Die Kathedrale in Lund (Schweden)

Rechtspopulismus

Lässt sich der Erfolg der Rechten durch Katholizismus verstehen? 

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Italien, Ungarn, Polen: In katholisch geprägten Ländern Europas sind rechtspopulistische Parteien besonders erfolgreich. Auf den zweiten Blick sind die Verhältnisse jedoch komplizierter.

Als der italienische Innenminister Matteo Salvini am 18. Mai 2019 auf dem Treffen der rechtspopulistischen Führer Europas – unter ihnen Jörg Meuthen und Marine Le Pen – vor dem Mailänder Dom den Schutz der heiligen Patrone Europas und der Jungfrau Maria anrief, brandete in der Masse enthusiastischer Beifall auf. Den Rosenkranz in die Luft reckend, erklärte Salvini, er vertraue Italien dem unbefleckten Herzen der Heiligen Jungfrau Maria an, die seiner Partei – da sei er sicher – in den anstehenden Europawahlen den Sieg bringen werde.

Die Anrufung Gottes und der Heiligen hat in der Politik in den katholischen Ländern Europas eine lange Geschichte. Immer wieder haben katholische Parteiführer in Europa Gott öffentlich um die Unterstützung ihrer Arbeit, um den Schutz ihres Heimatlandes und die Errettung ihres Volkes gebeten. Das war auch vor 450 Jahren schon so. Vor der Seeschlacht von Lepanto im Jahr 1571 riefen Philipp II. von Spanien, Papst Pius V. und Don Juan de Austria Gott und die Jungfrau Maria um Hilfe gegen die Muslime an und forderten die Katholiken auf, den Rosenkranz zu beten. Obwohl die Heilige Liga militärisch unterlagen war, gewann sie die Schlacht. Zum Dank wurde ein Jahr später das Rosenkranzfest eingeführt, das die katholische Kirche bis heute feiert.

Rechtspopulisten haben Erfolge in katholisch geprägten Ländern

Bietet also vielleicht der Katholizismus einen Schlüssel, um die Erfolge der rechtspopulistischen Parteien in Europa zu verstehen? Nachdem in den Sozialwissenschaften Zweifel an einem ökonomischen Erklärungsansatz, der auf soziale Ungleichheit, Bildung und Arbeitslosigkeit abhebt, in letzter Zeit lauter geworden sind, gewinnen inzwischen Konzepte an Bedeutung, die identitätspolitische Fragen, Fragen der Anerkennung, von Selbst- und Fremdbildern, Exklusionserfahrungen und Selbstbehauptungsbestrebungen, also kultursoziologische Fragen in den Mittelpunkt rücken. Lässt sich in letzter Zeit nicht in der Tat beobachten, dass sich die heftigsten sozialen Konflikte in den Industriestaaten weg von ökonomischen Verteilungsfragen hin zu kulturellen und damit auch zu religiösen Spannungslinien verlagern?

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Auf den ersten Blick spricht einiges für diese Überlegung, die von Sozialwissenschaftlern wie Diana Mutz in den USA, Michael Zürn in Deutschland oder auch David Goodhart in Großbritannien angestellt wird. Die Rechtspopulisten konnten bei der Europawahl in katholisch geprägten Ländern beachtliche Erfolge einfahren. In Polen mit einem katholischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent kam die national-konservative PiS auf 45,4 Prozent, das pro-europäische Bündnis hingegen nur 38,5 Prozent. In Frankreich erreichte der „Rassemblement National“ (früher Front National) 23,3 Prozent und damit mehr als Macrons En Marche. In Italien erzielte die rechtspopulistische Lega Nord mit ihrer Anti-Flüchtlingspolitik 34,3 Prozent – ein Resultat, für das Salvini prompt der Heiligen Jungfrau dankte.

Abgrenzungsrhetorik der AfD erklärt den Islam zum Hauptgegner

Auch in Deutschland tritt einem die religiöse Färbung der Konflikte um Rechtspopulismus, Immigration und Nationalbewusstsein unmittelbar entgegen. Wurden in den 1960er und 1970er Jahren die aus der Türkei, Marokko und Tunesien stammenden Migranten als Gastarbeiter bezeichnet und 20 Jahre später als Türken, Marokkaner und Tunesier, so spricht man sie heute als Muslime an. Die Abgrenzungsrhetorik der AfD hat im Islam ihren Hauptgegner gefunden. Und was die Partei sich gegenüber der „Moslemflut“ vorgenommen hat, ist nichts weniger als die Verteidigung des „christlichen Abendlands“.

Auf den zweiten Blick sind die Verhältnisse allerdings doch komplizierter, und vor allem sind sie in jedem Land verschieden. Schon das relativ schwache Abschneiden der rechtspopulistischen Vox im mehrheitlich katholischen Spanien (6,2 Prozent) und die geringe Bedeutung der rechts-konservativen Parteien in Kroatien, wo die Katholiken einen noch größeren Bevölkerungsanteil stellen als in Spanien, sprechen gegen die Annahme eines engen Zusammenhangs zwischen Katholizismus und Rechtspopulismus. Erst recht wird diese Annahme fraglich, wenn wir auf Ostdeutschland schauen, wo die AfD in allen Ländern zumindest zur zweitstärksten Partei avancierte und der Anteil der Katholiken nicht mehr als vier Prozent ausmacht.

Italien: Salvini liegt mit Vatikan über Kreuz

Auch in Italien trügt der erste Anschein. Papst Franziskus hat die nationalen Regierungen der Welt, unter ihnen auch Italien, wiederholt dazu aufgefordert, ihre Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Salvini fragte trotzig zurück, wie viele Flüchtlinge eigentlich der Vatikan aufgenommen habe. Auf religiöse Symbole wie den Rosenkranz wollen die Rechtspopulisten in dem hochkatholischen Italien gleichwohl nicht verzichten. Doch auch hier hält der Vatikan dagegen, und der Kardinal-Staatssekretär wies Salvini zurecht und erklärte, Gott sei für jedermann da. Es sei stets „sehr gefährlich“, Gott für die eigenen Interessen anzurufen.

