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Alexander Gauland (r.) und Björn Höcke, der angebliche Kopf der AfD.

Franziska Schreiber

"Die AfD ist so radikal wie die NPD, aber schlauer"

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Franziska Schreiber war vier Jahre lang in der AfD, bis sie merkte, dass die Partei "ein Tiger ist, den man nicht reitet". Im Interview mit der FR spricht sie über ihre Vergangenheit.

Frau Schreiber, sind Sie zufrieden damit, wie Ihr Insider-Bericht über Ihre Zeit in der AfD in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden ist?
Ich bin zufrieden mit der öffentlichen Wahrnehmung. Ich glaube, ich konnte auch einen Denkprozess anstoßen, was Maaßen angeht, aber auch den Umgang mit der AfD. Und immerhin habe ich es in die Bestsellerlisten geschafft. Aber das ist jetzt auch okay. Ich sitze schon an einem anderen Buch und hoffe, dass das dann auch Aufmerksamkeit erfährt. Es wird ein Ratgeber sein, wie man mit nahestehenden Menschen umgehen soll, wenn sie auf rechtspopulistische Irrwege abgerutscht sind.

Das sind Sie als ehemaliges AfD-Mitglied selbst, bis Sie mit Ihrem Austritt vor etwas mehr als einem Jahr eine Kehrtwende genommen haben. Konnte Ihr Enthüllungsbuch Sie inzwischen auch rehabilitieren?
Das war gar nicht meine Absicht mit dem Buch. Es mag sein, dass der Effekt eingetreten ist. Aber das war nicht der Impuls. Wenn ich einfach nur hätte White-Washing betreiben wollen, wäre es einfacher gewesen, ich hätte geheiratet und einen anderen Namen angenommen, mir die Haare vielleicht noch anders gemacht. Kein Mensch hätte mehr rausgefunden, dass ich mal irgendwann in der AfD war. Das hätte ich also einfacher haben können, übrigens auch ohne mich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu stellen und mir unsinnige Vorwürfe von rechts anhören zu müssen.

Welche kommen da?
Mir wurde Krebs gewünscht, mir wurde gesagt, dass ich jetzt gut auf mich aufpassen muss, weil man ja weiß, was mit Verrätern passiert… Alles natürlich nicht unter Klarnamen. Aber die Standardaussage ist, dass ich das nur wegen Geld gemacht hätte. Wobei das echt Blödsinn ist. Die AfDler sollten das eigentlich auch besser wissen, weil ich in der AfD ja viel mehr Geld verdient hätte, innerhalb einer viel kürzeren Zeit. 

Dabei wollte die AfD eigentlich nichts zu Ihrem Buch sagen. 
Offiziell geäußert hat sich ja auch kein AfD-Vertreter, weil man sich ja darauf verständigt hat, dass man die Inhalte meines Buches grundsätzlich nicht kommentiert. Aber die Mitglieder machen, was sie wollen – das ist ja bei der AfD so. Und die Basis ist sowieso nicht beeinflussbar.

Was hat Sie an der AfD dann überhaupt gereizt?
Ich bin ursprünglich mal in die AfD reingegangen, weil ich mir eine Partei gewünscht habe, die unideologisch von Sachthema zu Sachthema nur nach den Werten der Vernunft und der Aufklärung entscheidet. Das hatte ich mir mal gewünscht, und eine Erneuerung der politischen Landschaft. Diesen ganzen konservativen Block habe ich als notwendiges Übel mitgetragen. Aber im Laufe dieser vier Jahre, die ich in der AfD war, hat sich alles zunehmend auf Flüchtlings- und Islam-Hetze versteift. Irgendwann ging es dann nur noch um strategische Fragen, personelle Fragen und Machtfragen. Inhaltliche Debatten sind immer weiter in den Hintergrund getreten und haben irgendwann gar keine Rolle mehr gespielt. 

Die Grundsatz- und Parteiprogramme stehen aber. Gemessen an den Wählern kann die AfD damit auch ködern. Wie ist das zu bewerten?
Sämtliche Programme der AfD sind ein Feigenblatt. Mir wurde immer gesagt: Wenn ich irgendwelche Sachen angesprochen habe, die im internen Kreis besprochen worden waren, und zu denen ich sagte, das stehe aber nicht in unserem Programm, wurde mir immer gesagt: Ja, es gibt Sachen, die schreibt man nicht ins Wahlprogramm – die tut man, wenn die historische Stunde gekommen ist. Das ist wie so ein geflügeltes Wort geworden. Böse gesagt: Im Wahlprogramm von der NSDAP stand auch nichts von einem Weltkrieg und von Vernichtungslagern. Von daher: Auf die Programme darf man nichts geben.

