Im rauen Wind der Reiternomaden

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Stephan Wackwitz betreibt eine literarische Osterweiterung des schweifend innehaltenden Bewusstseins

Fast zehn Jahre lang war Stephan Wackwitz, heute New New York, für das Goethe-Institut in Krakau und Bratislava als Kulturvermittler tätig und hat in dieser Zeit Hunderte von Reisen uns Ausflügen in eine besondere Kultur- und Seelenlandschaft unternommen. Was er nun zu Papier gebracht hat, sind jedoch weniger Reiseerzählungen aus unbekannter Topografie als vielmehr essayistische Tiefbohrungen in einem unruhigen Geschichtsraum, dessen Erschütterungen noch immer nachwirken.

Der Institutsleiter Wackwitz mobilisierte zunächst einmal alle Abwehrinstinkte, als er Post von einem querulantisch wirkenden Herrn F. bekam, der mit dem deutschen Sprachvermittler in Bratislava Widersprüche in der Schriftlegung des Dudens behandelt wissen wollte. Die uneinsichtige Redaktion hatte die emsige Briefproduktion des beharrlichen Herrn längst unberücksichtigt gelassen. Und auch Wackwitz war zunächst wenig geneigt, sich mit dem Sprachwahn des pingeligen Alten zu befassen.

Doch irgendwann, vielleicht in einem Anflug menschelnder Unaufmerksamkeit, saß er dem über 90 Jahre alten Rollstuhlfahrer gegenüber, der ein feierliches Deutsch aus dem Gedächtnis hervorholte und seine vom Jahrhundert durchgeschüttelte Biografie erzählte: "Wohl am tröstlichsten ist es", resümiert Wackwitz, "dass gerade für Herrn F. die deutsche Sprache heute interessanter ist als die deutschen Verbrechen, denen er als junger Mann fast zum Opfer gefallen wäre."

In seinem Familienroman "Ein unsichtbares Land" (2003) stößt Wackwitz auf seinen ihm lange fremd und unverständlich erscheinenden Großvater, in dessen Biografie sich deutsche Geschichte wie in einem Brennglas bündelt. Im oberschlesischen Anhalt, nur fünf Kilometer von Auschwitz entfernt, bezog der deutschnational gesinnte Großvater ein Pastorat, in dessen Haus Friedrich Schleiermacher aufgewachsen war. Derlei topografischen Verdichtungen nachzuspüren, hat Wackwitz in seinem Buch "Osterweiterung" zu einer literarischen Methode verfeinert. In dem Essay über Julia Warhola, eine Bäuerin aus den Karpaten, die als Mutter von Andy Warhol berühmt werden sollte, verknüpft der Autor virtuos die Geschichte des ruthenischen Volkes mit der Theorie von der Realität des geringsten Ranges sowie inneren und äußeren Grenzverschiebungen, die bisweilen enormen Einfluss auf das Weltgeschehen auszuüben vermögen.

Überraschend verbinden sich Geschichtsbewusstsein mit assoziativer Neugier in diesen "Osterweiterungen" - Entdeckungen von einem, der sich gern treiben lässt. Etwa durch die Krakauer Tuchhallen, die Wackwitz für sich das Museum für nationale Scheinschwangerschaft nennt, weil dort das nationale Bewusstsein eines Volkes als imaginierte Konstruktion des 19. Jahrhunderts zu begreifen sei.

Manchmal ist man erstaunt, was der Autor als Proviant alles dabei hat. Er versteht es, elegant den Blick schweifen zu lassen und scheint gelegentlich etwas mutwillig auf intellektuelle Durchdringung aus. Doch schließt er mit seinem Buch das "Loch in der Welt hinter Wien", das als gewaltige Steppe auftaucht und sich den üblichen Vorstellungen von einer Kulturlandschaft zunächst entzieht. Diese Landschaften sind von jener Angstlust geprägt, die die einst hier durchpreschenden Reiternomaden hinterlassen haben.

Der clevere Ausflügler Wackwitz macht keine Station "einfach so". Unsentimental ergründet er vergessene Topografien - eine antiheroische Besichtigung des genius loci. Einmal landet er spät abends in einem tschechischen Hotel. "In einem Prospekt, der an der Rezeption gelegen hatte, las ich bei Piroggen und mährischem Bier, dass es mich nach Pribor, das ehemalige Freiberg/Mähren verschlagen hatte, an den Geburtsort Sigmund Freuds. Und plötzlich schien mir der Gedanke so sonnenklar wie geradezu schockierend erstaunlich, dass diese grundlegenden Erfahrungen und Beschreibungen unseres glänzenden und reichen westlichen Lebens aus dieser schon damals denkbar verlassenen, heute erbarmungslos ausgeplündert, kalt, verregnet und neblig daliegenden Grenzgegend gekommen sind."

Stephan Wackwitz: Osterweiterung. Zwölf Reisen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2008, 221 S., 17,90 Euro.

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