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Teppich ausgerollt: Wer zieht künftig in den Elysée-Palast als neuer französischer Präsident ein?

Brief aus Paris

Rechte ruinieren Achse Paris-Berlin

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Französische Republikaner und russische Nationalisten beschwören eine Allianz, die die deutsch-französischen Beziehungen ruiniere könnte. Ein weiterer Brief aus Paris von Claus Leggewie.

Radfahren kann in Paris bisweilen ein echtes Vergnügen sein. Wer vom Pont Alexandre III kommend am Grand Palais vorbeiradelt, passiert erst ein Reiterdenkmal und gleich dahinter, an der Place du Canada, eine Bronzestatue, die überlebensgroß einen Soldaten mit abgesetztem Helm und ein abgemagert wirkendes, grasendes Pferd zeigt. Mit Kanada hat die dargestellte Szene nichts zu tun, auf dem Sockel steht vielmehr in lateinischer und kyrillischer Schrift: „Zur Erinnerung an die Soldaten und Offiziere des russischen Expeditionskorps, die von 1916 bis 1918 auf französischem Boden gekämpft haben. In Dankbarkeit: Frankreich und Russland“. Davor stets frische Blumengebinde.

Das von dem russischen Bildhauer Vladimir Surowzew gestaltete Denkmal sieht wie neu aus, enthüllt wurde dieser „lieu de mémoire“, dieser Gedächtnisort, im Juni 2011 von den damaligen Premiers Wladimir Putin und François Fillon. Besonders ihm war es eine Herzensangelegenheit, von höchster Stelle aus der verblichenen franko-russischen Waffenbruderschaft gegen Preußen und Habsburg zu gedenken.

Der Kandidat der Republikaner für die Präsidentschaft kämpft gerade um sein politisches Überleben, doch seinerzeit, als dreimaliger Premier unter Staatspräsident Nicolas Sarkozy, betrieb er die russisch-französische Allianz vehement. Fillon und seine Gefolgsleute traten später für die Aufhebung der Sanktionen gegen die Russische Föderation ein und sehen in Assads Syrien den „natürlichen Verbündeten“ im Kampf gegen den islamistischen Terror. Wie Putin, und mit dem russischen Präsidenten ist Fillon freundschaftlich verbunden, spielt man Billard in Sotschi und frönt Extremsportarten. „Putin ist kein einfacher Gesprächspartner“, schrieb Fillon in seinen Erinnerungen. „Er kann brutal und provozierend sein, auch von ausgeprägtem Misstrauen, aber am Ende der Verhandlung hält er seine Versprechen.“

Auf dem Grünstreifen im achten Arrondissement erscheint also das Gespenst des alten, imperialen Frankreich. Das 1916er-Expeditionskorps, das sowjetische wie französische Historiker ignoriert hatten, entsprang einem Tauschgeschäft: Frankreich lieferte dem Zarenreich Waffen und frischte seine geschwächte Armee mit Soldaten auf. Die Revolution in Russland und anschließende Meutereien machten dem bald ein Ende, und man fragt sich, warum ausgerechnet diese Episode aus den reichen politisch-militärischen Beziehungen der beiden europäischen Großmächte vor 1914 herausgegriffen wurde. Die Bogenbrücke, eine der elegantesten der Seine-Metropole, benannt nach Alexander III. und 1900 von seinem Nachfolger Nikolaus II. eingeweiht, liegt einen Steinwurf entfernt und verkörpert die 1892 besiegelte Allianz zwischen Paris und Moskau weit besser.

Der Grund ist einfach: Wladimir und François, wie sie sich freundschaftlich ansprachen, wollten mit dem symbolischen Akt eine Allianz erneuern, die unausgesprochen gegen Berlin gerichtet ist, und krönten das mit einem Vertrag über die Lieferung von Mistral-Kriegsschiffen. François Hollande setzte die Russland-Politik von Sarkozy und Fillon zunächst fort, doch wegen der Aggression gegen die Ukraine und der Intervention in Syrien schwenkte er um auf den Sanktionskurs der Europäischen Union.

