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Niedlich war er nicht: Fassbinder.

30. Todestag Rainer Werner Fassbinder

Reisen ins Licht

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Vor dreißig Jahren starb Rainer Werner Fassbinder. Wie niemand sonst brachte er Kunst- und Gefühlskino unter einen Hut und bis heute sucht die deutsche Filmbranche nach einem "neuen Fassbinder".

Es geht um Gefühle“, war Rainer Werner Fassbinders erster Satz bei seiner ersten Berlinale-Pressekonferenz 1969. Wenn es je einen früh vollendeten Filmkünstler gab, dann den zornigen jungen Mann von 24 Jahren, verewigt in Joachim von Mengershausens damals entstandener Filmreportage „Ende einer Kommune“. Fassbinders unvermitteltes Bekenntnis zur Emotionalität nach seinem ersten Langfilm „Liebe ist kälter als der Tod“ erwischte die rätselnde Journalistenschar 1969 wie eine kalte Dusche. Vom ersten Augenblick an brach Fassbinder mit der Erwartung, dass moderne Autorenfilme zuerst an den Intellekt appellierten. Es war nicht einfach, die strenge, formbewusste Filmkunst wieder für das Gefühl zu öffnen. Auch wenn er bekannte: „Ich mag Kunst nicht“ – unter seiner breiten Hutkrempe brachte Fassbinder die scheinbaren Widersprüche von Kunst und Emotion zusammen wie niemand sonst. Es bleibt sein großes Vermächtnis.

Unglaubliche Produktivität

Nur vier Jahre später, 1973 konnte Fassbinder bereits auf sechzehn Spielfilme und zwei Fernsehserien zurückblicken. Niemand wird ihm diese Produktivität wohl je nachmachen. Doch viel entscheidender ist, wie nahe er in diesen Jahren seinem eigenen Kino-Ideal kam: Bei „Angst essen Seele auf“ musste er niemanden mehr auf den Gefühlsgehalt hinweisen – obgleich dieser Film ohne jenes sentimentale Beiwerk auskam, das man für gewöhnlich mit einem Melodram verbindet. Die Liebesgeschichte zwischen einer etwa 60-jährigen Putzfrau und einem um zwei Jahrzehnte jüngeren Marokkaner, braucht keine Übertreibung. Peer Rabens hauchzarte Filmmusik zum Beispiel erklingt nur jeweils für ein paar Sekunden und bleibt dennoch unvergesslich.

Mit der Hauptrolle hatte Fassbinder die beliebte aber als Künstlerin weithin unterschätzte Brigitte Mira beschenkt. Sie dankte es ihm ihr Leben lang. Intuitiv vermittelt sie jene menschliche Wärme, die der „Gastarbeiter“ Ali (El Hedi Ben Salem) ansonsten vergeblich im angeblich weltoffenen München sucht. Aber ebenso ungezwungen wie über ihre Liebe spricht die Frau über ihre frühere Bewunderung für Hitler.

Es gibt keine Engel in Fassbinders Idee vom Melodram, das er aus Hollywoods Himmeln herab auf Brechts Boden holt. Von seinem Idol Douglas Sirk („Was der Himmel erlaubt“) übernahm Fassbinder die Verachtung der Kinder für das Glück ihrer Mutter. Doch wie er dann die Geschichte forterzählt, wenn das Paar nicht mehr an der Umwelt, sondern an sich selbst zu zerbrechen droht – das ist ohne Vorbild.

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, sagte Fassbinder mal. Als dieser Tag am 10..Juni vor dreißig Jahren weit vor der Zeit eintrat, ahnte man nicht, welche Triebfeder des deutschen Films mit ihm zerbrach. Wie ein Fluch verfolgt die deutsche Filmbranche, sobald sie sich auf internationale Festivals wagt, seither die gespenstische Frage: Wo er denn bleibe, der „neue Fassbinder“? Vielleicht fragt man sich angesichts der Abwesenheit deutscher Wettbewerbsbeiträge in Cannes dann wirklich, warum wir keinen Reality-Satiriker wie Österreichs Ulrich Seidl hervorbringen, keinen ironischen Poeten wie Finnlands Aki Kaurismäki, keinen sozialen Realisten wie Großbritanniens Ken Loach und keinen farbtrunkenen Stilisten wie Spaniens Pedro Almodóvar. Aber was wären sie alle ohne den Einfluss von Rainer Werner Fassbinder?!

Das Münchner Filmfest hat vom 29. Juli bis 8. Juni neben Weggefährten wie Ingrid Caven und Udo Kier auch den amerikanischen Fassbinder-Fan Todd Haynes zu Gast: „Was ich von Fassbinder gelernt habe“, zitiert ihn das Festival, „ist unter anderem, wie man innerhalb populärer filmischer Genres wie dem Melodram brisante gesellschaftspolitische Themen behandeln kann. Fassbinder benutzte Illusion, Künstlichkeit und Emotion als Mittel, um zu einer Wahrheit zu gelangen, die uns mehr berührt als jeder Realismus.“

Begegnet man heute dem frühen Fassbinder in der Western-Travestie „Whity“, dem Melodram „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ oder dem Sozialdrama „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“, dann wirkt manches unvollendet. Tatsächlich ließ Fassbinder seine Filme so schnell hinter sich, dass man meinen konnte, ihre Farbe sei noch nicht ganz trocken. Wie kunstvoll er sie dabei ausbalancierte, bemerkt man, sobald man etwas daran ändert. Als die Fassbinder Foundation „Berlin Alexanderplatz“ restaurieren ließ, wichen die weichen, zartfarbenen Bilder der alten 16-mm-Kopien körniger Buntheit. Mit großem Aufwand wurde nun seine Nabokov-Adaption „Despair“ restau- riert; man hört, das Ergebnis sei diesmal hervorragend. Todd Haynes wird die neue Kopie des Klassikers mit Dirk Bogarde und Andréa Ferréol beim Münchner Filmfest präsentieren. Ein Wiedersehen mit Fassbinder, dieser Lichtgestalt des deutschen Films, ist wie der Untertitel von „Despair“: „Eine Reise ins Licht“.

Veranstaltungen siehe

www.handsonfassbinder.de

Arte zeigt vom 8. bis 25. Juni

zehn Fassbinder-Filme.

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