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Ein IBA-Kandidat: der Energie- und Zukunftsspeicher des Büros Lava.
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Ein IBA-Kandidat: der Energie- und Zukunftsspeicher des Büros Lava.

Architektur

Proklamation der Stadt von morgen

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Heidelberg leistet sich eine Internationale Bauausstellung: Ein Gespräch mit deren Direktor Michael Braum.

Herr Braum, im Juni 2013 sind Sie als Direktor der Internationalen Bauausstellung (IBA) nach Heidelberg gekommen. Hatten Sie von der Stadt romantische Vorstellungen?
Nein, romantische Vorstellungen hatte ich keine. Im Gegenteil, ich hatte die Vorstellung, in einer Universitätsstadt mit internationalem Renommee auf einen fruchtbaren Boden für Veränderungen zu stoßen. Die ersten Jahre haben mich zunächst ein wenig ernüchtert. Die Vorstellungen anderer über ihr romantisch verklärtes Bild Heidelbergs tragen dazu bei, Veränderungen skeptisch gegenüber zu stehen. Sie suchen in der Vergangenheit die Zukunft, da scheint der Spielraum für eine „Next Practice“, wie wir sie mit der IBA initiieren wollen, doch eingeschränkt zu sein.

Anderer heißt: alteingesessener Heidelberger?
Es ist eine besondere Gemengelage, die das bürgerschaftliche Engagement der Heidelberger trägt. Zum einen sind es diejenigen, die die Sorge umtreibt, Heidelberg werden die baulichen Veränderungen zum Schaden gereichen. Begründet wird dies mit der durchschnittlichen bis unterdurchschnittlichen architektonischen Qualität zahlreicher Projekte. Zum anderen ist die fehlende Veränderungsdynamik ein Stück weit strukturell historisch bedingt. Man fühlt sich sicher im Gewohnten und ist gegenüber Veränderungen, gleich welcher Art, vorsichtig bis ablehnend. Diese Haltung hat in Heidelberg Tradition, mit der man gerne kokettiert und die ich in dieser Intensität noch nicht woanders erlebte.

Wo suchen Sie und die IBA die Zukunft Heidelbergs?
Die Kernaufgabe einer IBA ist seit jeher, Zukunftsfragen des gesellschaftlichen Wandels auf deren städtebaulichen und architektonischen Implikationen zu fokussieren. Mit dem Thema „Wissen schafft Stadt“ möchten wir Wege aufzeigen, wie sich das Modell der Europäischen Stadt transformieren muss, um den Anforderungen der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts Rechnung zu tragen. Hierfür eignet sich Heidelberg wie keine andere Stadt in Deutschland in ganz besonderer Weise. Diese Veränderungen werden möglicherweise ähnlich gravierend sein wie diejenigen, die von der vorindustriellen Stadt zur industriellen Stadt führten. Schauen wir mal.

In Heidelberg ist zu hören, der Titel „Wissen schafft Stadt“ sei zu akademisch, zu abstrakt.
Das hängt sicher davon ab, wen man fragt. Wir befinden uns mitten auf dem Weg in eine Wissensgesellschaft. Hier die Produktion, Konsumption, Kommunikation von Wissen in das Zentrum auch städtebaulicher und architektonischer Aufgaben zu stellen, ist sicher vernünftig. So gesehen scheint mir der Titel „Wissen schafft Stadt“ doch goldrichtig.

Kann man die IBA als so etwas wie eine große Suchbewegung beschreiben?
Suchbewegung klingt mir zu wenig ziel- und ergebnisorientiert. Ich würde die IBA als Labor der Stadtentwicklung beschreiben, in dem experimentiert, geforscht und erprobt wird. Ähnlich wie in den klassischen Wissenschaften braucht es „geschützte Räume“ für Experimente, die uns Spielräume geben, die im Planungsalltag nie möglich wären.

Um welche geschützten Spielräume geht es in Heidelberg?
Nicht geschützte Spielräume, ich spreche von geschützten Räumen und damit meine ich das Ermöglichen von Voraussetzungen, die eine IBA als „Ausnahmezustand auf Zeit“ braucht, um Dinge auszuprobieren, egal ob im Bereich der Genehmigungsverfahren oder der inhaltlichen Programmierung von Häusern und Freiräumen.

