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Amazon verkauft Bücher nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit.
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Amazon verkauft Bücher nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit.

Amazon

Rasanter als die Gutenberg-Revolution

Die Geschäftspraktiken von Amazon sind umstritten. Der Internetriese wirkt bis in die Innenstädte hinein und stülpt derzeit nicht bloß den Buchmarkt um.

Von Cornelia Geissler

Mehr als 1400 Schriftsteller unterschreiben einen Brief, der gegen die Geschäftspraktiken von Amazon protestiert. Warum rufen die eigentlich nicht gleich zum Boykott des Internetkaufhauses auf, wenn sie so unzufrieden sind? Die einfache Antwort darauf: Weil die Entscheidung komplizierter ist als nur zwischen Gut und Böse. Die komplizierte: Weil sich die Zeiten ändern.

Im Kern geht es bei dem Protest der Autoren nur um den Umgang von Amazon mit den Büchern einer Verlagsgruppe. Während der Internetriese mit dem Großverlag verhandelt, verzögert er die Auslieferung von dessen Büchern. Das ist ungerecht, weil die Autorin X keinen Einfluss darauf hat, welchen Rabatt der Händler A vom Verleger B bekommt. Wollte X in den Streit eingreifen, könnte sie nicht einmal verfügen, dass ihre Werke nicht mehr bei Amazon angeboten werden. Verzichtet der eigene Verlag darauf, wie es etwa Günter Wallraff durchgesetzt hat, kann Amazon die Titel noch immer über den Zwischenbuchhandel beziehen und verkaufen.

Schriftsteller schreiben zwar Bücher wie eh und je. Doch die Ergebnisse ihrer Arbeit werden nicht mehr nur an Läden ausgeliefert, sondern auch im Internet verkauft, wie fast jedes andere Produkt auch. Und jeder, der schon bei Amazon gekauft hat, weiß, wie einfach das geht, wie benutzerfreundlich das Portal aufgebaut ist. Bücher erscheinen noch immer auf Papier, doch die Technik macht es möglich, dass sie auch digital verfügbar sind.

Ein Roman lässt sich von einem Moment auf den anderen vom Händler zum Leser bringen, direkt auf dessen elektronisches Lesegerät. Die gegenwärtige Medienrevolution verläuft rasanter als die Gutenberg’sche, die das handgeschriebene Buch durch das gedruckte ablöste. Sie betrifft Zeitungen wie Bücher, aber auch Musik und Film. Der am schnellsten und stärksten gewachsene Internethändler Amazon hat mit seinen mp3-Bestellsystemen, mit Videostreaming und eben auch mit seinem E-Book-Träger Kindle zu dieser Entwicklung beigetragen. Viele Leser sind dankbar dafür. Nicht nur die jungen, technikaffinen, sondern auch Menschen, die zu Hause die Regale voll haben, die im Urlaub mit leichtem Gepäck reisen möchten, die in der Dämmerung schlechter lesen können.

Doch der Internethändler verkauft die E-Books nicht aus purer Menschenfreundlichkeit. Er profitiert davon. Nun will er noch mehr verdienen und spielt seine Macht gegenüber den Verlagen aus, die sich nicht auf die Konditionen des Händlers einlassen wollen. Das betrifft in Deutschland die Bonnier-Verlage, also zum Beispiel Joanne K. Rowling und Hape Kerkeling, Sten Nadolny und Andreas Steinhöfel sowie viele andere Autoren, deren Namen nicht berühmt, deren Bücher aber beliebt sind. Die literarische Qualität ist dabei völlig gleichgültig.

Amazon zufolge sind nur die Konditionen, nach denen der Händler von den Verlagen die Rechte zum Verkauf der E-Books bekommt, Gegenstand des Streits, also die Gewinnmarge bei einem bestimmten Produkt. Aber erstens wissen beide Seiten, dass der Anteil elektronischer Bücher am Verkauf steigen wird, der Gewinn des Händlers also auch. Und zweitens kann man davon ausgehen, dass auf diese Forderung noch andere folgen werden. Denn je mehr sich Amazon zum Monopolisten entwickelt, desto stärker kann es die Bedingungen bestimmen, unter denen es Produkte anbietet und verkauft. Irgendwann will Amazon nicht mehr nur einzelnen Verlagen die Rabatte diktieren, sondern die Preise gerade auch jener Branche, die in Deutschland in Gestalt der Buchpreisbindung vom Gesetz besonders geschützt ist.

Der Brief der 1462 Autoren, von denen die wenigsten von Amazons Verzögerungs- und Verstecktaktik selbst betroffen sind, richtet sich nicht nur an die Geschäftsführer von Amazon, sondern auch an die Leserinnen und Leser. Er wirbt um einen fairen Buchmarkt. Aufgerufen werden wir Leser nur, den Amazon-Chefs unsere Meinung zu schreiben. Doch wir können selbst noch mehr tun. Wir können überlegen, ob wir Bücher per Klick nur bei dem einen Händler kaufen müssen. Im Internet arbeiten ebenso servicefreundliche Konkurrenten. Außerdem ist Amazon nicht der einzige Anbieter von elektronischen Lesegeräten. Und die Buchhandelsdichte in Deutschland ist anders als in den USA so hoch, dass die meisten Leser ohne viel Mühe jedes Buch bei einem Menschen aus Fleisch und Blut kaufen können, auch E-Bücher. Solche Überlegungen bekommen den Innenstädten genauso gut, wie ihnen ein Nachdenken über den Einkauf von Schuhen bei Zalando hilft. Das ist vielleicht nicht revolutionär, aber vernünftig.

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