+
Axel Honneth (re.) und sein Nachfolger Ferdinand Sutterlüty während der Konferenz.

Institut für Sozialforschung

Reflexionen aus dem paradoxen Leben

  • schließen

Das Frankfurter Institut für Sozialforschung verabschiedet seinen langjährigen Direktor Axel Honneth.

Warum ist die sexuelle Vermarktung des weiblichen Körpers heute trotz Feminismus stärker als je zuvor? Die sexuelle Revolution hat im Umfeld des Konsumkapitalismus die Gleichwertigkeit der Frauen nicht verbessert, sondern ihnen eher das Gegenteil eingebracht, erklärt die Soziologin Eva Illouz auf einer Tagung des Instituts für Sozialforschung (IfS) in Frankfurt. Gefühle der Entwertung nehmen zu statt ab. Frauen würden heute stärker taxiert und bewertet, sowie ihre sexuelle Potenz auf vielschichtige Weise gewinnbringend ausgereizt.

Mit einem kämpferischen Vortrag der in Tel Aviv, Paris und Princeton lehrenden Wissenschaftlerin endeten am Samstag im Schauspiel Frankfurt die hochkarätig besetzten Interventionen der Sozialforschung über „Paradoxien der Gegenwart“, mit denen das IfS seinen langjähriger Direktor Axel Honneth in Frankfurt verabschiedete und dieser die (kommissarische) Leitung an Ferdinand Sutterlüty übergab.

Warum passiert es, dass sich solche Ursprungsideen bisweilen in ihr Gegenteil wenden? Tragen Normen, die hehre Ziele realisieren sollen, diesen Gegeneffekt unvermeidbar in sich, oder gibt es Begleitumstände, die die Fehlentwicklung bedingen und somit beeinflussbar wären?

Sechzehn Referenten hatten zu diesen Fragestellungen in Kurzvorträgen Beispiele vorbereitet. Dass Normen, die eigentlich Gutes bewirken sollen, im realen Leben ins Gegenteil umschlagen, hat bereits Max Weber ausführlich am Beispiel des calvinistisch-protestantischen Glaubens thematisiert. Axel Honneth erinnert in seiner Einführung zum pausenlosen, achtstündigen Vortragsdefilee an Webers Analyse, die zeige, wie moralische Heilserwartung in blinden Arbeitseifer und Gewinnsucht umgeschlagen sind.

Brunner: Netanjahu bemüht Mantra der moralischen Integrität

Ein aktuelles Beispiel paradoxer Glaubensvorstellungen hat der interdisziplinär forschende Ideenhistoriker José Brunner (Tel Aviv University) analysiert. Zum Auftakt zitiert er Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Dieser habe gerade erneut erklärt, dass Anschuldigungen gegen Israel, der Staat halte die Palästinenser unter Besatzung, absurd seien. Fakten, die dieser Vorstellung entgegenstehen, würden zwar zur Kenntnis genommen und nicht verdrängt, sie beeinflussten die Selbstwahrnehmung jedoch nicht.

So könne beispielsweise in einem Artikel die israelische Armee als moralischste der Welt bezeichnet werden und anschließend sogleich über die Tötung unbewaffneter Palästinenser durch israelische Soldaten gesprochen werden. Diese paradoxe Reaktion sei auf der Basis eines politischen Fetischismus möglich, meint Brunner. Der von Sigmund Freud abgeleitete (und in der anschließenden Publikumsdiskussion umstrittene) Begriff mache den Reaktionsmechanismus anschaulich, der in der israelischen Gesellschaft wirksam werde. Aus Angst, die eigene Vollkommenheit zu verlieren, werde das Mantra der moralischen Integrität stets neu betont.

Allgegenwärtige Sorge um Demokratie, die sich selbst abschaffen könnte

Kenichi Mishima, Mitglied im Internationalen Wissenschaftlichen Beirat des IfS, lehrt an der Tokyo Keizai University. In seinem historischen Rückblick beschreibt er den Versuch der amerikanischen Besatzungsmacht, nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich wie in Deutschland Chancengleichheit einzuführen. Mit diesem Ziel wurden in Japan die Schulen egalisiert und eine umfassende Bildungsreform implementiert. Langfristig habe sich dieser Versuch jedoch in sein Gegenteil verkehrt. Der Selektionskampf verschob sich nun massiv auf die Vorschulphase. Es wurden teure Prep-Schulen eingeführt und die soziale Spaltung, so Mishima, eher verstärkt als eingeebnet.

Normative Paradoxien sind zwar kein neues Phänomen, sie scheinen sich zurzeit jedoch zu häufen, meint Honneth. Vor allem die Sorge um die Demokratie, die sich selbst abschaffen könnte, ist allgegenwärtig.

Peter Wagner, der an der Universität von Barcelona lehrt, hat das spannungsvolle Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie untersucht. In einem eindrucksvollen Vortrag hebt er zwar die zerbrechliche Seite von Demokratie hervor, zeigt aber zugleich, dass gerade die gegenwärtig als bedrohlich eingestuften Tendenzen u.a. in Frankreich und England relevante Zeichen demokratischen Handelns seien. „Es gibt keine konsolidierte Demokratie, diese Formulierung ist ein Oxymeron“, betont Wagner.

Ein soziales und ein ökonomisches Paradox gehören hingegen fest zur Demokratie. Wenn Demokratie beispielsweise unterschiedliche Meinungen auf einen Nenner bringen und in politisches Handeln umsetzen möchte, geht dies nur mit Hilfe von Repräsentanten. So entstehe eine Art politische Elite, erklärt Wagner. Dies führt zum Konflikt, wenn sich diese – wie in Frankreich oder Italien – vom Volk entfernt oder wenn die Partei als koordinierendes Gremium nicht mehr wirksam ist. Es entsteht dann eine unkontrollierte Situation mit einer Vielzahl von Meinungen, die sich nicht mehr zu einer Position zusammenführen lassen. Die Debatten in Westminster könnten, falls sie zu einem – zurzeit nicht zu erwartenden – Ergebnis führen, später vielleicht einmal als „Sternstunde des Parlaments“ bezeichnet werden, meint Wagner. „Was wir da sehen, ist nämlich der Zerfall von preorganisierter Meinungsbildung im Parlament.“

In diesem Moment scheint der Bürger wieder aktiv zu werden. Der Trend der 90er, der das Wort „Politikverdrossenheit“ zum Leitmotiv hatte, scheint gebrochen. Das ist im digitalen Umfeld jedoch nicht ohne Risiko. Wenn die Mehrheit der Bürger sich von ihren Vertretern nicht mehr demokratisch repräsentiert sieht, wird die Qualität und Intensität von Kommunikation ein entscheidendes Instrument der Meinungsbildung, erläutert Wagner. Dieser Prozess werde jedoch durch gegenwärtige Entwicklungen im Internet gefährdet.

Beate Rössler, Universität Amsterdam, hat sich mit „Paradoxien des Privaten. Überwachung und Enthüllung“ in der digitalen Welt beschäftigt. Dort gebe es ein Privatheitsparadox, weil man einerseits die Privatsphäre schützen wolle, andererseits aber zahlreiche persönliche Daten ins Netz stelle. Ganz unmündig scheint der Nutzer sich jedoch auch hier nicht zu verhalten. Als Google versuchte, eine Brille einzuführen, die mit dem Internet verbunden ist und zugleich die Umgebung filmt, habe dies, so Rössler, zu starken Abwehrreaktionen geführt. Google glasses konnte sich auf dem Markt bisher nicht durchsetzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion