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Während einer spontanen Autogrammstunde in Darmstadt: Büchnerpreisträger Rainald Goetz.
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Während einer spontanen Autogrammstunde in Darmstadt: Büchnerpreisträger Rainald Goetz.

Büchner-Preis Rainald Goetz

Rainald Goetz wird älter und singt

Übliche und unerwünschte Polemik bei der lebhaften Verleihung der Akademiepreise in Darmstadt. „Das Schreiben altert nicht gut“, sagt der neue Büchnerpreisträger Rainald Goetz (61), spricht über seine Unsicherheit als Schriftsteller und die Auswanderung des Ichs.

Auch dies wieder ein Nachmittag mit kleinen Denkwürdigkeiten. Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, distanzierte sich ausdrücklich von der Rede eines Laudators. Der Büchner-Preis wurde erstmals seit Menschengedenken (Akademiegedenken) nach der Dankesrede überreicht. Büchnerpreisträger Rainald Goetz sang ein paar Takte aus dem Wanda-Lied „Bologna“: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore.“

Im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt, wo am Samstag der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik (20 000 Euro), der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa (20 000 Euro) und der Georg-Büchner-Preis (50 000 Euro) überreicht wurden, sang Goetz jedoch erst ganz am Ende seiner Dankesrede, über die es in der Pressemappe mit den Redetexten noch hieß: „nicht vorhanden“. Sie war aber dann äußerst vorhanden.

Nahtlos, darum die verschobene Preisüberreichung, schloss sie sich an die Laudatio des Journalisten und FAZ-Mitherausgebers Jürgen Kaube an. Eine Laudatio auf einen Mann, der den Literaturbetrieb als „Trottelkartelle des gegenseitigen Lobens“ bezeichnet hat. Kaube hütete sich also. Goetz’ Werk enthalte grundsätzlich eine „Polemik gegen Illusion und Fiktion“ (gegen „die Lügen der Dichter“). Handlungsbögen gegenüber „weitgehend gleichgültig“, interessiere sich Goetz „am meisten, oft ganz ausschließlich“ für „die Sprechakte, das Reden, das Meinen und die Interaktion unter Anwesenden“. Ausgehend vielleicht von einer „Urszene des Lauschens“ (als Kind, wie in einem Essay von ‘87 geschildert), habe er ein „ganzes literarisches Werk aufgewendet, herauszufinden, wie es klingt und was es bedeutet, wenn Personen sich sprachlich darstellen ...“. Die Worte seien „schon in der Welt und das eigene Schreiben für Goetz mehr der Versuch, Gehörtes zu verarbeiten, als ein Instrument der Phantasie“.

Goetz’ Wirklichkeitsbegriff, so Kaube, halte sich dabei „an die Wirklichkeit des wahrnehmenden, nervösen Bewusstseins, für das ständig etwas dazwischen kommt, ständig alles gleichzeitig passiert, ständig jemand reinquatscht, immerfort alles mehrdeutig ist und vieles, kaum hat man es gedacht oder gesagt, sofort wieder zurückgenommen werden muss, weil es so ja auch nicht stimmt“. Im Kern permanenter Neuanfänge: das Ich. „Wer an der Konstruktion dieses Ichs und an seiner Verwechselbarkeit mit einem tatsächlichen Ich nichts findet, wird auch für die Texte von Goetz verloren sein.“

Im Namen eines Außenseiters vergeben

Als „kaputten Ich-Spezialisten“ bezeichnete nun der 61 Jahre alte Goetz den Schriftsteller, dem mit den Jahren das Leben die unabdingbare Stimme zerstöre, aus dem das Ich auswandere. „Das Schreiben altert nicht gut“, er selbst sei beim Schreiben unsicherer als je zuvor. Büchner heiße Jugend, Jugend verändere die Welt und gehe an ihr zugrunde. Das Gegenteil dazu sei dann die Akademie, „visualisiert über den Tod“ (die Tafel mit den Namen der verstorbenen Mitglieder) und die Liste der Preisträger als einem „Aufruf, sich zur Gesellschaft zu bekennen. ,Ja, ich bin dabei!‘“. Es helfe allerdings sehr, dass der Büchner-Preis im Namen eines Außenseiters vergeben werde. Nicht Normalität sei es ja, was vom Schriftsteller gefordert werde, im Gegenteil: „Das Gesagte muss neu sein.“

