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Alfred Hrdlicka, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer Österreichs (Archivbild, 2008).

Alfred Hrdlicka gestorben

Ein Reiter mit Tod und Teufel

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Alfred Hrdlicka, österreichischer Bildhauer und Kunst-Kraftprotz, ist tot. Der Quertreiber aus der Wiener Kunstszene starb im Alter von 81 Jahren. Von Peter Iden

Persönliche Begegnungen mit ihm gerieten, und keineswegs nur, weil dabei stets viel Alkohol floss, alsbald an die Grenze zum bitterbösen Streit und oft darüber hinaus. Alfred Hrdlicka, der jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist, war ein Mensch der heftigen Art. Auf der Wiener Kunstszene immer ein Quertreiber, lange Zeit bekennender Kommunist, konnte unvermittelt jäher Zorn ihn erfassen, der sich richtete gegen die sozialen Verhältnisse wie er sie sah, gegen die Kunst seiner Zeitgenossen, mit einem Wort Doderers gegen "die Krankheit des Belletrismus", gegen selbst die vorsichtigsten Kritiker seiner Arbeit sowieso.

Die Ausbrüche seines misanthropischen Temperaments reihten ihn ein eine spezifisch österreichische Tradition, die von Karl Kraus bis Thomas Bernhard und Elfriede Jellinek reicht. Zu bestaunen aber war dabei immer seine Energie, die wüste Triebhaftigkeit eines Kraftbolzen, die seine Auftritte als Mensch und sein Werk als Bildhauer auszeichnete.

Er hatte sein Studium zunächst bei Albert Paris Gütersloh begonnen, der als Mitbegründer der Wiener Schule des phantastischen Realismus 1929 an die damals hoch renommierte Kunstgewerbeschule berufen worden war und nach dem Zweiten Weltkrieg an die Akademie der Bildenden Künste wechselte, wo der junge Hrdlicka Schüler des der Literatur wie der Malerei und der Skulptur verpflichteten Lehrers wurde.

Von der ausschweifenden Phantastik in Güterslohs Hauptwerk, dem 1935 begonnenen, erst 1961 erschienenen Roman "Sonne und Mond", ist das Frühwerk des Bildhauers und Zeichners Alfred Hrdlicka deutlich beeinflusst.

Menschenbilder in Marmor

In der Folge erfährt er eine noch andere Prägung durch den zwanzig Jahre älteren Fritz Wotruba: Die wuchtig-strenge, am Kubismus orientierte Formensprache von dessen Skulpturen löst sich in Hrdlickas frühen, häufig aus Marmor hervorgetriebenen Menschendarstellungen auf in weichere, weniger formalisierte Gestaltungen, die an den Körpern, bis hin zu deren Verstümmelung, das Beschädigte, von Zerstörung Bedrohte als Ausdruck moderner Existenz betonen.

In der Sammlung des Wiener Museums des 20.Jahrhunderts befindet sich ein Hauptwerk Hrdlickas, die Skulptur eines Gekreuzigten (von 1959), dem Arme und Beine amputiert sind, der Kopf auf dem ausgezehrten Leib ist gesichtslos, ein kruder Klumpen. Das akzentuierte Geschlechtsteil dieses Gekreuzigten ist letztes Zeichen ausgelöschter, vergangener Vitalität.Realistische Drastik

Umstrittenes Mahnmal

Das zugleich Ungeschlachte und Subtile dieser Skulptur finden sich noch wieder in der Figurengruppe auf dem Platz vor der Wiener Albertina, die Hrdlicka in den achtziger Jahren als Mahnmal für die jüdischen Opfer des Faschismus geschaffen hat.

Die realistische Drastik der Schilderung des Leidens der Gefolterten und Gedemütigten - unter anderen Martern identifiziert man die Praxis der zur Reinigung der Bordsteige mit Zahnbürsten gezwungenen Juden - hat über Wien hinaus eine lange andauernde Kontroverse provoziert.

Mit der ihm eigenen Vehemenz hat der Bildhauer sein Werk in unzähligen Diskussionen auch gegen Einwände aus der jüdischen Gemeinde Wiens verteidigen müssen. Bis heute werden immer wieder Stimmen laut, die das als anstößig empfundene Werk entfernt wissen wollen.

Aber gerade dieses Anstößige ist der künstlerischen Lebensleistung Hrdlickas unabdingbar. Mit einem Bild aus "Sonne und Mond" seines Lehrers Gütersloh gleicht das Oeuvre dieses Bildhauers "dem Ritt über einen Acker, das eine Mal Kraut, das andere Mal Rüben mit der Hinterhand des Pferdes aus der Scholle schleudernd". Das Gewaltsame, Jähe, Unberechenbare seines aufstörenden Ritts durch die Zeit - es war Hrdlickas Elend. Aber auch sein Triumph.

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