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„Die Sendung ist so angelegt, dass man nicht versagen kann“, sagt Christof Schulte. 

Quizsendungen

Wissen Sie, was ein Librocubicularist ist?

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Regelmäßige Zuschauer der Quizsendung „Wer weiß denn sowas?“ wissen das. Ein Gespräch mit dem Produzenten der Show. 

Herr Schulte, was macht ein Executive Producer?
Ich bin hier in der Firma verantwortlich für die Sendung. Also für den redaktionellen Inhalt und in Absprache mit dem Produktionsleiter, der die budgetäre Verantwortung trägt, auch für die Produktion. Die Sendung wird produziert im Auftrag der Degeto. Das ist die Gesellschaft der ARD, die den Vorabend „einkauft“. Das Fenster zwischen 18 und 20 Uhr ist die einzige Zeit, in der die ARD Werbung ausstrahlen darf.

Dafür werden keine Gebühren ausgegeben?
Da dürfen keine Gebühren für ausgegeben werden. Mit jeweils 12 Minuten Werbung müssen die zwei Stunden finanziert werden. „Wer weiß denn sowas?“ wird in Hamburg unter Federführung des Norddeutschen Rundfunks für „Das Erste“ produziert.

Die Redaktion, die Leute, bei denen sich Bernhard Hoëcker so gerne bedankt...
Das sind wir.

Wie viele Leute sind das?
Elf Redakteure, ein weiterer Producer, eine Redaktionsleitung und sechs Cutter/Mediengestalter mitsamt Schnittplätzen für die erläuternden Einspielfilme.

Knapp zwanzig Leute und alles in einer Hand.
Es macht mehr Spaß, wenn man für alles zuständig ist.

Auch bei praktischen Fragen wie „Woraus lässt sich eine Popcornmaschine selber bauen?“ mit den Antwortmöglichkeiten: A: zwei Getränkedosen, ein Messer und drei Teelichter, B: UV-Lampe, Untertasse und zwei Wassergläser C: Topf, Lockenstab und vier Gummibänder?
Gerade bei denen! Wir müssen das alles ausprobieren. Stellen Sie sich vor, Elton erklärt in der Show, dass das mit einer UV-Lampe, einer Untertasse und zwei Wassergläsern funktioniert! Wir wissen, dass Antwort A richtig ist, aber wir müssen auch definitiv wissen, dass B und C nicht funktionieren können. Jeder Autor muss sich außerdem noch überlegen, wie kann ein möglicher Film dazu aussehen? Er muss witzig und für ein Publikum von acht bis achtzig verständlich sein.

Manchmal führen die erläuternden Einspielfilme den Zuschauer erst mal auf eine falsche Fährte. 
Das gehört zu den Späßen, die wir uns und den Zuschauern machen. Es wäre billiger, Filme einzukaufen. Aber dann ginge das nicht. Ich glaube, dieses Spielerische trägt sehr zur Qualität der Sendung bei.

Erklären Sie bitte den wenigen Lesern, die die Sendung nicht kennen, wie sie funktioniert.
Es gibt zwei Teams, einen Moderator und Publikum. Moderator ist Kai Pflaume. Teamleiter sind Elton und Bernhard Hoëcker. Neben jedem von ihnen sitzt ein von Sendung zu Sendung wechselnder Prominenter. Jedes Team wählt aus einem vorgegebenen Sample sechs Fragen aus. Für jede richtige Antwort gibt es 500 Euro. Das Publikum muss sich am Anfang für eines der beiden Teams entscheiden. Erst die Antwort auf die letzte Frage entscheidet über Sieg oder Niederlage. Der erspielte Gewinn eines Teams wird auf sein Publikum verteilt.

Wie kommt eine Sendung zustande?
Von Montag bis Freitag sitzen wir in Köln in unseren Büros, lassen uns Fragen und Antworten einfallen und produzieren die Einspielfilme. Dann gibt es die Aufzeichnungstage der Show in Hamburg, bei denen wir in einer Woche auf Vorrat produzieren. Meist werden drei Sendungen am Tag aufgezeichnet. Wir haben etwa einen Vorlauf von sechs bis acht Wochen.

Für mich besteht der Reiz der Sendung nicht so sehr in den Fragen, sondern in der verführerischen Kraft der falschen Antworten.
Der Fakt, nach dem gefragt wird, muss auch interessant sein. Sonst langweilt die Auflösung. Er darf nicht zu bekannt sein, aber auch nicht irrelevant. Manchmal scheitern wir an der Bebilderung. Die Antworten werden genauso erarbeitet wie die Fragen: Es wird gesiebt und gesiebt.

Stehen hinter jeder Frage 10, 20 oder 100 Anläufe?
Das ist ganz unterschiedlich. Aus den ausgewählten Fragen basteln wir dann „Die Wand“ zusammen, auf der die Kategorien stehen, die die Teams wählen können.

