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„Vielleicht suche ich falsch oder zu ungeduldig.“
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„Vielleicht suche ich falsch oder zu ungeduldig.“

Update

Pusten und Posten

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wie hängen Hassrede und Alkohol zusammen? Höchste Zeit, dass diese Frage gründlich erforscht wird.

Vor vielen Jahren hörte ich in einem Vortrag eine Zeitungsmitarbeiterin aus einer Lesermail zitieren, in der sich jemand dafür bedankte, dass das Moderationsteam der Zeitung immer seine nachts besoffen abgeschickten Kommentare löschte. Seither bin ich davon ausgegangen, dass bei einem nicht ganz kleinen Teil der Hasskommentare im Netz Alkohol im Spiel ist. Liegt ja auch nahe: Dem Drogen- und Suchtbericht 2019 zufolge trinkt fast die Hälfte der erwachsenen Männer mindestens einmal im Monat fünf oder mehr alkoholische Getränke, bei den Frauen ist es ein Viertel. Einen ständigen riskanten Alkoholkonsum pflegen zehn Prozent bis ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland. Vor allem abends und am Wochenende muss also ein erheblicher Teil der im Netz veröffentlichten Beiträge unter Alkoholeinfluss zustandekommen. Ich dachte, die Forschungs- und Ratgeberliteratur sei voller Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Hassrede, und ich bräuchte für diese Kolumne alles nur hübsch zusammenzufassen.

Das ist aber nicht der Fall. Vielleicht suche ich falsch oder zu ungeduldig. Falls der Zusammenhang zwischen Alkohol und Hass im Netz hinter meinem Rücken erforscht wurde, sind die Ergebnisse jedenfalls gut versteckt. Was es gibt, sind ein paar Studien, zu welchen Tages- und Wochenzeiten über das Thema Alkohol und Betrunkensein getwittert wird. Twitter ist in der empirischen Forschung beliebt, weil die Daten öffentlich sind, man also mit relativ geringem Aufwand eine sehr große Anzahl von Beiträgen auslesen und auswerten kann. Bei Facebook ist das schwer bis gar nicht möglich und bei Instagram wegen der Bildförmigkeit der Inhalte nicht so einfach.

Aus diesen Studien geht hervor, dass über Alkohol zu den erwartbaren Zeiten geschrieben wird: vor allem zwischen 8 Uhr abends und 3 Uhr morgens sowie freitags bis sonntags. Die Frage, wie sich der Alkoholkonsum – außer eben in Erwähnungen, dass jemand gerade trinkt oder betrunken ist – auf das Veröffentlichte auswirkt, bleibt unbeantwortet.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Studien über Hassrede wiederum befassen sich nicht mit Alkohol. Eine 2017 veröffentlichte Untersuchung der Kommentare auf der Website CNN.com („Anyone Can Become a Troll: Causes of Trolling Behavior in Online Discussions“) kommt zu dem Schluss, dass in den Nachtstunden mehr problematische Kommentare entstehen. Die Autoren führen das aber nicht auf Alkohol, sondern auf allgemeine tageszeitabhängige Stimmungsschwankungen zurück.

Das Fehlen von Forschung hat vermutlich damit zu tun, dass es aufwendig wäre, einen konkreten Zusammenhang von Alkoholkonsum und Hassrede zu belegen. Man kann ja schlecht bei den Verfassern auffälliger Beiträge vorbeischauen und sie bitten, mal zu pusten. Hoher Aufwand ist zwar kein grundsätzliches Forschungshindernis, aber irgendjemand muss dann eben großes Interesse am Weltraumteleskop, Teilchenbeschleuniger oder eben der Hass-Alkohol-Frage haben. Das scheint derzeit nicht der Fall zu sein.

In Beratungstexten zum Thema „don’t drink and post“ ist überraschenderweise ebenfalls nicht von Hass die Rede. Dort geht es vor allem darum, dass die Falschen – also Kolleginnen oder der Personalchef – einen dabei sehen könnten, wie man die Macarena tanzt. So lautet ein Beispiel aus einem Artikel in „ze.tt“, dem Onlinemagazin des Zeit-Verlags. Alles andere wird mit dem Satz abgehandelt: „Auf strafrechtlich relevante Äußerungen, Hetze, Hass, Diskriminierung und so weiter verzichtest du hoffentlich ohnehin von ganz alleine.“ Eigentlich müssten gerade Zeitungsredaktionen aus den eigenen Kommentarrubriken wissen, dass es solche Leserinnen und Leser nicht nur in fernen Paralleluniversen gibt. Aber niemand unterstellt der eigenen Leserschaft gern direkt, dass sie schon einmal Hetze und Hass geäußert hat.

Ich sage daher auch nichts dazu, dass unter uns, die wir diese Kolumne lesen oder schreiben, mit Sicherheit viele schon einmal betrunken waren und dann Gemeinheiten ins Netz geschrieben haben. Tun wir kurz so, als machten das nur die anderen. Wenn also einer von diesen anderen Menschen Ihre Eltern beleidigt, Ihre Kinder bedroht oder Ihnen eine Vergewaltigung an den Hals wünscht, können Sie sich mit dem Gedanken zu trösten versuchen, dass diese Person vielleicht nicht in erster Linie ein Problem mit Ihnen, sondern eines mit Alkohol hat. Einige der Absender sind zweifellos auch nüchtern kaum netter als Hitler, ich will das nicht verharmlosen. Aber wenn jemand Sie nicht an allen Wochentagen rund um die Uhr, sondern nur nachts oder am Wochenende beschimpft, dann liegt das vielleicht auch am Suff. Genaueres werden wir erst in ein paar Jahrzehnten wissen. Entweder hat bis dahin eine Forschungseinrichtung der Frage Zeit und Geld gewidmet, oder man muss vor dem Absenden jeder Nachricht in ein Röhrchen pusten.

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