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Dr. Ina Hartwig ist Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau.

Times Mager

Pumpe

Ein glücklicher Mensch war er wirklich nicht", resümiert Klage alias Rainald Goetz im Abschieds-Eintrag seines Vanity-Fair-Blogs, nachdem er Walter

Von INA HARTWIG

Ein glücklicher Mensch war er wirklich nicht", resümiert Klage alias Rainald Goetz im Abschieds-Eintrag seines Vanity-Fair-Blogs, nachdem er Walter Kempowskis "Somnia" durchgelesen hatte, das Tagebuch der Wendejahre. "Aber wer ist das schon", sinniert Goetz weiter (er meint: glücklich), freut sich, dass Kempowski wenigstens etwas mache aus seinem Gemütszustand - und fragt sich dann, wie's mit ihm selber stehe: "Wie wird das unerreichbar tief sitzende Nichtglück in Bewegung von Leben gesetzt, später in Text: das ist die Frage, auf die das Werk antwortet."

Die meisten Dichter zeigen ihr Glück nicht so gerne (Goetz tut's allerdings, wenn ihm der Sinn danach steht) - sie halten sich lieber an ein Semi-Unglück in ihrer maßlosen Ehrlichkeit. Aber schön, dass es auch solche gibt, die ehrlich und bitterböse zugleich sind, oder ehrlich und geschliffen-kalt-erbarmungslos wie Ernst-Wilhelm Händler. Der hat gerade in der Zeitschrift Manuskripte einen sehr ernsten Text namens "Ich" veröffentlicht. Seine Haltung ist Post-Psychoanalyse pur, will sagen: das Unbewusste zu denken schließt er aus; vermutlich weil er, Apologet des Fetischs, der Ökonomie und der Handlungsdifferenz, das Unbewusste für eine überholte, romantische Erfindung hält, für ein Märchen.

"Es ist egal, was ich bin", stellt Händler wegwerfend fest. "Entscheidend ist, was ich mache oder nicht mache, und dass ich dabei nicht allein bin. Ich lebe von Illusionen, die allerdings in Zeiten des Unglücks regelmäßig vergehen." Er wundert sich und ist darüber wiederum zuverlässig halbunglücklich, dass er beharrlich dazu gebracht werde, "irgendwo dazuzugehören". Das Bekenntnis als Anti-Bekenntnis - eine saubere Sache, theoretisch, ja gattungsgeschichtlich vermutlich unvermeidbar; aber doch auch verkrampft und trist. Ehrlich, wie gesagt. Realistisch, meint Händler. Aber deshalb immer noch nicht erhebend. Immerhin klug, so klug wie gute Theorie: "Die Krawalle der Moralisten zum richtigen Verhältnis von Mitteln und Zwecken sollen hinter meinem Gesicht ausbrechen." Großartiger Satz.

Und doch, schleicht sich nicht der Verdacht ein, dass das Herz des Anti-Ich genauso kräftig pumpt wie das des alten, eitlen, entblößten Ichs von Rousseau?

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