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Real rein

Eine Berliner Kirche von Rudolf Schwarz soll Supermarkt werden

Von THOMAS MEDICUS

Fast wird das Hinweisschild auf Sankt Raphael überschrieen von einer Tafel am Straßenrand, in großen Lettern lädt sie ein, "Musterhäuser" zu besichtigen. Fast verborgen erhebt sich die Kirche hinter mächtigen Lindenbäumen, abgegrenzt durch ein Mäuerchen, inmitten einer fernöstlich anmutenden Gartenanlage. Wer hier eintritt, versteht, dass er den Bereich des Profanen hinter sich lässt. Weiß erhebt sich der Kubus des Sakralbaus, aber die katholische Kirche Sankt Raphael gibt es nicht mehr. Das Namensschild am Glockenturm ist abmontiert, der Bau wurde kürzlich entwidmet.

Wir sind im Spandauer Ortsteil Gatow, gelegen am westlichen Ufer der Havel, die den Tegeler mit dem Wannsee verbindet. Wer hier lebt, lebt zwar in Berlin, bekommt von Berlin aber kaum etwas mit. Erkennbar ist das uralte märkische Straßendorf noch am hölzernen Turm der aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammenden evangelischen Dorfkirche, nur einen Steinwurf entfernt von Sankt Raphael. Rundum ein paar Vorkriegsbauten, aber auch Jugendstilvillen, Reformarchitektur aus der Zeit um 1900. Doch wer will heute noch an der ins Potsdamer Umland führenden, viel befahrenen Straße Alt-Gatow wohnen?

Angenehmer ist es zum Havelufer hin, oder landeinwärts hinter den Hügeln. Da breiten sich in ruhiger Lage die Reihen- und Einfamilienhäuser aus, deren Musterbauten unten verkehrsgünstig an der Straße quasi im Vorüberfahren zu besichtigen sind. Wer in Gatow lebt, ist entweder alt und Rentner oder jung und hat Familie. Im Internet finden sich massenhaft attraktive Immobilienangebote für eine Klientel, die stadtnah Stadtferne sucht. Zusammen mit dem nur wenige Kilometer südlich gelegenen Kladow zeigt Gatow, dass heute fast überall, wo nicht Stadt ist, Vorstädte sind. Mindestens so sehr wie auf Wiesen, Bäume, Gärten und Restbauernhöfe kommt es dabei auf die Infrastruktur an. Auf schönen Teerstraßen muss der homo suburbanus mit dem Auto überall hinkommen, vor allem zum Supermarkt.

Finanznot des Bistums

Weil man in Gatow angeblich nirgendwo Lebensmittel einkaufen kann, soll aus Sankt Raphael ein Supermarkt werden. Anfang Mai hat das Erzbistum Berlin die Kirche an den Investor Fleischer und Hohlfeldverkauft. Ein heikler Fall, denn Sankt Raphael ist nicht irgendeine Kirche. Sie ist das letzte Werk von Rudolf Schwarz, dem bedeutendsten deutschen Kirchenarchitekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auslöser für den Verkauf war die Finanznot des Bistums. Nach dem Zusammenschluss der Gatower mit der Kladower Kirchengemeinde wurde der Unterhalt für Sankt Raphael zu teuer. In Kladow verfügt die Gemeinde zudem über ein Kirchengebäude samt Kindergarten wie weiteren Nutzbauten. Dieser vor der Wende errichtete, architektonisch bedeutungslose Komplex ist ausreichend, der Bau von Schwarz überflüssig. Zwar meint auch das Erzbistum, es handele sich um "keine optimale, aber akzeptable Lösung". Man habe erst nach monatelanger Diskussion zugestimmt, weil sich kein anderer Käufer fand, aber auch, weil Gatow ein Lebensmittelgeschäft benötige.

"Die Kirche ist schon entkernt", weiß Rita Dütsch, Pächterin im Wirtshaus Gatow. "Die Bänke sind raus, da soll jetzt Real rein. Find ich richtig, die alten Leute hier wissen ja nicht, wo sie einkaufen sollen. Oben kommt 'n Café hin, wird 'ne Decke eingezogen. Von außen soll alles so bleiben." Geht es nach den Plänen des Investors, wird genau das jedoch nicht der Fall sein. Für einen Supermarkt ist die Grundfläche zu klein ist, also soll ein Anbau und natürlich auch eine entsprechend große Parkfläche her. Auf die Zerstörung des Innenraums folgt die der äußeren Gestalt.

Strenges Architekturwunder

Mit seiner 1965 fertiggestellten Gemeindekirche schuf Schwarz eine fast klösterlich strenge Anlage. Betritt man durch die Toröffnung des Campaniles hindurch das Areal, fällt der Blick auf den weiß geschlämmten, von einem rundum durchlaufendem Fensterband gekrönten Würfel des Hauptbaus. Von dort oben fiel das Licht herab auf die einst unten versammelte Gemeinde, am Altar weitet sich der Fensterkranz zur großen Fensteröffnung.

"Das Licht ist hier stellvertretendes Gleichnis der Ewigkeit", hatte Rudolf Schwarz, nicht nur Architekt, sondern auch studierter Theologe und Philosoph, seinen Gatower Kirchenbau erläutert. Geplant war auch eine Kapelle zur Erinnerung an all jene, die von den Nationalsozialisten in der Murellenschlucht (unweit der Waldbühne) als sogenannte "Wehrkraftzersetzer" ermordet worden waren. Dieses Gedenken wurde nicht realisiert, ist jedoch mit der Baugeschichte der Kirche ebenso eng verbunden wie es an der Schlichtheit ihrer äußeren Form abzulesen ist. Sankt Raphael ist ein kleines Architekturwunder. Sein Minimalismus lässt spüren, dass am Beginn aller Architektur der Sakralbau, das Verhältnis des Menschen zur Transzendenz stand. Jetzt wird das einzige Berliner Werk des "rheinischen Mystikers", wie Schwarz genannt wurde, Opfer einer suburbanen Infrastruktur, die ihren autogerechten Tribut verlangt.

Zum Glück ruft dieser skandalöse Vorgang Protest hervor. Ob Sankt Raphael überleben wird, ist jedoch höchst ungewiss. Aus urheberrechtlichen Gründen, so der neueste Stand der Auseinandersetzung, hat Schwarz' Witwe Maria gegen eine Umnutzung Bedenken angemeldet. Greift der Denkmalschutz nicht endlich ein, droht dem märkischen Architekturwunder rheinisch-katholischer Provenienz der Abriss.

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