Der Elysée-Palast: Der künftige Präsident muss diplomatisch mit der Kolonialgeschichte Frankreichs umgehen.
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Der Elysée-Palast: Der künftige Präsident muss diplomatisch mit der Kolonialgeschichte Frankreichs umgehen.

Wahlen in Frankreich

Der radikale Mittelweg des Macron

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Brief aus Paris: Die Kolonialherrschaft in Algerien birgt immer noch Sprengstoff für Frankreichs Gegenwart. Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron fährt einen radikalen Mittelweg.

Der unabhängige Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron besuchte auf Wahlkampftour nicht nur Berlin und London, sondern auch Algier, die Hauptstadt des 1962 nach dreizehn Dekaden Kolonialherrschaft unabhängig gewordenen Landes. Diese charakterisierte er dort als Barbarei von Beginn an und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – wegen der Ausradierung ganzer Dörfer, Massaker und Folter, der materiellen und ideellen Enteignung eines ganzen Volkes, dem sogar der Name aberkannt wurde. Frankreich habe in Algerien die Menschenrechte eingeführt, aber vergessen, sie zu befolgen. So weit waren Nikolas Sarkozy und Francois Hollande in der Anerkennung von Kolonialverbrechen nie gegangen.

In punkto Algerien herrscht ein Schwarz-Weiß-Denken vor. Die antikoloniale Linke kennt kein Pardon, die revisionistische Rechte möchte die „guten Seiten“ des Kolonialismus sogar per Gesetz in Schulbüchern verankert wissen. Das sollen dann die Enkel und Urenkel der algerischen Migranten lesen, die schon seit Ende des 19. Jahrhunderts nach Frankreich geströmt sind, genau wie die Nachfahren der pieds-noirs, der Kolonisten aus Frankreich, Spanien und Italien, die auf der anderen Seite des Mittelmeers eine weiße Parallelgesellschaft errichtet hatten und 1962 in ein „Mutterland“ vertrieben wurden, dessen Modernität ihnen fremd war. So erging es auch den harkis, Arabern und Berbern, die auf der Seite der Kolonialmacht gestanden hatten, und sich heute über Macrons Geschichtsbild wenig amüsiert zeigen.

Wer keine geteilte Sicht auf die Geschichte erreicht, riskiert in den Banlieues und den Kleinstädten des Midi in der xten Generation noch den Bürgerkrieg. Der Süden ist eine chasse gardée, ein Jagdrevier der Familie Le Pen: Der Senior startete seinen Karriere in der Terrororganisation OAS, Tochter Marine strebt mit araberfeindlichen Stimmungen in den Elysée-Palast, die Enkelin Marion Maréchal-Le Pen fuhr bei den Regionalwahlen 2014 einen Erdrutschsieg ein. Zur Algerienvisite twitterte sie „#Macron: Kandidat der Eliten, der Banken, der Medien und ... der Bußfertigkeit“. Ähnlichen Skandal machte der gar nicht mehr gemäßigte Präsidentschaftskandidat François Fillon.

Macron beschreitet erneut den radikalen Mittelweg, den etwa der in einer algerisch-jüdischen Familie in Constantine geborene Historiker Benjamin Stora vorgezeichnet hat: audiatur et altera pars (Man höre auch die andere Seite.) Unbestreitbare, unter der weitgehenden Amnesie und Amnestie von Zeitzeugen und Geschichtsschreibung zugedeckte Kriegsverbrechen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bewerten, würde Frankreich in der Nürnberger Völkerrechtsterminologie einen Genozid anlasten, also die wahllose und summarische Ermordung von Algerien.

Dafür wurde Macron unter anderem von Alfred Grosser gerüffelt, der sich nie gescheut hat, Frankreichs dunkle Vergangenheiten auszuleuchten. Doch verwendet Macron den Terminus Verbrechen in seiner moralischen Bedeutung und beruft sich dabei auf frühe Kritiker der Kolonisation in der Aufklärung und gleichgesinnte Republikaner.