Goetz erinnerte an den jährlich wiederkehrenden Deutschen Herbst, Büchners Geburtstag am 17. Oktober, Kleists am 18. Oktober, dazwischen der Tod von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe in der Haft in Stammheim. Damals, bei der Preisverleihung 1977 vier Tage danach, kein Wort darüber. Literatur, sagte Goetz, stelle sich der Welt, aber das könne sie nur langsam (darum seien Schriftsteller so panisch). Politische Literatur sei voraussetzungsreich, journalistisch schnell gehe das nicht. Den Journalismus könne sie aber ernstnehmen, die „Weltmaterialfülle“ aufnehmen. Goetz erinnerte auch an die Rede des 31-jährigen Büchner-Preisträgers Peter Handke darüber, wie man ein politischer und poetischer Mensch werde. Es habe den jungen Handke nicht kümmern müssen, wie man ein poetischer Mensch bleibe.

Es war folgerichtig, dass der Mann, der als 29-Jähriger den Literaturwettbewerb in Klagenfurt mit seiner berühmten Stirnschlitzung aufmischte, jetzt lächelnd einen halbhippen Schlager einsang. Es war wunderschön, dass ihm wie einem Popstar applaudiert wurde.

„Wunderschön“, ließ die erkrankte Merckpreisträgerin Gabriele Goettle ausrichten, finde sie die Rede ihres Laudators Otto Köhler. Die Abweichung vom Redetext (für die „freundlichen Worte“ dankte sie da noch), vorgetragen von dem Komponisten Dietrich Eichmann in Vertretung der 69-jährigen Journalistin und Buchautorin, war gewiss eine Reaktion auf Akademiepräsident Deterings Eingangsworte. Er müsse, sagte er vor Köhlers Rede, „eine entschiedene Distanznahme zum Ausdruck“ bringen und zwar zu „Herrn Köhlers polemischer Sprachverwendung“. Er „kommentiere damit in keiner Weise die Meinungen, die Herr Köhler nun vorbringen wird, sondern (ich) distanziere mich, um Missverständnisse zu vermeiden, nur von dieser Art der Formulierung“.

Das war nun eine seltsame Situation. Der 80-jährige Journalist und Publizist Köhler bezeichnete am Ende seiner Rede und nicht restlos fernab von Goettles jüngstem Buch „Haupt- und Nebenwirkungen“ Sterbehilfe als „Euthanasie“ und sagte dem darüber abstimmenden Bundestag nach, schon „auch mal den Tod von Serben und Afghanen“ beschlossen zu haben (meinte Detering das? Oder die aus Dresden kommenden „Hinrichtungsvorschläge für alle Minderwertigen“?). So zeigte sich doch, dass es ihm, Köhler, hier keinesfalls um Polemik, sondern um Inhalte ging, die Detering vorab durchaus kommentiert hatte. Dass ein 80-Jähriger unreife, gar dumme Dinge sagt, ist das eine, dass ein Akademiepräsident, der den Laudator Köhler kennen sollte, dabei ein solches Unbehagen hat, dass er alle Höflichkeit und Gelassenheit des Gastgebers fahren lässt, ist das andere. Dass er sich dann aber auf die „polemische Sprachverwendung“ zurückzieht, ist ein mittelprächtiger Fall von vorbeugendem Selbstschutz bei gleichzeitiger Konfliktvermeidung.

Goettle, von Köhler als humorlose Botin der Wahrheit charakterisiert, machte in ihrer Dankesrede das, was sie besonders gut kann: Sie hörte zu, in diesem Fall dem Namensstifter Johann Heinrich Merck, und schrieb interessiert mit. Das von dem Pharma- und Chemiekonzern Merck gestiftete Preisgeld Euro könne sie nicht annehmen, ließ sie noch erklären und spendete es der kritischen „Buko-Pharmakampagne“.

Der Freud-Preis ging zwischen all diesen Ereignissen an den Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg, dem ein großer alter Mann der Linguistik, Manfred Bierwisch, die Laudatio hielt (mit den üblichen polemischen Seitenhieben gegen das „Debakel“ Rechtschreibreform). Eisenberg lobte seine Disziplin für ihr „konsequentes bis stures Festhalten an Problemen der Ebene“, äußerte sich entspannt über die Zukunft des Deutschen als Wissenschaftssprache und machte auf die Aufgaben der Zunft beim vermehrten Bedarf an „Deutsch als Fremdsprache“ aufmerksam.

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