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"Als wir ein paar Minuten später zu einem kleinen Rundgang durch die Flure des Pflegewohnheims aufbrechen..."
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"Als wir ein paar Minuten später zu einem kleinen Rundgang durch die Flure des Pflegewohnheims aufbrechen..."

Pflegewohnheim

Radikale Gegenwärtigkeit

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Besuche bei der 97 Jahre alten Mutter im Pflegewohnheim sind unbedingt auch Begegnungen mit Aishe, Hilal und Mohammed.

In dem Pflegewohnheim, in dem ich seit einigen Monaten meine Mutter besuche, verläuft die Gesprächsanbahnung oft über die Feststellung einer physiognomischen Ähnlichkeit zwischen ihr und mir. „Dein Mutter, wie alt?“ fragt ein aus einem westafrikanischem Land stammender Rollstuhlfahrer. Er ist jünger als die meisten in der Wohneinheit, womöglich hatte er einen Unfall und die Gehbehinderung stellt nur ein vorübergehendes Handicap dar. „Im Sommer wird sie 98“, sage ich. Die Zahl entlockt ihm ein anerkennendes Nicken, und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Sie hat Hitler gesehen.“ Ich wundere mich über das plötzliche Auftauchen Hitlers, vermag aber keinen Argwohn in der Feststellung zu erkennen, auch wenn die Bestimmtheit der Aussage nicht den Charakter einer vorsichtigen Frage zu haben schien.

„Persönlich nicht“, sage ich, bin aber nicht ganz sicher, ob er meine Einschränkung versteht. Ich bin derart verblüfft, dass ich kurz überlegen muss. In unserer Familienerzählung ist jedenfalls nicht überliefert, dass Hitler die Kleinstadt im Sauerland besucht hat, in der meine Mutter aufgewachsen ist. „Sie hat Hitler gesehen“, wiederholt er noch einmal, und ich bin geneigt, es als eine Art Würdigung des Alters und nicht als Unterstellung einer immer noch vorhandenen Nazi-Gesinnung aufzufassen. Meine Mutter vermag aufgrund ihrer Schwerhörigkeit unserer kurzen Unterhaltung nicht zu folgen, also sage ich ihr, dass er eine Ähnlichkeit zwischen uns festgestellt habe. „Er hat gesehen, dass du meine Mutter bist“, sage ich ihr laut ins Ohr.

Als wir ein paar Minuten später zu einem kleinen Rundgang durch die Flure des Pflegewohnheims aufbrechen, ist das Interesse an Hitler erloschen. Der Mann ist in seinem Rollstuhl eingeschlafen, und als wir ihm ein paar Tage später erneut gegenübersitzen, erfreut er sich wieder an der Ähnlichkeit zwischen meiner Mutter und mir. 

Eine der Pflegerinnen, die morgens und abends beim An- und Entkleiden helfen, heißt Hilal. Sie geht dabei freundlich, aber bestimmt zu Werke, was meiner Mutter arg zusetzt. Sie ist es nicht gewohnt, dass man sie zu etwas drängt, und es ist für sie nicht einzusehen, dass der Vorgang des Zubettgehens beschleunigt werden soll. So lange sie nach dem Tod meines Vaters allein gelebt hat, ging sie immer nach Mitternacht zu Bett, auch wenn sie zuvor tief und fest im Sessel vor dem Fernseher eingeschlafen war. Das war ein wertvoller Rest ihrer Autonomie, die sie nun durch Hilals Strenge bedroht sieht. Aber es fehlt ihr die Kraft, sich zu wehren.

Probleme, sich zu erinnern

Aufgrund des fortgeschrittenen Zustands ihrer Demenz weiß meine Mutter nicht mehr genau, wo sie sich befindet. Zumindest nicht immer. Ihrer Enkelin Teresa berichtet sie am Telefon, sie sei in Olsberg, ihrem Geburtsort. Ein anderes Mal sagt sie, es sei eine Pension, aber sie komme gewiss bald nach Hause. Es sind vermutlich das häufig wechselnde Personal sowie die Rundumversorgung mit Essen und Getränken, die sie an einen permanenten, leider unentrinnbaren Ferienaufenthalt erinnern. 

Die Vorstellung von einem Pflegeheim ist ihr nicht fremd, wiederholt hatte sie ihre zwei Jahre ältere Schwester in einer ähnlichen Einrichtung besucht. Nun aber scheint sie genau diese Situation so gut es geht zu verdrängen. 