„Ein Politiker, der hinfährt, zuhört und ausspricht“

Bei einem Auftritt in Toulon zeigte sich Macron empfänglich auch für die Verletzungen der Algerienfranzosen und berief sich auf Albert Camus, der es abgelehnt hatte, sich zwischen seiner Mutter und dem FLN entscheiden zu müssen. Den Autor des „Fremden“ fortgeschrieben und dessen blinde Flecken aufgedeckt hat der algerische Schriftsteller Kamel Daoud in dem Roman „Mersault, contre-enquête“ (Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung. Kiepenheuer & Witsch; s. FR v. 1.3. 2016). Macrons umstrittene Algerienreise kommentierte er lobend: „Endlich ein französischer Politiker, der hinfährt, zuhört und ausspricht“.

Auch Daoud gehört der post-postkolonialen Generation an, die nicht länger in vergangenen Kämpfen Partei ergreifen will, sondern sich drängenden Problemen zwischen Europa und Nordafrika zuwendet, vor allem dem unseligen Zusammenspiel von Radikalisierung und Fremdenfurcht auf beiden Seiten des Mittelmeers. Dort lockern sich die Fronten ebenfalls. Daouds preisgekröntes Buch erschien zuerst im Verlag Barzakh, den Sofiane Hadjadj und Selma Hellal 2000 in Algier gegründet hatten.

Sein Name (deutsch: Barriere, Fegefeuer) deutet an, wie die literarische Zuspitzung eine versteinerte Politik in Bewegung bringen soll. 2016 publizierte das angesehene Haus den Roman „L’Effacement“ (Die Tilgung) von Samir Toumi, eine Parabel auf die moudjahidines. Die Kriegsveteranen des FLN haben den Platz der Kolonialherren eingenommen und sich deren Privilegien aneignet, selbst für den Erwerb einer Taxi-Lizenz muss man nachweisen, von ihnen abzustammen oder protegiert zu werden.

Die Gerontokraten, inkarniert von dem im Rollstuhl sitzenden Präsidenten Abdelaziz Bouteflika, leiten ihren Herrschaftsanspruch aus einer heroisch-verkitschten Vergangenheit ab, die der Jugend, zur Hälfte ohne Arbeit und Perspektive, die Zukunft raubt und sie massenhaft übers Meer treibt. Dabei möchten sie eigentlich in ihrem schönen Land bleiben, das der von zwei Franko-Algerien gedrehte Video-Clip Territory in schönsten Farben ausmalt und für eine kreative, aufbruchsbereite Generation steht.

In Frankreich mobilisiert der Front National stur Ressentiments und Revanchegelüste gegen die Vorstädte, wo sich wiederum einige zum bewaffneten Kampf entschließen. Ist also, wer sich der Vergangenheit nicht stellen will, verurteilt, diese zu wiederholen?

Widersprüche aushalten

Das Umdenken hat längst begonnen. Jüngere Historiker um Patrick Boucheron vom Collège de France revidieren gerade das hexagonal beschränkte Weltbild der Nation und stellen ihre (ausdrücklich in den Plural gesetzten) Kulturen in einen globalgeschichtlichen Rahmen. Auch Macron forderte in einem kenntnisreichen Gespräch mit der Zeitschrift „L’histoire“ seine Landsleute auf, von einem überholten Souveränitätsideal abzulassen und die Widersprüche des „nationalen Romans“ auszuhalten.

Unter Bezug auf den Mentor der neueren französischen Historiografie, den 1944 ermordeten Marc Bloch, will er „das Band wiederherstellen zwischen der Krönung der Könige in Reims und der Fête de Fédération der Revolution 1790, zwischen Karl dem Großen und Charles de Gaulle, zwischen Jeanne d’Arc und Jean Jaurès, sogar zwischen 1978 und 1793“, zwischen Revolution und Terror also.

Der Waffenstillstand der Erinnerungen kann die menschlichste aller Rührungen freigeben, das Mitgefühl. Da sich das Verhältnis zu Nordafrika gerade zum europäischen Drama weitet, involviert der franko-algerische Erinnerungsort auch die Deutschen, denen gerade die deutsch-türkischen Beziehungen zu schaffen machen. Und die sie ebenso wenig alleine reparieren können.

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Ludwig-Börne-Professor an der Universität Gießen. Seine „Briefe aus Paris“ beschäftigen sich mit den kommenden französischen Präsidentschaftswahlen.

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