Welche Rolle spielt das ehemalige, nicht unbekannte US-Areal Patrick Henry Village?
Eine ganz herausragende. Hier arbeiten wir mit international agierenden Büros wie KCAP und MVRDV aus den Niederlanden, Ratti Associati aus den USA und Astoc aus Deutschland sowie der Ramboll Gruppe aus Dänemark am Modell einer „Koproduzierten Stadt“. Wir entwerfen für diesen Referenzort Bausteine für die „Wissensstadt von morgen“. Hergeleitet aus Szenarien zum Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft, zur Relevanz neuer Lernräume, zur Bedeutung zeitgemäßer Vernetzungskonzepte sowie zu Fragen der urbanen Stoffkreisläufe und deren Impulse auf die Stadt der Zukunft.

Sie richten den Fokus auch auf den Hauptbahnhof.
Ja, dem Umfeld des Hauptbahnhofs kommt im Kontext des Themas Vernetzungen selbstverständlich eine herausragende Bedeutung zu, ist er doch Heidelbergs „Tor zur Welt“.

Welche Experimentierfelder sollen darüber hinaus bearbeitet werden?
Denkt man über die „Stadt von morgen“ in einer Wissensgesellschaft nach, geht es nicht ausschließlich darum, wie wissenschaftliche Institutionen diese Stadt der Wissensgesellschaft prägen werden, sondern gleichsam um die oben bereits angerissenen alltäglichen Lernräume. Ich bezeichne diese gerne als Orte der kulturellen Bildung. Das beginnt bei der inklusiven Kindertagesstätte, umfasst Lernorte anderer Art in einer vielfältigen Gesellschaft sowie Orte des kulturellen Austauschs ebenso wie zeitgemäße Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Es geht darüber hinaus um die Vernetzungen in der Stadt der Zukunft, das umfasst mehr als die Gestaltung des Öffentlichen Raums. Vernetzungen beziehen notwendigerweise Fragen der digitalisierten Stadt ein, Carlo Ratti nennt sie nicht Smart, sondern Senseable City...

... das heißt?
das heißt, er reduziert die Stadt von morgen nicht alleine auf technischen Innovationen, wenngleich selbstverständlich Überlegungen zu zukunftsfähigen Mobilitätskonzepten einen zentralen Aspekt beinhalten. Schlussendlich geht es uns aber auch um Themen wie die der urbanen Stoffkreisläufe, gleich ob im Feld der Energie, der Ernährung, der Wasserwirtschaft oder des Klimas. Im „proklamierten Zeitalter des Anthropozän“ ist dies eine relevante Facette, wenn man sich seriös mit Zukunftsfragen der Stadtentwicklung im Grundsätzlichen auseinandersetzt.

Internationale Bauausstellungen, man denke an die wahrscheinlich prominenteste der letzten Jahrzehnte, die IBA Emscherpark zwischen Dortmund und Duisburg, waren immer auch wichtig für das Selbstbild einer Region. Wo kann die IBA-Heidelberg in die Region ausstrahlen?
Hier sprechen Sie eine zugebenermaßen komplizierte Ausgangslage an. Es ist unstrittig, dass wir Heidelberg als Teil der Metropolregion sehen und unsere Planungen im Kontext dieser Region entwickeln. Und dennoch waren es rein politisch administrative Gründe, die dazu führten, dass die IBA Heidelberg eine kommunale IBA ist. Unbeschadet dessen versuchen wir in Gesprächen mit Mannheim und anderen Orten in der Region, Satelliten der IBA auch außerhalb der Heidelberger Verwaltungsgrenzen zu platzieren.

Es gibt eine IBA in Basel, eine in Thüringen, in Stuttgart gibt es ernsthafte Anstrengungen für eine Internationale Bauausstellung. Hat man in Wiesbaden und Frankfurt, vor allem aber mit der von der Landespolitik in Wiesbaden durchkreuzten Internationalen Bauausstellung, eine einmalige Chance für das Rhein-Main-Gebiet leichtfertig verspielt?
Ich denke, da sollten Sie besser die in diesen Prozess Involvierten fragen. Eine IBA auf den Weg zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen. Es sind nicht nur die thematischen, fachlich determinierten Rahmenbedingungen, wie beispielsweise ein präzises Thema, die geklärt sein wollen, sondern ebenso die politischen. Ohne eine breite politische Unterstützung über Parteigrenzen hinweg kann eine IBA nicht zum Erfolg werden. Vor diesem Hintergrund müsste man Ihre Frage anders stellen: Was hindert die Politik, eine IBA zu initiieren?

Interview: Christian Thomas

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