Religion die Fähigkeit, sich zurückzunehmen, das Selbst nicht mehr an die erste Stelle zu setzen? Was hat Religion mit Wissen und Tun zu tun?

Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt, erklärt Iwan Karamasow in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“. Meint er, dass wir ohne die Furcht vor dem Jüngsten Gericht übereinander herfielen? Oder meint er, Gott habe die Erkenntnis des Guten und Bösen in uns gelegt, und so seien wir – wenn wir nur wollten – in der Lage, friedlich zusammenzuleben?

Blickt man auf unsere Bereitschaft, an einer roten Ampel stehenzubleiben, unsere Steuern zu bezahlen oder geliehenes Geld zurückzuzahlen, so gewinnt man nicht den Eindruck, dass einzig die Gottesfrommen das tun. Die Menschheit folgte wohl schon immer nicht nur Gottes Gesetzen.

Das Gesetzbuch von König Hammurabi aus dem 18. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum Beispiel kommt zwar nicht ohne Gott aus, aber der steht nur am Anfang, ist der Herr des Himmels und der Erde. Die Gesetze selbst wurden, darauf legt Hammurabi größten Wert, vom König verfasst. Zweihundertzweiundachtzig Paragrafen lang spielt Gott keine Rolle. Die uns vertrauten biblischen zehn Gebote dagegen sind Wort für Wort die des einzigen Gottes. Jedenfalls für den Gläubigen.

„Wo es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“ war schon im 2. vorchristlichen Jahrtausend verkehrt. Angesichts des Gangs der Weltgeschichte wird man wohl eher sagen: „Wo es Gott gibt, ist alles erlaubt.“ Ein neuer Gott schafft neue Gesetze. Selbst wenn er vorgibt, der alte zu sein. Das vierte Gebot lautete: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Jesus dagegen erklärt: „So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“

In Gottes Namen darf man sich nicht nur über jedes Gesetz hinwegsetzen, sondern auch über Menschheit und Natur, über alles und jedes. Selbst die Naturgesetze gelten für Gott nicht. Allein sein Wille zählt. Religion funktioniert auch als Ermächtigungsgesetz: „Macht Euch die Erde untertan!“

Kein Verbrechen, das nicht auch im Namen Gottes, im Namen der Religion, begangen wurde. Es gibt keine Religion ohne Gewalt. Es gibt, daran sei erinnert, auch keine Nicht-Religion ohne sie. Immer wieder wird die Legende belebt, der Buddhismus sei eine Ausnahme. Das Buch „Buddhist Warfare“ von Michael Jerryson und Mark Juergensmeyer (2009) widerlegt sie. Gewalt gehört zur Menschheit dazu wie auch der Versuch, auf sie zu verzichten.

Wer glaubt, das Christentum sei die Religion des Mitleids und der Nächstenliebe, der sei an Guanyin, den weiblichen Bodhisattva des Mitgefühls im Mahayana-Buddhismus erinnert. Im Volksglauben gilt sie als Göttin. Die deutsche Wikipedia erklärt Kannon, das ist der japanische Name Guanyins, zur „beliebtesten Gottheit im buddhistischen Pantheon. Seit der Ankunft des Kults in Japan Ende des 6. Jahrhunderts suchen die Menschen bei ihr Trost und Glück“. Guanyin nagelte dafür nicht ihren Sohn ans Kreuz.

Trost und Glück sind zwei zentrale Elemente von Religion. Es geht eben nicht nur um das Für-wahr-halten, nicht nur um Glauben und Wissen, nicht nur um Theologie, sondern auch um existenzielle Bedürfnisse, um die Bewältigung von Angst, um das Streben nach Glück. Ersteres zählt, das verblüfft Sie womöglich, zu den Hauptaufgaben des Staates. Wir nennen es die Politik der inneren und äußeren Sicherheit. Letzteres hat die amerikanische Unabhängigkeitserklärung in die Politik überführt. Sie ist dafür viel verspottet worden.

Chinesen kopierten die christliche Ikonographie

Die buddhistische Göttin Guanyin führt uns zu einer weiteren Facette der Religion. Religionen machen die Menschen nicht nur nicht besser, sie sind auch nicht reiner. Alle Religionen unternehmen immer wieder große Anstrengungen, zur reinen Lehre, zur wahren Praxis, zurückzukehren. „Reformationen“ gab und gibt es überall auf der Welt. Fundamentalismus ist nur ein anderes Wort dafür.

Die Göttin Guanyin hat eine aufregende Vorgeschichte. Sie begann ihre Karriere als Mann. In einem der wichtigsten buddhistischen Texte, dem „Herz-Sutra“, formuliert der Bodhisattva Avalokiteshvara, der, der die Klagen der Lebewesen wahrnimmt, den Kern der buddhistischen Lehre. Avalokiteshvara bekam im Lauf der Geschichte auch elf Köpfe, tausend Arme und Zehntausende Augen, um kein Leid der Menschheit – nein, kein Leid irgendeines Lebewesens – zu übersehen. Der Dalai Lama ist eine seiner Verkörperungen. Als die Jesuiten den Marienkult nach China brachten, sahen die Chinesen in ihr Guanyin und kopierten die christliche Ikonographie. Sie fertigten Guanyin-Statuen an, die die buddhistische Göttin aussehen ließen wie eine christliche Madonna.