Wenn es eine Pension ist, dann ist Mohammed der Pensionschef. So jedenfalls muss meine Mutter es sehen. Er bereitet das Abendessen zu und ist für alle Fragen der Bewohner ansprechbar, seien sie auch noch so unverständlich und aberwitzig. Mohammed ist die gute Seele des Hauses. Er war vor einigen Wochen der erste, zu dem meine Mutter eine Art Vertrauensverhältnis aufbaute. Na, ja, Vertrauen. Nennen wir es Zutrauen. Während sie Hilal noch immer ein wenig fürchtet, geht sie freundlich auf ihn zu oder meldet sich bei ihm ab, wenn wir einen Spaziergang unternehmen. Mohammed, der wie der Rollstuhlfahrer aus einem westafrikanischen Land stammt, strahlt eine natürliche Autorität aus und seine unangestrengte Zugewandtheit scheint auf alle Bewohner eine beruhigende Wirkung zu haben. Immer einen lustigen Spruch auf den Lippen, versteht er es, die Sorgen der Bewohner und ihrer Angehörigen zu beschwichtigen. 

Wo ist die Brille?

Eines Nachmittags herrscht helle Aufregung, die Brille meiner Mutter ist unauffindbar. Es ist eine Begleiterscheinung der Demenz, dass sie nicht nur Erinnerung nimmt, sondern auch existenzielle Sorgen. Sie fragt nicht danach, wie alles weitergeht und wer für ihren Unterhalt aufkommt. Aber die abhandengekommene Brille versetzt sie in große Unruhe. Sie kann doch nicht ohne Brille sein. Nach intensiver Suche findet Mohammed sie schließlich auf einer Fensterbank, und als er sie lächelnd übergibt, sagt meine Mutter: „Jetzt muss ich Sie aber erst einmal richtig umarmen.“

Ich bin erleichtert, dass meine Mutter auf andere Menschen zugeht, und frage mich sofort, ob ich unterschwellig befürchtet haben mag, dass die dunkle Hautfarbe Mohammeds sie beunruhigen könnte. Meine Mutter ist Hitler nicht begegnet, aber in ihrer westfälischen Heimat ist sie auch so gut wie nie auf Menschen mit dunkler Hautfarbe getroffen. In den 70er Jahren kamen türkische Gastarbeiterfamilien, die aber zu den Einheimischen so gut wie keinen Kontakt zu haben pflegten. Es gibt eine lange bundesrepublikanische Geschichte der Migration, aber in der eigenen Umgebung wahrte man Distanz, man nahm sie hin, lebte aneinander vorbei. Das änderte sich im Fall meiner Mutter ein wenig, als syrische Christen sich in ihrer Stadt ansiedelten, die katholische Kirchengemeinde unterhielt fortan freundliche Beziehungen zu den Glaubensbrüdern und -schwestern. Und als die örtliche Stadtkirche über einen längeren Zeitraum aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen werden musste, besuchte meine Mutter sonntags den Gottesdienst in der syrischen Gemeinde, eine Art kirchliche Amtshilfe. Persönliche Beziehungen entstanden daraus nicht, aber der gemeinsame Glaube schien das meiste von der Schwere der offensichtlichen Fremdheit zu nehmen.

Obwohl das Pflegewohnheim eine protestantische Einrichtung ist, spielt der Glaube hier eine eher nachgeordnete Rolle. Ich vermag nicht einmal mit Gewissheit zu sagen, ob meine Mutter, die über Jahrzehnte eine gewissenhafte Kirchgängerin war, noch regelmäßig an dem Angebot eines sonntäglichen Gottesdienstes teilnimmt. Sie erzählt nichts davon, weil ihr Gedächtnis nichts mehr zu speichern vermag, das länger als eine Stunde her ist. Und doch ist nicht alles gleichgültig geworden. Eines Tages fragt meine Mutter, warum die junge Frau, die sie soeben erblickt hat, ein Kopftuch trage. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber sie schien instinktiv gespürt zu haben, dass sich die Kopftuchträgerin von der gewohnten Szenerie unterschied. Sie ist vermutlich eine Pflegerin, sage ich, wahrscheinlich eine Praktikantin. 

