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Rechtes Terrain kapern

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Von: Arno Widmann

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Friedrich Ebert um 1922.
Friedrich Ebert um 1922. epd © epd

Einigkeit und Recht und Freiheit – und der Umgang mit der ersten Strophe: Ein Kapitel aus der Geschichte der deutschen Nationalhymne

Am 11. August 1919 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert die neue Verfassung der Republik unterzeichnet. Nach dem Mord an Außenminister Walther Rathenau waren im Juni 1922 Gesetze zum „Schutz der Republik“ erlassen worden. Es handelte sich dabei nicht nur um Sicherheitsgesetze, sondern es wurden auch Schritte beschlossen, die ein republikanisches Selbstbewusstsein stärken sollten. Eine davon war, den 11. August – den Verfassungstag – zu einem „Nationalfeiertag des deutschen Volkes“ zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Vorgeschichte des in den 80er Jahren von Jürgen Habermas, Dolf Sternberger aufgreifend, in die Debatte geworfenen Begriffs „Verfassungspatriotismus“ eine Rolle gespielt hätte.

Als das deutsche Parlament am 11. August 1922 im Reichstag den Verfassungstag feierte, stand er unter dem Motto „Einigkeit und Recht und Freiheit“ und gesungen wurde die neu gekürte Nationalhymne. Es war die gleiche wie heute. Die dritte Strophe des 1841 von Hoffmann von Fallersleben gedichteten „Lied der Deutschen“: „Einigkeit und Recht und Freiheit / für das deutsche Vaterland! / Danach lasst uns alle streben / brüderlich mit Herz und Hand! / Einigkeit und Recht und Freiheit / sind des Glückes Unterpfand: / Blüh im Glanze dieses Glückes, / blühe, deutsches Vaterland!“

Die Verse wurden hineingesungen in eine Folge von Anschlägen, von Ausrufungen selbstständiger Republiken, von Aufständen und Staatsstreichen. Es herrschte Bürgerkrieg. Nein, es wurden ständig an immer neuen Orten immer neue Bürgerkriege angezettelt. Von rechts und von links. Wer damals „Einigkeit“ sang, der wusste, wovon er redete. Der wusste: Es gab sie nicht, wenn man nicht für sie eintrat.

Die Idee von einer Nationalhymne für die Republik – im Kaiserreich hatte es keine gegeben – hat viele Väter. Von Müttern ist mir nichts bekannt.

Aber ausgerechnet „Das Lied der Deutschen“ dazu zu machen, war Eberts genialer Kniff. Es war nämlich – wohl vor allem wegen seiner ersten Strophe, „Deutschland, Deutschland über alles“ – schon vor dem Ersten Weltkrieg immer wieder als Waffe gegen die Sozialdemokratie eingesetzt worden. Wo „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ oder gar die „Internationale“ angestimmt wurde, störten rechte Gruppen gerne den sozialdemokratischen Gesang, indem sie „Deutschland, Deutschland über alles“ anstimmten“. Ich stelle mir das gerne als einen sehr lauten, sehr heftigen Sängerkrieg vor. Hunderttausende waren damals in Chören organisiert, hatten also trainierte Organe und das nötige Selbstbewusstsein für das gegenseitige Niederschmettern.

Friedrich Ebert verfolgte mit der Wahl ausgerechnet dieser Nationalhymne nicht nur seinen Weg der republikanischen Mitte, sondern kaperte ein von der Rechten besetztes Terrain.

Im November 1922 kritisierte der Vorsitzende der Jungsozialisten Eberts Entscheidung für Fallerslebens „Lied“: „Seit Monaten bemühen sich Sozialisten und Demokraten, das Deutschland-Lied aus dem Lager der ‚Hakenkreuzler‘ zu annektieren... Warum nur die Jagd auf das schwer belastete Lied? ... Es war das Lied der vormodernen Zeit. Es klebt daran noch der Geruch wie von Kasernen und Paraden, ein Geräusch wie von Leutnantsgeplärr und Kaisergeburtstagsrummel. Spuren bitterster Erlebnisse haben dies Lied verschandelt und verhunzt. Wir Jungen können es nicht mehr brauchen. Wir ertragen den Größenwahn des deutschen Kleinbürgers nicht.“