„Clever!“, „Down Under“, „Tierisch, tierisch“, „Unser Körper“, „Essen & Trinken“, “?“ „Trick 17“ usw.
Genau. Wir achten sehr auf die Mischung. Wir haben diese kuriosen Stories, wie zum Beispiel „Warum können wir uns nicht selber kitzeln?“ oder den Schreiadler, der zu Fuß auf die Jagd geht. Aber wir geben auch Alltagstipps. Eine Art verfilmte „Apothekenumschau“.

Ich fand die Quizsendungen, in denen der Kandidat in seinem Gedächtnis kramt und ausspuckt, was er findet, meist langweilig. Einer weiß es oder weiß es nicht. Das ist wie Vokabelabfragen. Heute, im Zeitalter der Suchmaschinen eine fast gänzlich überflüssige Übung.
Eine, zwei solcher Fragen haben wir ab und zu auch dabei. Zum Beispiel: Was ist ein Librocubicularist? Wer Latein hatte, der kann auf die Lösung – einer, der Bücher im Bett liest – kommen. Wir haben diese Frage gerne genommen, weil so viele von uns Bücher im Bett lesen. Aber kaum einem davon ist klar, dass er ein Librocubicularist ist. Wir fanden, das Wort hat Chancen, in abendliche Ehedialoge aufgenommen zu werden.

Bei dem von Ihnen erwähnten Schreiadler war für mich völlig klar, dass zu Fuß jagen die richtige Lösung war. Denn sie war die verblüffendste.
Manchmal ist es so, manchmal nicht. Bernhard und Elton wissen das. Darum denken sie dreimal nach, wo der Zuschauer glaubt, zwar nicht die Antwort auf die Frage zu kennen, aber die Dramaturgie der Sendung durchschaut zu haben.

Sie freuen sich, wenn die Teams versagen?
Nein, nein, nein. Das wäre langweilig. Außerdem ist die Sendung so angelegt, dass man nicht versagen kann.

Das scheinen die Prominenten gemerkt zu haben.
Sie kommen gerne. Sehr gerne auch noch einmal und noch einmal. Wenn sie bei Günther Jauch nach dem Komponisten der „Mondscheinsonate“ gefragt werden und wissen das nicht, das ist blamabel. Das kann ihnen bei uns nicht passieren. Wir fragen nach Dingen, die kein Mensch weiß. Also fragen wir: „Warum musste Beethoven so oft seine Wohnung wechseln?“

Er machte zu viel Krach auf dem Flügel.
Nein. Er kam beim Komponieren oft so in Fahrt, dass er sich einen Eimer Wasser über den Kopf schüttete, um wieder runter zu kommen. Das Wasser tropfte durch den Dielenboden ins Stockwerk drunter und Beethoven musste wieder mal ausziehen.

„Wer weiß denn sowas?“ ist ja auch Theater. Die Rollen sind verteilt und jeder spielt seine.
Das ist ein Glücksfall. Wir wussten nicht, dass das so gut funktionieren würde. Bei Elton hieß es zum Beispiel: „Das ist doch dieser Praktikant von Stefan Raab. Was soll der bei einem Quiz!“ Elton ist natürlich ein Stachel im Fleisch der Oberstudienräte, aber die anderen lieben ihn. Hoëcker ist ebenso großartig. Aber erst mit Elton zusammen stimmt die Mischung. Beide sind ehrgeizig, wollen unbedingt gewinnen. Sie sprechen von Theater, aber Elton verzweifelt wirklich, wenn er sich irrt. Er hält es wirklich nicht mehr auf seinem Sitz aus. Was denken Sie, wie oft die beiden bei mir stehen und die Antworten anzweifeln oder uns im Verdacht haben, ihnen extra schwere Fragen zugeschoben zu haben. Die sind beide total unter Strom.

Mir gefällt an der Sendung, dass man Leuten nicht beim Wissen, sondern beim Denken zuschaut. Unwillkürlich denkt man mit.
Bei „Wer weiß denn sowas?“ geht es ums Kombinieren. Und das macht Spaß. Auch den Zuschauern zu Hause. Man lässt sich Begründungen dafür einfallen, warum es Antwort B sein muss, die Schwester plädiert für C. Das ist ein Wettbewerb. Aber nicht um das richtige Ergebnis, sondern manchmal auch um die schönste Geschichte, die absurdeste Lösung.

Sagen Sie bitte etwas zu Kai Pflaume.
Kai Pflaume können sie nachts um drei wecken und er legt los. Er kann aus dem Effeff moderieren, ohne irgendeine Routine abzuspulen. Das ist großes Können. Er identifiziert sich sehr mit dem, was er beruflich macht. Das unterscheidet ihn von manch anderem Fernsehmenschen, den ich kennengelernt habe, der dankbar für die Popularität ist, sich aber ansonsten nicht übermäßig für die Sache interessiert. Pflaume ist ganz anders. Dass er Fernsehen für die ganze Familie macht, freut ihn. Er ist stolz darauf. Das ist exakt, was er mag. Ganz am Anfang dachten wir, wer will jeden Tag dieselben Leute sehen? Aber ohne die drei „ständigen Mitglieder“ hätte niemals diese Familienstimmung aufkommen können, die wir jetzt haben. „Wer weiß denn so was?“ gehört für ein paar Millionen Menschen montags bis freitags zu ihrem Leben. Sie bleiben der Sendung treu. Sie freuen sich darauf. Sie machen mit auf der App. Wir sind zu Besuch bei ihnen, aber sie sind auch zu Besuch bei uns.

