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Ökologischer Raubbau und solcher an Arbeitskräften unter Plastikplanen.

Landwirtschaft in Südspanien

Arbeiten im Plastikmeer

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An der Peripherie Europas: Widersprüche der industriellen Landwirtschaft in Südspanien.

Der Bus startet um sieben von Almerías Estación Intermodal. Frühlicht streift die Bergketten im Osten, die Sierra del Cabo de Gata. Die schweigsamen Fahrgäste haben keinen Blick übrig für das, was während der Fahrt zu sehen ist: eine von rauer Natur geformte, semiaride Landschaft mit schroffen Schluchten nach Norden, mit trockenen Ramblas und Felsengraten. Die Ausläufer der Sierra de Gádor formen steile Abbrüche zum Meer. Dort, wo sie flacher auslaufen, bildeten sie einst ein mediterranes Charakterland, wie es im Naturpark Cabo de Gata-Níjar heute unter Schutz steht, die Campos de Dalía. Weingärten und Ölbaumhaine wurden hier im Trockenfeldbau kultiviert. Das weite Blau der Bucht von Almería öffnet sich nach Süden. Die Silhouette irgendeines Schiffes, vielleicht eine verspätete Fähre aus dem marokkanischen Nador, hält gegen den Wind Kurs auf Almería.

Nach gut zehn Kilometern Fahrt scheint der Landschaft wie dem Meer gleichermaßen eine radikale Antithese zu erwachsen: Die nahezu lückenlose Versiegelung aller Topografie durch ein weißlich-graues Plastikmeer, das im Morgenlicht silbrig reflektiert. Das alle Ebenen und Terrassen, alle Erhebungen und Einschnitte überformt, Quadratkilometer um Quadratkilometer. Das jegliche Natur unterdrückt, alles mediterrane Grün eliminiert, das die Landschaft einst gliederte. Jeden Baum. Jeden Strauch. In den armen Ausläufern der Küste, östlich der Costa del Sol, um Almería beginnend, überzog die Flut der zunächst aus billigsten Materialien verfertigten Foliengewächshäuser die Ebenen und Hänge. Die Strommasten, die auf ungewöhnlich steilen Erdpyramiden im Plastikmeer stehen, lassen sich als verfremdete Anzeiger dafür lesen, wo einmal die natürliche Erdoberfläche gewesen sein muss. Radikal ist sie abgefräst, wegplaniert worden zugunsten ebener Anbauflächen unter endlosen Gewächshausdächern.

Im Wahlkampf nach rechts geneigt

Bei der Anfahrt auf El Ejido, das Zentrum im Plastikmeer, ertönt vom Nebensitz der überlaute Ruf eines Muezzins, gerade noch erkennbar als Klingelton eines Smartphones – begleitet von hektischen Versuchen des Eigentümers, das Ding zum Schweigen zu bringen. In El Ejido dürfte dieser Ton als offene Provokation verstanden werden. Jenem El Ejido, in dem die ultrarechte nationalistische Vox-Partei bereits bei den Parlamentswahlen für Andalusien Ende 2018 gut 29, 5 Prozent der Stimmen erzielt und die in dieser Region traditionell führende konservative Partido Popular (PP) hinter sich gelassen hatte. Bei den Elecciones Generales, den spanischen Parlamentswahlen vom 28. April, konnte Vox ihre Position hier mit 30 Prozent der Stimmen festigen, im Nachbarort Balanegra erreichte sie 34 Prozent. In der Nachbar-Bucht des Plastikmeers, den Campos de Níjar östlich von Almería, erzielte die Vox 28 Prozent. Auch in anderen spanischen Regionen der industrialisierten Landwirtschaft erzielte Vox Zugewinne, etwa in den Campos de Cartagena, wo sie in Torre-Pacheco 25 Prozent oder in San Pedro del Pinatar 23 Prozent der Stimmen erhielt. Von hier kommt, auf unüberschaubaren Feldern im Freiland gezogen, der knackige Eisbergsalat, in dieser Region häufig von Arbeitsmigranten aus Rumänien und Bulgarien geerntet.