Das „Deutschland, Deutschland über alles“ war dem Lied nicht zu nehmen. Die erste Strophe wurde auch weiter gesungen. Ich hörte sie auch noch. Ich erinnere mich auch daran, wie ein Geschichtslehrer uns in den 60er Jahren erklärte, dass wir nur die dritte sängen, sei eine Unterwerfung unter die Alliierten. Dem großartigen Buch „Einigkeit und Recht und Freiheit – Die Geschichte der deutschen Nationalhymne“ von Jörg Koch (Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2021) entnehme ich nahezu alles, was ich schreibe – also auch den Hinweis darauf, dass Frankreichs Premierminister Raymond Poincaré das Deutschlandlied nicht nur in den von ihm besetzten Gebieten Deutschlands verbieten ließ. Er erklärte auch, es zur Nationalhymne zu machen, verstoße gegen den Versailler Friedensvertrag.

Eberts Entscheidung war von spitzbübischer Schläue. Der Ironiker Thomas Mann pries in seiner „Rede von deutscher Republik“ vom Oktober 1922 Eberts Verfahren, den Nationalen „das Lied aus dem Mund zu nehmen ... und wenn dann alle unisono ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ singen, so wird das ganz einfach die Republik und ihre Wohlfahrt mit vollen Segeln sein... .”

Zur Schläue dieses Verfahrens gehörte auch, dass Ebert zwar auf allen Veranstaltungen, für die er zuständig war, nur die dritte Strophe singen ließ, dass aber in den Bestimmungen des Gesetzes offen gelassen wurde, welche Strophen gesungen wurden.

Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die Äußerungen des Sprechers der Jungsozialisten von 1922 über den „Kaisergeburtstagsrummel“. Er wird dabei die Musik im Ohr gehabt haben. Wir sprechen heute immer vornehm vom langsamen Satz aus Haydns Streichquartett op. 78. Übersehen dabei aber gerne, dass das die Zweitverwendung war. Komponiert hatte Haydn die Musik 1796/97 zu Ehren Kaisers Franz II., zum Text „Gott erhalte Franz den Kaiser“. Es wurde die österreichische Kaiserhymne.

Umfunktionieren nannte Brecht das Verfahren, fremdes Gut zu übernehmen und einzuspannen für die eigenen Zwecke. Hoffmann von Fallersleben hatte die Hymne auf einen realen Monarchen umfunktioniert in ein Lied auf ein noch zu schaffendes Deutschland, das die Monarchien hinter sich gelassen haben würde. Ebert pfropfte es der realen Republik auf. Wir hören in der Deutschlandhymne nicht mehr das „Gott erhalte Franz den Kaiser“. Das Deutschland, von dem aber die Republikaner des 19. Jahrhunderts träumten, schloss bis 1869 Österreich ein.

1922 hörte man das noch mit, hörte, dass aus Gott und Franz „Einigkeit und Recht und Freiheit“ geworden waren. Das schürte Hass bei den einen, Verachtung bei den anderen. Es gab viele, denen waren „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu wenig. Die wollten Gerechtigkeit statt des Rechtsstaats.

Ebert erklärte vor 100 Jahren im Reichstag: „Wir wollen keinen Bürgerkrieg, keine Trennung der Stämme. Wir wollen Recht. Die Verfassung hat uns nach schweren Kämpfen Recht gegeben. Wir wollen Frieden. Recht soll vor Gewalt gehen. Wir wollen Freiheit. Recht soll uns Freiheit bringen.Wir wollen Einigkeit. Recht soll uns einig zusammenhalten. So soll die Verfassung uns Einigkeit, Recht und Freiheit gewährleisten. Einigkeit und Recht und Freiheit! Dieser Dreiklang aus dem Lied des Dichters ... soll auch jetzt unseren harten Weg zu einer besseren Zukunft begleiten ... Schwere Stürme sind über die junge deutsche Republik in den letzten Wochen dahingegangen. Unsere Einigung, unser Recht, unsere Freiheit wurden bedroht. Sie werden noch weiter bedroht sein. Wir wollen nicht verzagen. In der Not des Tages wollen wir uns freudig der Ideale erinnern, für die wir leben und wirken. Der feste Glaube an Deutschlands Rettung und die Rettung der Welt soll uns nicht verlassen. Es lebe die deutsche Republik! Es lebe das deutsche Vaterland! Es lebe das deutsche Volk!“

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