Ungarn: Kirche folgt Orbán nicht bedenkenlos

Anders liegen die Verhältnisse in Ungarn. Auch dort folgt die katholische Kirche nicht einfach bedenkenlos der Flüchtlingspolitik Viktor Orbáns, auf der dessen Wahlerfolge im Wesentlichen beruhen. Auf der einen Seite billigte die ungarische Bischofskonferenz die staatlichen Maßnahmen gegen die Einwanderung der Flüchtlinge, auf der anderen Seite sprach sie sich aber auch dafür aus, den Bedürftigen zu helfen. Im Unterschied zu Italien hat die katholische Kirche in Ungarn aufgrund der weit vorangeschrittenen Entkirchlichung jedoch nur geringe Unterstützung in der Bevölkerung und muss sich daher diplomatisch verhalten. Sie ist finanziell abhängig von staatlichen Leistungen und kann es sich schlichtweg nicht leisten, offen gegen Orbán aufzutreten.

Wieder anders sieht es in Frankreich aus, wo der öffentliche Diskurs seit dem 19. Jahrhundert durch den polarisierenden Konflikt zwischen einem laizistisch-republikanischen und einem konservativ-katholischen Lager geprägt ist und Le Pen stets für einen demonstrativen Laizismus eintrat, den es gegen die Gefahr der Islamisierung Frankreichs zu verteidigen gelte.

Polen: Katholische Kirche unterstützt PiS, gerät aber in die Defensive

Selbst die Situation in Polen bedarf einer differenzierteren Betrachtung. Der höhere Klerus der katholischen Kirche steht zwar klar an der Seite der national-konservativen PiS. Aufgrund der Kindesmissbrauchsfälle, die die öffentliche Diskussion stark bestimmen, ist die katholische Kirche jedoch in die Defensive geraten. Sie sucht die Unterstützung der regierenden PiS, so wie diese sich durch ihre enge Beziehung zur Kirche Wahlkampfhilfe verspricht. Doch die antiklerikalen Kräfte, die es in Polen seit langem gibt und einen unmittelbaren Ausdruck der Übermacht der katholischen Kirche darstellen, erhalten immer mehr Zuspruch. Die Beteiligung an den Gottesdiensten geht zurück, insbesondere unter den Jugendlichen und in den Großstädten. Vor kurzem zog ein Film mit dem Titel „kler“ (Klerus), der die Sexualdelikte der Priester zum Thema machte, vier Millionen Zuschauer an und wurde zum dritterfolgreichsten Film seit dem Fall des Kommunismus. Es bleibt abzuwarten, welche Dynamik der Antiklerikalismus in nächster Zeit in Polen entfalten wird.

Im Wesentlichen lassen sich im Verhältnis von Katholizismus, Staat und Politik drei Muster erkennen. Da ist einmal der weit in die Vergangenheit zurückreichende Konflikt zwischen Katholizismus und Laizismus bzw. katholischer Kirche und säkularem Staat, wie er für Frankreich typisch ist. Zum zweiten haben wir es mit einem Katholizismus zu tun, der wie früher im diktatorischen Spanien oder im faschistischen Italien eine Allianz mit den herrschenden politischen Kräften eingeht, was ihm kurzfristig Vorteile verschafft, sich langfristig aber eher als verhängnisvoll erweist (wie inzwischen in Spanien und möglicherweise jetzt auch in Polen). Wenn wir an Irland oder Polen bis zum Kollaps des Staatssozialismus denken, gibt es aber auch noch den Fall, dass die katholische Kirche in Abwehr von Fremdmächten (das Vereinigte Königreich, Russland) eine enge Verbindung mit den politischen und sozialen Interessen der Bevölkerung eingeht und zum Sammelpunkt der Behauptung nationaler Identität wird – oft verbunden mit dem Entwurf nationaler Mythen wie in Polen etwa dem vom westlichen Bollwerk gegen die russische Orthodoxie.

Und wie ist die Lage in Deutschland? Für Deutschland können die meisten vorliegenden Untersuchungen keinen klaren Zusammenhang zwischen Konfession und Rechtspopulismus feststellen. Auf der einen Seite werden ablehnende Haltungen gegenüber Muslimen und Nationalismus durch religiösen Dogmatismus befördert, auf der anderen können Glaube an Gott und Kirchgang gegenüber rechtspopulistischen Einstellungen aber auch als Puffer wirken. In jedem Falle sind die Effekte äußerst gering.

Im Großen und Ganzen erweist sich der Katholizismus sowie die Religion überhaupt also als funktional ambivalent. Wie vielfältig die Wirkung des Religiösen sein kann, lässt sich übrigens selbst in Polen erkennen, wo kürzlich eine Aktivistin der LGBTQ Community auf der Straße mit einem Poster protestierte, auf dem der Heiligenschein der Jungfrau Maria in Regenbogenfarben abgebildet war. Eine enge Verbindung von Katholizismus und Rechtspopulismus macht religiöse Symbole offenbar auch für Anliegen benutzbar, die die Rechtspopulisten gerade bekämpfen.

Zur Person

Detlef Pollack, Jg. 1955, ist Professor für Religionssoziologie am Exzellenzcluster Religion und Politik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Der Beitrag führt die kontroverse Diskussion weiter, die unter FR-Lesern durch den Artikel „Vaterland unser“ (FR v. 31. Mai) ausgelöst wurde .

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