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Der Schriftsteller Sachar Prilepin.

Kultur Russland

Putins Kulturkrieger

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Sachar Prilepin war ein fulminanter Schriftsteller und Regime-Gegner. Jetzt kämpft er für ein patriotisches und antiliberales russisches Theater.

Auf einem Acker im Donbass posiert Sachar Prilepin mit einem auf Papier gemalten Friedensstern vor der Kamera: „Alle Schriftsteller der Welt treten für Frieden ein“, sagt er. „Shakespeare, Schenderowitsch (ein liberaler Moskauer Satiriker), Dante und Andrei Makarewitsch (ein liberaler russischer Rockmusiker). Ich bin auch für den Frieden.“ Er zerknüllt sein Friedenszeichen, wirft es weg und kommandiert: „Los!“ Schon krachen aus einem automatischen Geschütz hinter ihm Feuerstöße.

Sachar Prilepin, 43, Kriegsveteran, TV-Moderator und vor allem Schriftsteller, befehligt heute kein Kanonenfeuer mehr im ostukrainischen Kriegsgebiet. Der stellvertretende Kommandeur eines von ihm gegründeten Freiwilligen-Bataillons in Donezk wurde stellvertretender Leiter des Moskauer Gorki-Kunsttheaters (russisch kurz MChAT). Aber auch auf der Bühne wird er weiter Front gegen seinen Lieblingsfeind machen: Russlands liberale Intelligenz.

Prilepin hat einen fulminanten Lebenslauf hinter sich. Ein Lehrersohn, der als Einsatzpolizist in den ersten Tschetschenienkrieg zog, dann nationalbolschewistischer Regime-Gegner wurde, Straßendemos anführte, Putins Sturz forderte. Auch seine ersten Bücher waren fulminant: Der Roman „Patologija“ schildert Kampf und Untergang einer Truppe russischer Einsatzpolizisten in Tschetschenien. Die Mühsale, die moralischen Nöte und vor allem die Angst seines Helden im Partisanenkrieg sind beklemmend beschrieben. Der Schriftsteller gestand der FR einmal freimütig, er hätte in Tschetschenien zwar immer dorthin geschossen, woher das feindliche Feuer kam. Aber er sei keineswegs sicher, irgendjemanden getötet zu haben – im Gegensatz zu seinen Helden.

Prilepins Erzählungen und Romane stellten aufrichtige Fragen und gaben oft unmissverständliche Antworten: Wie behält man als Rausschmeißer einer Provinzdisco seine Selbstachtung und gleichzeitig sein Gebiss, wenn Banditen, viel kräftigere Männer, aufkreuzen? Was tun, wenn man mit dem toten Vater im Sarg nachts im Schneesturm auf einem einsamen Waldweg landet? Kritiker verglichen ihn mit dem jungen Bulgakow. Aber irgendwann verließen den Autor die Kräfte. Er schrieb weiter wie am Fließband, aber es wurde klar, dass ihm die echten, starken Stoffe seines früheren Abenteurerlebens ausgingen. Szenen und Figuren verblassten, auch wenn seine Banditen jetzt häufig braune, kaukasische Gesichter besaßen. Vielleicht lag es daran, dass Prilepin immer nationalistischer wurde und politisch immer weniger opponierte.

Berater von Rebellenchef Sachartschenko

Bei den großen Antiputin-Demos 2011/2012 tauchte er nicht mehr auf, kurz darauf attackierte er Russlands Liberale in einem offenen Brief böse: Sie hätten es Stalin zu verdanken, dass sie im Krieg nicht alle in deutschen Gaskammern gelandet seien. Den Anschluss der Krim 2014 feierte er, danach stürzte er sich in den Donbass-Krieg, wurde Berater von Rebellenchef Alexander Sachartschenko. Aber neue starke Stoffe fand er nicht. Dafür schrieb er Bücher darüber, welche sowjetischen Lieder der inzwischen getötete Sachartschenko am liebsten hörte, über Wodka getränkte aber philosophische Dialoge mit anderen Feldkommandeuren und über die Tapferkeit ihrer Krieger, die er als „Fußsoldaten Putins“ rühmte. Zwischendurch verbrachte er viel Zeit in Moskau, wo er sein eigenes, nationalpatriotisches Kulturzentrum errichtete – an der Rubljokwa, der Milliardärsmeile der Hauptstadt.

Mittlerweile hat Prilepin den Dienst im Donbass ganz quittiert. Er übernahm das MChAT, zusammen mit „zwei kulturellen Kampfgefährten“, dem Regisseur Eduard Bojakow als Direktor und dem Schauspieler Sergei Puskepalis als künstlerischem Leiter. Bojakow versprach, die konservative Bühne werde künftig der russischen Heimat und ihren traditionellen Werten dienen. Zuvor hatte er auf Facebook geklagt, das russische Theater werde monopolisiert, von „gezierten, älteren Gays, bösen, einsamen Bohème-Frauen und versoffenen, unreifen, quertreibenden Intellektuellen.“

Das soll sich ändern. Prilepin gründete mit weiteren Gleichgesinnten 2017 eine „Russische Kunstunion“. Ihr erklärtes Ziel: mit Hilfe des Staates mehr Raum für traditionalistische künstlerische Projekte schaffen, die gegen die liberale Kultur opponieren. Der Internetzeitung Meduza kündigte er mehr „aktuelle“ Theaterstücke im MChAT an. Wie etwa die Bühnenfassung des von ihm herausgegebenen Sammelbands „Ich bin ein wundes Land“: patriotische Gedichte über Krim-Anschluss und Donbass-Krieg.

Das „wunde Land“ habe er gemeinsam mit Bojakow schon in Donezk aufgeführt, solche Stücke gehörten auch in Moskaus Theater. „Wir haben ganz bestimmt keine Angst davor.“ Bleibt abzuwarten, ob Prilepin auf der Bühne sein Talent wiederfindet.

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