Die Partido Popular, die sich zuvor im Wahlkampf nach rechts geneigt hatte, um nach Andalusien in ganz Spanien für ein Rechts-Bündnis offen zu sein, beschwerte sich hernach über „kannibalistische Tendenzen“ („la canibalización de la derecha“, schrieb „El País“), denn die Gewinne von Vox (erst 2013 vom ehemaligen PP-Mitglied Santiago Abascal gegründet) hatten landesweit die Dimensionen der Verluste der PP.

Eines der Hauptthemen der Vox, neben ihrer nationalistischen Fundamentalopposition gegen die katalanische Separatisten-Bewegung, ist die Migration aus dem Maghreb und der Subsahara, die legale wie die illegale – und damit den Umstand, dass die industrialisierte Landwirtschaft des Plastikmeers ohne die Arbeitskraft der Migranten nicht aufrecht zu erhalten wäre. Juan Goytisolo nannte die Ausgangslage bereits 2000 ein „grausames Paradox“: „Der Immigrant ist im Treibhaus unverzichtbar, außerhalb aber unerwünscht. Seine bloße Anwesenheit gilt als anstößig und beunruhigend. Der Bürgermeister von Roquetas riet seinen Senegalesen in vollem Ernst, sie möchten doch versuchen, möglichst wenig aufzufallen.“

Entwicklung und Bewahrung menschlicher Identität

„Alles begann Anfang der achtziger Jahre“, notierte Juan Goytisolo. Nach dem Vorbild belgischer und holländischer Großkonzerne, nach dem Vorbild des Wirtschaftsethos Mitteleuropas, „stiegen die Bauern des damals noch zu Dalías gehörenden Gemeindebezirks El Ejido in den intensiven Anbau von Gemüse ein, und schon bald entstand jenes Meer von Folienzelten, das in der Sonne glänzt wie eine blendende Fata Morgana. Das glückliche Zusammenspiel von Wärme, Bewässerung und ,genetischer Veredlung’ ermöglichte – und ermöglicht bis heute – eine Steigerung der Produktivität und der jährlichen Ernten. Die familiäre Akkordarbeit in El Ejido, Roquetas und La Mojonera stieß rasch an ihre Grenzen. In dem Maße, wie die Landwirte und Agrarunternehmer reicher und reicher wurden, musste man sich mit auswärtigen Arbeitskräften behelfen; kein Spanier wollte in den Treibhäusern arbeiten. Die ersten Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika kamen Ende der Achtziger.“ (Juan Goytisolo, Sami Naïr: „El peaje de la vida“, Madrid 2000)

Bis zur Jahrtausendwende wurde, stetig zunehmend, eine Fläche von damals 17 000 Hektar der Versiegelung mit Plastikplanen unterzogen, 170 Quadratkilometer – mehr als die Fläche einer mittleren Großstadt wie Aachen. Bis 2017, manche Quellen nennen bereits 2013, waren es schon 36 000 Hektar oder 360 Quadratkilometer, weit mehr als die Fläche von München, verheerend für die Landschaftsgestalt, abweisend, scheinbar verlassen, erstarrt, weil nicht einmal die Winde eine wahrnehmbare Bewegung der Oberflächen zu erzeugen vermochten. Eine Stunde dauert heute die Fahrt von Almería durch Roquetas, La Mojonera, El Ejido und Balanegra bis dann – nach fünfzig Kilometern, weit hinter Adra –, die natürliche Topografie wieder zutage treten kann.