Worauf soll die Öffentlichkeit sonst schauen?
Man muss die AfD an den Aussagen ihrer Funktionäre bewerten, wenn aus der Basis niemand widerspricht. Gauland hat zum Beispiel beim letzten Parteitag gesagt, dass ihn die BRD an die letzten Tage der DDR erinnert, dass unsere Regierung ein Regime ist, dass es nicht darum gehen kann, einzelne Politiker auszutauschen, sondern dass das ganze System überwunden werden muss, und dass Sachsen dabei erneut das Herz des Widerstandes sein wird. Das ist die Ankündigung eines Umsturzes – und der ganze Parteitag hat gejubelt. An so etwas sollte man sie messen. Ich halte die AfD mittlerweile nicht für wesentlich unradikaler als die NPD. Aber die AfD ist viel schlauer und taktisch viel besser aufgestellt, juristisch geschulter. Und sie will nicht in den Verfassungsschutzbericht. Von daher hält sie sich ganz haarscharf an der Grenze des verfassungsrechtlich Relevanten. 

Es gibt offenbar innerparteiliche Versuche, die AfD „zu zähmen“. Das gibt etwa die Vereinigung „Christen in der AfD“ vor.
Selbst deren Sprecherin ist ausgetreten, weil ihr die AfD zu radikal wurde. Die „Christen in der AfD“ haben eben maximal eine Beraterfunktion. Sie sind keine Kraft, bei der jeder Funktionär daran denken muss, dass er sie nicht verärgert, wie das beispielsweise beim Höcke-Lager der Fall ist. Natürlich würde kein Funktionär besonders herausstellen, dass er Atheist ist. Aber das macht man eher mit Blick auf die Wähler, um das Narrativ vom christlichen Abendland aufrechtzuerhalten. Man will ja unseren Kulturraum vor dem Islam schützen – und was ist unsere Kultur? Ja, da gehört das Christentum mit dazu.

Sie haben von dem „Tiger“ gesprochen, den man – wie Sie – innerhalb der AfD nicht reiten könne. Wie können Außenstehende versuchen, diesem Tiger beizukommen?
Rein auf der Sachebene, sich jeden persönlichen Vorwurf, auch jede Polemik gegen die AfD verkneifen und aufhören mit dem Wettstreit der Politiker darum, wer der härteste AfD-Gegner ist. Das nutzt sie nur, um sich in der Opfer-Rolle zu suhlen und umso mehr Konservative auf ihre Seite zu holen. „Hass macht hässlich“ hat Johannes Kahrs (SPD) der AfD im Bundestag zugerufen. Mit so etwas kann man sich zwar schön profilieren, das hilft nur nicht bei der Bekämpfung der AfD. Das geht nur auf der Sachebene, wie beim Sommerinterview mit Gauland, bei dem er keinerlei politische Vorschläge machen konnte. 

Dennoch gibt es Stimmen, die an eine Koalition mit der AfD denken.
Das wäre absolut gefährlich. Dann lässt  sich dem Wähler nicht mehr glaubwürdig vermitteln, dass es eine Partei ist, die außerhalb des normalen, demokratischen Korridors steht. Das einzige, was viele CDU-Wähler ja noch abhält, die AfD zu wählen, ist, dass man ihnen sagt, dass sie eine umstürzlerische Partei ist und wirklich gefährliches Gedankengut hat. Wenn man dann mit ihr koaliert, macht man diese gesamte Argumentation, die zurecht besteht, zunichte. Die Gauland-Rede war ziemlich eindeutig. Auch das neue Buch von Höcke, den ich für die mächtigste Person in der AfD halte, geht in eine ganz bestimmte Richtung. Wenn man sich das durchliest, weiß man, dass die AfD keine Partei wie jede andere ist: Sie koaliert nur so lange, wie sie muss. Irgendwann wird sie versuchen, auf irgendeine Art und Weise über das demokratische Maß hinaus Macht zu erlangen. Wenn sie weiter wächst, und das muss jetzt schon verhindert werden. Da muss es eine absolute Einigkeit aller Parteien geben, nicht mit der AfD zu koalieren.

Interview: Simon Berninger

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