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Am Rande des Nervenzusammenbruchs

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der italienische Beitrag "Piuma" ist von zahllosen Klischees geprägt.
Der italienische Beitrag "Piuma" ist von zahllosen Klischees geprägt. © La Biennale Venezia

Enttäuschendes beim Filmfestival Venedig: Jesus als Virtual-Reality-Star oder ein Papstfilm Paolo Sorrentinos.

Wer hätte gedacht, dass man Jesus Christus nur eine Woche nach „Ben Hur“ gleich in der nächsten Hollywoodproduktion wiedersehen würde? „Dieser Film wird Ihr Leben verändern“, ist sich der Produzent sicher, der sich am Empfang eines temporären Virtual-Reality-Theaters in Stellung gebracht hat. „Danke schön, aber Jesus hat bereits mein Leben verändert.“ Doch der Mann lässt sich nicht so einfach abwimmeln wie die Zeugen Jehowas. „Sie müssen das sehen, hier wird heute Filmgeschichte geschrieben“, setzt er nach, ganz Menschenfischer. „Sie meinen also wirklich, Sehen heißt Glauben?“, frage ich zurück. Schon steht mein Name vor allen anderen auf der Warteliste der ausgebuchten Vorstellung.

„Jesus VR – The Story of Christ“ wird in Venedig als erster Spielfilm in Virtual Reality angekündigt. Wiederholt sich hier tatsächlich Filmgeschichte? Schon die Gebrüder Lumière hatten ihre ersten Kostümfilme dem Neuen Testament gewidmet. Im Saal warten auf etwa fünfzig Drehsessel ebenso viele Smartphones, die in eine Virtual-Reality-Brille geklemmt sind, wie man sie billig im Internet bestellen kann. Nur sieben der insgesamt zehn Kapitel werden vorgeführt. Dreidimensional ist das stark verpixelte Bild nicht, aber man kann sich tatsächlich nach allen Seiten umschauen. In der ersten Szene suchen wir im Nachthimmel nach dem Stern von Bethlehem, das Jesuskind ist einfacher zu finden. Es liegt in einer Krippe.

Ironische Ahs und Ohs kommen aus dem Publikum. Wenn dann allerdings die Dialogszenen beginnen, eine Predigt von Johannes dem Täufer, Jesus, der die Fußwaschung erklärt, wird ein weiterer Vorzug der VR-Technik deutlich: Man kann sich beschämt vom Geschehen abwenden, in dem man den schlechten Darstellern einfach den Rücken zudreht. Das Casting muss sich auf ein paar Restaurantbesuche in Los Angeles beschränkt haben, wo ja angeblich jeder Kellner ein Schauspieler ist. Ihre Hipsterbärte konnten sie gleich dranlassen.

Der einzige Ehrgeiz der Inszenierung ist die Wahl des Kamerastandpunkts: Einmal schweben wir über einer Feuerstelle, den Garten Gethsemane betreten wir aus der Perspektive eines römischen Soldaten (nicht unbedingt eine Rolle, in der man sich wohlfühlt). Bei der Kreuzigung gibt es sogar einen kurzen Gegenschuss aus der Christus-Perspektive. Aber genau besehen sind wir gar nicht Jesus, sondern die Dornenkrone, die auf ihn herunterschaut. Angeblich werden in vielen US-amerikanischen Multiplexen bereits Säle für ähnliche VR-Filme eingerichtet. Selig wer selbst über ein Smartphone und einen Drehstuhl verfügt.

Festival-Direktor Alberto Barbera hatte zu Beginn einen religiösen Schwerpunkt im Programm versprochen, keiner dieser Filme erfüllte die Erwartungen. Der chilenische Beitrag „The Blind Christ“ erzählt von einem jungen Mann in einem Bauerndorf, der sich nach einer Gotterscheinung für Jesus hält. Auch wenn das erhoffte Wunder ausbleibt, erweist er sich als willkommener Seelsorger in einem anspruchsvoll fotografierten Laienspiel, das über Anleihen an Pasolonis Christusfilm nicht hinauskommt.

Der Italiener Paolo Sorrentino inszenierte mit Hauptdarsteller Jude Law die TV-Serie „The Young Pope“, doch nach den ersten 112 Minuten, die hier als Spielfilm liefen, will man kaum wissen, wie es weitergeht. Als man einen jungen Amerikaner zum Papst gewählt hat, verwirrt er den Vatikan mit PR-Strategien in eigener Sache: Nach dem Vorbild von Künstlern wie Stanley Kubrick oder Daft Punk möchte er in der Öffentlichkeit unsichtbar bleiben. Bei seiner ersten Predigt zeigt er sich als dunkle Silhouette und provoziert mit einer Aura der Unnahbarkeit. Wer vom Regisseur von „La grande bellezza“ visuelle Opulenz erwartet wird enttäuscht: Gekleidet in den düsteren Look des Weißen Hauses von „House of Cards“ sieht man eine quälend langsame, unlustige Satire.

Sorrentinos Film lief außer Konkurrenz, aber auch im Wettbewerb kann derzeit vom Glauben abkommen. Ein künstlerischer Tiefpunkt, der kaum zu unterbieten sein wird, ist der italienische Dokumentarfilm „Spira Mirabilis“ von Massimo D’Anolfi und Martina Parenti. Ohne Worte verbinden sie mehrere zum Teil stümperhaft gefilmte Beobachtungen aus Handwerkskunst und Wissenschaft zu einem eigenen Stück Kunsthandwerk: Nicht weniger als die menschliche Suche nach Unsterblichkeit entdecken sie bei der Arbeit spanischer Steinmetze, die eine Kathedrale restaurieren.

Um so unprätentiöser der zweite, gleichwohl ebenfalls enttäuschende italienische Wettbewerbsbeitrag: „Piuma“ versucht sich dem Thema einer Teenagerschwangerschaft im Ton jener überdrehten Komödien zu nähern, für die Italiens Kino in den Sechziger Jahren berühmt war. Der Brite Roan Johnson führt in seinem mitunter polternd komischen Familienfilm bis an die Grenzen italienischer Mentalitätsklischees, was bei den einen für Gelächter und Szenenapplaus, bei den anderen für ein Buhkonzert sorgte. Dabei ist es eigentlich nur ein harmloses Vergnügen. Jeder muss seine eigene Schmerzgrenze ausloten, was das aufgebotene Chaos dieses familiären Alptraums angeht, das die Eltern und Großeltern der Teenager gleich mehrfach nach dem Notarztwagen rufen lässt, weil sie sich an den Rand des Herzinfarktes zetern.

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