Maria, die „Muttergottes“ wiederum geht zurück auf die „Göttermutter“ des antiken Rom, die wiederum zurückreicht zur kleinasiatischen Kybele und – das ist nicht zu übersehen – zur den Horusknaben stillenden Isis. Hinter jedem Gott steckt ein anderer. Viele sind eifersüchtig, andere dagegen saugen auf, was immer sie können: fremde Götter und ferne Kulte. Ob Jehova seine Karriere als Wettergott begann, ist strittig. Aber dass er immer der Einzige war, den die Juden verehrten, ist mit Sicherheit falsch. Ob es je einen historischen Buddha gab, weiß man nicht. Buddhas gab es immer wieder. Ein Buddha ist einer, der vollkommene Weisheit und unendliches Mitgefühl hat. Diese Spannung von Intellekt und Gemüt durchzieht die Menschheitsgeschichte. Zur Zeit verhandeln wir sie als die Frage nach der „Emotionalen Intelligenz“.

Kein Gott kommt jemals allein. Er mag eifersüchtig sein, aber ohne Propheten kommt keiner aus. Um Gott stehen die Heiligen. Auch im Islam. Er hat Vorfahren und Verwandte. Gott ist ein Multiple. Er steht in einer langen Reihe von Konkurrenten, von denen er sich unterscheiden möchte. Eine Konkurrenz, bei der es zu Fusionen und zu feindlichen Übernahmen kommt. Auf antiken Tempeln stehen christliche Kirchen und auf ihnen islamische Moscheen, denen wieder eine christliche Kirche und dann ein Einkaufszentrum folgen kann. Dass es dort vielleicht vor dem antiken Tempel schon einmal gegeben hat.

Religion lebt, und darum stirbt sie auch. Viele sagen, am Anfang der Religion stehe die Erfahrung des Todes, genauer: das Wissen um die eigene Endlichkeit. Religion ist so gesehen der Versuch, ihr zu entkommen. Kaum eine Religion ohne Ahnenkult oder Verehrung oder auch Bannung der Verstorbenen. Bei dieser Variante der Religion – wie bei fast allen – verbinden sich Glück und Trost. Das Glück, den Tod besiegt zu sehen, ist der größte Trost. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“, triumphierte der Apostel Paulus. Jesus Christus hat uns vom Tod erlöst. Die unübersehbare Pointe war freilich, dass Jesus uns nicht alle erlöst. Nur für die Erwählten gilt die schöne Zeile Paul Gerhardts, dass „mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.“ Was uns zum Status des Erwählten hilft, weiß niemand. Um diese Frage wurden nicht nur in Europa Glaubenskriege geführt.

Das Unendliche als die Sphäre Gottes

Wir bewegen uns hier auf dem anscheinend winzigen Terrain der Gnadenlehre. Aber vielleicht bedeckt die ja in Wahrheit ein viel weiteres Territorium. Der Wille der Götter ist – von ein paar Dogmatikern abgesehen – wohl jedem Lebewesen ein Rätsel. Der heilige Boden, auf dem die Menschen zusammenkommen, um die Götter mit Gesang, Tanz, Lob, Gebet für sich zu gewinnen, mag noch so klein sein, er funktioniert als magischer Ort, als Schnittpunkt des Unendlichen mit dem Menschen. Überall auf der Welt.

Das Unendliche wird in der christlichen Tradition als die Sphäre Gottes gesehen. Das war und ist nicht immer so. Der um 500 vor unserer Zeitrechnung in Ephesos, in der heutigen Türkei, lebende Philosoph Heraklit glaubte jedenfalls nicht. Von ihm ist ein kleines Fragment überliefert, das lautet, noch einmal gekürzt: „Diese Welt hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immer da.“ Nicht geschaffen, sondern ewig. Heraklit war – anders als viele Gläubige annehmen – nur einer von vielen Ungläubigen, die aufs Unendliche nicht verzichten wollen. Sie faszinierte und fasziniert das Unendliche nicht als das ganz Andere, als etwas Transzendentes. Für sie ist Gott eine endliche Größe inmitten der die Ungläubigen ergreifenden Unendlichkeit der wirklichen Welt. Gott ist ihnen eine brüchige, sich immer wieder neu zusammensetzende Konstruktion, ein Stehaufmännchen. Er ist nicht tot. Er hat nie gelebt. Gerade darum ist er nicht zu fassen.

Der in Breslau geborene evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834) wohnte in Berlin im Eckhaus Glinkastraße-Taubenstraße. In diesem Haus arbeitet übrigens auch heute ein protestantischer Pfarrer. Schleiermacher erklärte dort die Religion ihren Verächtern folgendermaßen: „Mitten in der Endlichkeit eins zu werden mit dem Unendlichen und ewig zu sein in jedem Augenblick.“

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