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Paul Virilio, hier 2002.

Paul Virilio

Vom rasenden Stillstand

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Zum Tod des französischen Philosophen und Dromologen Paul Virilio.

Seine theoretischen Überlegungen zu den Phänomenen Beschleunigung und Geschwindigkeit, die schließlich in die von Paul Virilio begründete Wissenschaftsgattung Dromologie mündeten, fanden in den schnellen achtziger Jahren ihre Entsprechung nicht zuletzt im Pop. Die bevorzugt in lärmenden Umzügen sich fortbewegenden Techno-Raver wollten nicht länger in Clubs und auf der Straße verharren. Als besonderes Rave-Erlebnis galt es, ein Flugzeug Techno-tauglich auszustatten und die Party über den Wolken steigen zu lassen. Man bewegte sich zu dröhnenden Bässen nicht länger von hier nach da, sondern ausschließlich in der Zeit, zumindest hätte man es gern so gehabt.

Im Nachdenken über derlei Phänomene war der 1932 in Paris geborene Urbanist und Stadtplaner Paul Virilio ganz bei sich. Dabei kreisten alle Überlegungen Virilios zur Beschleunigung immer auch um deren Verhältnis zu Architektur und Krieg. Als Neunjähriger hatte er erleben müssen, dass ein Gebäude mehr als ein Gebilde aus Mauern, Giebel und Dach ist. Das bedeutete seine Rettung. Seine Familie vermochte dem Zugriff der Gestapo zu entgehen, weil die unübersichtliche Architektur ihres Wohnhauses Schlupflöcher bot und die Flucht ermöglichte. Im Sommer 1958 entdeckte Paul Virilio die Bunker an der französischen Atlantikküste, die ihn als architektonische Archetypen derart faszinierten, dass er sie in den folgenden Jahren zu Fuß erwanderte, um ein komplettes Inventar dieser Bunker zu erstellen.

Der Text, der Paul Virilio auch in Deutschland schlagartig bekannt machte, erschien 1984 im kleinen Berliner Merve-Verlag und trug den Titel „Der reine Krieg“. Es handelte sich dabei um ein längeres Gespräch mit Sylvère Lotringer, das seither als einer der Schlüsseltexte der Theoriedebatte um die philosophische Postmoderne gelten kann, die weit über die akademischen Grenzen hinaus geführt wurde.

In Virilios Vorstellung stellt der „reine Krieg“ etwas dar, das sich von den herkömmlichen Institutionen des Militärischen gelöst hat. Das Militär also solches, so Virilio, verschwindet in der Technologie und in der Automatisierung der Kriegsmaschine. „Zur Kriegsmaschine gehören nicht nur Sprengstoffe, sondern auch Verkehrswege und Transportvektoren. Es handelt sich im Wesentlichen um eine entfesselte Geschwindigkeit.“ Der „reine Krieg“ ist einer, der nicht mehr endet und der letztlich in den beschleunigten Informationsmedien, die immer auch Kriegsmedien sind, fortgeführt wird.

So ging der Virilio-Sound in jener Zeit, und er löste eine neue Lust an der Theorie aus, die nicht auf Begriff und Definition versessen war, sondern auf Assoziationsreichtum und intellektuelle Sprunghaftigkeit setzte. In Sachen Einfallsreichtum und denkerischer Neugier stand Paul Virilio seinem Kollegen Jean Baudrillard in nichts nach. Dessen Ideengebäude der Simulation, in dem sich die Wirklichkeit längst in Richtung einer Art Hyperrealität aufgelöst habe, ergänzte sich auf lockere Weise mit Virilios Theoremen der beschleunigten Zeit. Die Metapher vom rasenden Stillstand als Merkmal der Zeit hätten beide ganz gut für sich reklamieren können.

In den erbitterten Theoriedebatten der späten achtziger Jahre wurde Paul Virilio von strengen Diskurspolizisten als ein Vertreter der Gegenaufklärung angesehen, während des zweiten Golfkriegs im Jahr 1991 erlangten seine Überlegungen zum virtuellen Krieg jedoch eine erstaunliche Aktualität. „Die Botschaft dieses Medienkrieges“, schrieb Virilio in einem drohend prophetischen Duktus in dem Band „Krieg und Fernsehen“, „besteht weniger in der Information über die Realität der gegenwärtig stattfindenden Kämpfe als vielmehr in der Förderung der Möglichkeit zukünftiger Kriege.“

Am Ende seines Lebens gönnte er sich und der Medienwelt eine erstaunliche Langsamkeit. Wie erst am Dienstagabend bekannt wurde, ist Paul Virilio bereits am 10. September in Paris im Alter von 86 Jahren gestorben. 

In einer Zeit, in der sogenannte asymmetrische Kriege und Fake-News als neue Selbstverständlichkeit aufgefasst werden, hielte eine Re-Lektüre der Texte Paul Virilios gewiss manche Überraschung parat.

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