Als im Oktober 2015 das nächste Monument einzuweihen war, das pompöse russisch-orthodoxe Zentrum am Quai Branly, lavierte Hollande so lange, bis Putin beleidigt absagte. Der 170 Millionen teure Bau liegt direkt unter dem Eiffelturm, doch viele russisch-orthodoxe Christen sehen in ihm eine unerwünschte Machtdemonstration Putins, der sich daheim gern auf ihre Kirche stützt.

Die Lieferung der Mistral wurde übrigens storniert. Der neuen Eiszeit wollte Fillon ein Ende bereiten und sich als Präsident mit Russland (und Syrien) enger verbünden. Zwar ist die Liebe der Franzosen zu Russland stark abgekühlt, aber aus alten Zeiten sind Sympathien vorhanden, darunter der Anhänger der Kommunistischen Partei Frankreichs, die mit Stalin im antifaschistischen Kampf verbunden und Moskau bis in die 1980er Jahre hinein treu geblieben waren. Die Rechte gab ihren alten Antikommunismus auf und sah in Moskau schon während der Perestroika ein Gegengewicht gegen das erstarkende Deutschland.

Von Fillon, der den Hals offenbar nicht vollkriegen konnte, heißt es, er habe in den letzten Jahren auch lukrative Aufträge für russischen Denkfabriken und Stiftungen erledigt. Sein Adlatus Thierry Mariani ist der Kopf einer rechten Parlamentariergruppe, die unter anderem die okkupierte Krim besuchte; er galt als Kandidat für das Außenministerium unter einem Präsidenten Fillon.

Mit seinen Sympathien steht dieser bekanntlich nicht allein. Marine Le Pen hat sie noch viel russophiler geäußert und wurde dafür nicht zuletzt mit einem Scheck in Höhe von elf Millionen Euro belohnt, den ihr eine russische Bank für die Finanzierung ihres Wahlkampfes als Kredit gewährt hat. Das politische Familienunternehmen Le Pen ist mit Russland bereits seit den 1960er Jahren verbandelt, als der Vater im Quartier Latin noch NS-Devotionalien handelte und sich vom Ikonenmaler Ilja Glasunow porträtieren ließ.

Die Tochter hat bei ihrer Kandidatur für den Elysée angekündigt, die Sanktionen gegen Moskau unverzüglich aufzukündigen, und der Kreml setzt auf sie, weil ihr Wahlsieg Deutschland und Frankreich entfremden, die Europäische Union sprengen und somit Russlands Einfluss nach Westen erweitern würde.

Bei einem Auftritt im TV-Sender France 2 setzte Marine Le Pen aus ihrer Privatbibliothek zwei Bücher demonstrativ ins Bild: Am Roman-Pamphlet „Heerlager der Heiligen“ des katholischen Ultrareaktionärs Jean Raspail, in dem die Landung von einer Million (nicht Muslimen, sondern) Indern an den Küsten des Mittelmeers beschrieben wird, lehnte eine russische Eloge auf sie: „Marine Le Pen. Warum Russland sie braucht“. Autor ist der Duma-Vorsitzende Sergej Naryschkin, der die Ultra-Rechte gegen muslimische Einwanderer und die Homo-Ehe mobilisiert und für ein christliches Europa vom Atlantik bis zum Ural wirbt. Fillon hält am deutsch-französischen Projekt fest, aber auch er sieht „Frankreich auf den Knien“ vor Berlin, als Mittelmacht im freien Fall. Der General wird sich über diesen After-Gaullismus im Grabe herumdrehen.

Das unappetitliche Gebräu aus weltanschaulichen und geschäftlichen Beziehungen findet auch bei deutschen Querfrontlern Anklang. Aymeric Chauprade, ein Gefolgsmann von Le Pen Senior und mit der Tochter im Streit aus ihrer Fraktion im Europa-Parlament geschieden, bezieht Berlin in die neue russisch-französische Achse ein. Als geopolitischen Sirenengesang stimmt er die Vision eines eurasischen Machtblock an, gegen Amerika und den Westen. Übernommen hat Chauprade von dort unterdessen das Twittern, jüngst begrüßte er den Bann Donald Trumps gegen Reisende aus sieben islamischen Staaten.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Ludwig-Börne-Professor an der Universität Gießen. Seine „Briefe aus Paris“ beschäftigen sich mit den kommenden französischen Präsidentschaftswahlen.

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