Was, fragt man sich, sollte in solcher Ödnis zur Entwicklung und Bewahrung menschlicher Identität beitragen? Was sollte es bedeuten, wenn die überkommenen Parzellen der Flurteilung, die umgrenzten Äcker, die Weingärten samt Grenzsteinen, die Flurwege samt Pinien am Wegesrand, die Ramblas aus den Bergen und die gepflegten Bergterrassen, gestützt durch Trockenmauern, die Oliven- und Mandelbäume, die Wegekreuze, alle Kleinbiotope und Kräuter, die sie begleiten mochten, auch die alten Gehöfte, also all das, was Ausdruck von Kultur war, was es brauchte, um „das exakte Maß der menschlichen Sphäre darzustellen“ (Rafael Chirbes), was noch „Ausdruck einer maßvollen Geschäftigkeit“ war, ausradiert wurde? Was bedeutete es für die Artenvielfalt, die Insektenpopulationen, die Populationen von Vögeln, Amphibien und Säugetieren, für die Ökosysteme insgesamt? Und, sollte dies alles ohne Rückwirkung auf die Menschen und ihr Zusammenleben bleiben? Sollte der Mensch in seinem Selbstwertgefühl nicht von der Landschaft seiner Kultur bestätigt worden sein, die Natur ihrerseits in ihrer Würde geachtet?

Produkte der industriellen Landwirtschaft

Die „plötzliche Abkehr von der ihnen eigenen Verständigkeit und Gemessenheit war das augenfälligste Anzeichen“ – einer „Krankheit“, wie Rafael Chirbes feststellte. Und wir in Mitteleuropa, halten wir die Produkte der industriellen Landwirtschaft dort in unseren Supermarktketten unbesehen für selbstverständlich? Die Tomaten, Zucchinis, Paprikas, Gurken, Auberginen, die an übermannshohen Ranken gezogen werden, die ihre den Jahreszeiten und Wachstumsperioden weit vorauseilende Entstehung zu niedrigen Preisen, von denen ein Bruchteil noch bei den Produzenten zurückbleibt – sind sie Bedingungen zu verdanken, mit denen wir nichts zu tun haben?

Wenn die Arbeitsstunde in Deutschland aktuellen Statistiken zufolge durchschnittlich bei 35 Euro liegt, bedeutet dies, dass die, die im Plastikmeer arbeiten, für 35 Euro einen ganzen Tag lang arbeiten, wobei die Definitionen dessen, wie lang dieser Tag dauert, schwankend sind. Um 2000 lag die Zahl der ordnungsgemäß gemeldeten Migranten in El Ejido bei 21 000, hinzu kamen, so Goytisolo, „noch rund 5000 Illegale“.

Er beschrieb die „Schattenwirtschaft“ und ihre Begleiterscheinungen, „unmenschliche Massenunterkünfte“, „wildeste Ausbeutung“. Noch heute gibt es Squattersiedlungen und wilde Lager aus Europaletten und Folien in den Hohlräumen des Plastikmeers. In diesen Tagen werden dort um die 90 000 Arbeitskräfte beschäftigt, zum großen Teil Saisonarbeiter. In der Wirtschaftskrise auch solche, die – in der Bauwirtschaft freigestellt – nach Übergangsbeschäftigungen suchten.

Vor den Zeiten der Zuwanderung, vor dem „Wunder von Almería“, waren die Campos de Dalía, das Barrio de la Chanca (Almería) und die Campos de Níjar selbst Orte der Emigration. Juan Goytisolo beschreibt die Region 1960 in ihren Gegensätzen zwischen natürlicher Schönheit der ockerfarbenen Landschaften und extremer Unterentwicklung, nennt Armut, Hunger und Verzweiflung in dieser Region Spaniens, die „Afrika am ähnlichsten ist“ („Parece África, verdád?“), als Gründe für die Emigration nach Norden, wo er die Andalusier in Barcelona als unterbezahlte Arbeiter oder verhasste Mitglieder der Guardia Civil unter Franco erlebt hatte, die dort ein Auskommen suchten.

„Die Meeresküste“, heißt es in Rafael Chirbes’ Roman „Am Ufer“ (2014), „ist kein gastlicher Ort gewesen, und sie war, sieht man von einigen Vorgebirgen ab, auch unbewohnt, bis man vor einigen Jahrzehnten, egal wo, zu bauen begann.“ Die knappe Bestandsaufnahme steht in krassem Gegensatz zu allen Mythen Mitteleuropas, die vom gesegneten Leben an den „Gestaden des Mittelmeers“ handeln. Es ist Europa – in all seinen Widersprüchen.

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