Kai Pflaume fördert diesen Eindruck, indem er gerne von der Wohngemeinschaft erzählt, in der er mit Elton und Hoëcker lebt.
Machen Sie sich keine Sorgen. Die drei leben, wenn wir in Hamburg die Sendungen produzieren, in verschiedenen Hotels ihrer Wahl.

Aber dieses Spiel mit der Wohngemeinschaft nutzt der Sendung sehr. Da sind drei Jungs, die gerne zusammen sind und wir sind für eine knappe Stunde bei diesem Völkchen dabei.
Das kommt auch von Kai Pflaume. Das hat sich die Redaktion nicht extra ausgedacht. Es gibt für die Sendungen kein Skript. Kai Pflaume wird von uns ein wenig gebrieft. Aber das war’s schon. Der Rest ist spontan.

Gibt es eine die Sendung begleitende Marktforschung?
Bei der Vorbereitung zeigten wir die Sendung natürlich verschiedenen Gruppen. Die waren ganz angetan, aber keineswegs begeistert. Nichts ließ den Riesenerfolg von „Wer weiß denn so was?“ ahnen. Es waren die Leute im Sender, die ihrem Riecher mehr als der Marktforschung trauten und der Erfolg gab ihnen Recht.

Wie sieht Ihr Publikum aus?
Der „Kernzuschauer“ ist weiblich und zwischen vierzig und siebzig.

Dann ist falsch, was bei Wikipedia steht, „Wer weiß denn sowas?“ erreiche ein jüngeres Publikum als „Gefragt, gejagt“?
Nein, das stimmt. Und bei den Gesamtzuschauern haben wir im Augenblick etwa 3,5 Millionen bis vier Millionen Zuschauer, das entspricht einem Marktanteil von 16 bis 18 Prozent. Vergangenes Jahr kamen wir manchmal auf mehr als 20 Prozent. Das ist schon sehr stark.

Und das Alter?
Es gibt Tage, da liegen wir auch bei den Jüngeren noch vor RTL, Sat1 und ProSieben. Das liegt nun nicht nur daran, dass wir so toll sind. Das Privatfernsehen hat viel mehr Leute an das Streaming Fernsehen, an Netflix, Amazon etc., verloren. Der Grund ist einfach. Bei Amazon, Netflix etc. werden die Filme nicht von Werbung unterbrochen.

Die Leute verlernen, Werbung zu gucken?
Soweit würde ich nicht gehen. Aber tatsächlich ist die Samstagsabendshow der ARD, vor ein paar Jahren noch so ziemlich das Uncoolste, was man sich antun konnte, wieder sehr beliebt. Wir erreichen mit „Wer weiß denn sowas? XXL“ auch in der Primetime nach der Tagesschau sehr schöne Quoten. Manche unserer Einspielfilme werden über Social Media millionenfach geteilt. Das sind 30-Sekunden-Clips. Jeden Tag haben wir 12 davon. In der alten Packung Quizshow stecken bei uns die aktuellsten Formate. Auch die Sendung selbst besteht ja aus lauter Drei- bis Vier-Minuten- Happen. Net-TV wird das manchmal genannt. Kleinteiliges Fernsehen für ein Publikum, das keine großen Strecken mehr mag. Wir bieten gewissermaßen zwölf kleine Snacks.

Nach Politik wird nicht gefragt.
Es gibt keine bewusste Entscheidung dagegen. Aber Politik könnte den Entertainment-Faktor ganz schnell kippen. Eine kuriose, lustige Frage zu Donald Trump könnten wir stellen. Aber da auf Fragen zu kommen, die interessant, aber nicht zu sehr bekannt sind, ist schwierig. Wir müssten dann auch aktueller produzieren.

Gab es ein Vorbild für „Wer weiß denn sowas?“
Quizshows gab es jede Menge. Und das Setting ist ja wie von 1963: Eine Wand, ein Moderator, Fragen, Antworten, Publikum. Ich glaube, das gehört auch zum Erfolg der Sendung. Alles wie gehabt und doch ganz anders. Die Art unserer Fragen, die Art, wie wir sie stellen, die Antworten, die wir bieten – das ist alles neu. Dafür gab es kein Vorbild. Nur die Idee, alles ganz anders zu machen. Entwickelt haben wir sie zusammen mit Kai Pflaume und dem Norddeutschen Rundfunk. Wir werden jetzt Ende März 450 Folgen gedreht haben. Das ist ein ordentlicher Batzen.

Aber es geht danach doch weiter?
Sicher.

Die Verträge sind unterschrieben?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Manchmal zieht es sich beim Fernsehen sehr lange, bis man Verträge hat.

Sie arbeiten an etwas Neuem?
Aber ja. Sie ruhen sich doch auch nicht auf einem Artikel aus, der Ihnen geglückt ist.

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