Das Näherbringen der multiethnischen Realität

Das war natürlich keine Antwort auf ihre Frage, und ich musste mir eingestehen, dass es mir schwer fiel, ihr die urbane multiethnische und multireligiöse Realität nahezubringen, in die sie auf ihre alten Tage hineingeworfen wurde. Ich versuche, die Irritation, die das Kopftuch bei ihr auslöst, mit der Offenheit, die sie Mohammed entgegenbringt, in Einklang zu bringen. Meine Mutter war während des Zweiten Weltkrieges selbst Krankenpflegerin, in einer Zeit, als diese Tätigkeit zumindest in katholischen Gegenden von Ordensschwestern dominiert war. Der Anblick von Kopftuchträgerinnen dürfte ihr also vertraut sein. Die Nonnen aber waren meist ältere Frauen, so kenne ich es aus meiner Kindheit.

Die gesellschaftlichen Konflikte, die draußen vor der Tür an Schärfe zunehmen, werden im Pflegewohnheim meiner Mutter nicht ausgetragen. Nimmt man sie überhaupt wahr? Kommt der Inhalt der Fernsehnachrichten noch an?

Natürlich gibt es alltägliche Konflikte. Von einer kleinen Gruppe der Bewohnerinnen, deren geistige Kräfte intakt sind, wird meine Mutter geschnitten, weil sie sich bald nach ihrer Ankunft in der neuen Gemeinschaft über ein Stück Kuchen hergemacht hatte, das ihr nicht zustand. Eine Entschuldigung vermochte sie nicht zu leisten, da sie sich keiner Schuld bewusst und auch zu keiner Erinnerung imstande war. Die radikale Gegenwärtigkeit, in der sie lebt, hat auch ihre Wahrnehmung für kulturelle Differenz getrübt, die sich an dem Kopftuch aber noch einmal schwach entzündet haben mag. 

Als ich eines Nachmittags eintreffe, wird sie gerade von einer jungen Frau, nennen wir sie Aishe, zur medizinischen Fußpflege abgeholt. Das war einige Monate zuvor, als sie noch nicht im Pflegeheim lebte, ein unmögliches Unterfangen gewesen. Teresa, die Enkelin, hatte sie zu einem Kosmetiktermin mitgenommen, aber die Oma hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt, jemanden an ihre Füße zu lassen. Dabei hätten die dringend einer Bearbeitung bedurft, Teresa war sicher, dass ihr die lange nicht gekürzten Fußnägel Schwierigkeiten beim Gehen bereiteten.

Nun aber gewann Aishe das Vertrauen meiner Mutter im Handumdrehen mit einer überwältigenden Herzenswärme. Dabei war das Szenario auf sympathische Weise grotesk. Die hübsche junge Frau hatte eigens ein Kofferradio mitgebracht, aus dem fortan zur Pediküre türkische Folklore dudelte. Das war alles andere als schmerzfrei, nicht nur wegen der Musik. Ein paar Mal sprach Aishe eine Warnung aus, gleich tue es womöglich ein wenig weh. Meine Mutter schaute interessiert zu, ich beobachte aus gebührendem Abstand die professionelle Fingerfertigkeit, mit der Hornhaut und Hühneraugen entfernt wurden. „Ist das Wasser warm genug?“ 

Aishe stellte Fragen und erzählte, sie ging zielstrebig vor, wusste aber genau, wie man Patienten dieses Schlages bei Laune hält. Meine Mutter antwortete artig, und ich verstand, dass es eine Art ärztliche Autorität brauchte, um sie dazu zu bewegen, diese Prozedur über sich ergehen zu lassen. Als die Füße getrocknet, die Socken darübergestreift waren, bedankte meine Mutter sich aufrichtig, als sei eine Last von ihr gefallen. Der Stecker des Kofferradios wurde abgezogen, Aishe hatte noch Kundschaft in einer anderen Wohneinheit. Sie komme bald wieder, versprach sie, und meine Mutter verabschiedete sich von ihr wie von einer guten Bekannten.

An Aishe, Hilal, Mohammed und all die anderen musste ich denken, als die Kulturdebatte zwischen den Dichtern Durs Grünbein und Uwe Tellkamp aufbrandete. In einer öffentlichen Diskussion hatte sich Letzterer darüber empört, dass mutmaßlich 95 Prozent der Migranten nichts anderes im Sinn haben, als in unsere Sozialsysteme einzuwandern. Es ist ein stereotyp wiederholtes Ressentiment, das als empirisches Argument daherkommt. Mal abgesehen davon, dass wohl eher der Bezug von Transferleistungen gemeint ist, glaube ich, seit ich meine Mutter in ihrem Pflegewohnheim besuche, zu wissen, dass das Sozialsystem, in dem sie sich befindet, ohne Aishe, Hilal und Mohammed nicht auskommen würde.

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