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Die Columbine High School im amerikanischen Littleton, Colorado.
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Die Columbine High School im amerikanischen Littleton, Colorado.

Amoklauf in München

Das Privatleben meisterhaft verbergen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Der Attentäter von München hat ein Buch des Wissenschaftlers Peter Langman über jugendliche Amokläufer gelesen. Seit das bekannt wurde, ist das Buch in Deutschland kaum noch zu haben.

Der Attentäter von München, der 18-jährige David Ali S., hat eines der wichtigsten Bücher über jugendliche Amokläufer gelesen: Peter Langman, „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“. Das Buch ist, seit das bekannt wurde, in Deutschland kaum noch zu haben. Die englische Originalausgabe erschien 2010. Der Autor ist Psychologe in Allentown, Pennsylvania (USA). Sein Hauptforschungsgebiet sind Schulamokläufer. Seit am 30. April 1999, zehn Tage nachdem Eric Harris und Dylan Klebold Schüler und Lehrer der Columbine High School angegriffen hatten, ein 16-jähriger Junge in das psychiatrische Krankenhaus gebracht wurde, in dem Langman damals arbeitete, beschäftigt er sich mit ihnen. Der junge Mann galt als potentieller School Shooter und Langman sollte in einem Gutachten klären, wie groß die Gefahr war, die von ihm ausging.

Vergangenes Jahr veröffentlichte Peter Langman „School Shooters: Understanding High School, College, and Adult Perpetrators.“ Das Buch wurde noch nicht ins Deutsche übersetzt. Beide Bücher sind umfassende Studien nicht nur der über das Thema erschienenen Literatur, sondern sie berichten auch von Langmans „Patienten“. In seinem neuen Buch schreibt er, er wurde zu einem Erforscher der jugendlichen Massenmörder, um seinen Job als behandelnder und Gutachten schreibender Arzt so gut wie möglich zu machen. Langman ist in den USA eine Institution. Er wird nicht nur in vielen tödlichen Fällen zu Rate gezogen, sondern immer wieder auch von Regierungsstellen konsultiert, wenn es um Fragen der Früherkennung und Vorbeugung geht.

David Ali S. ist nicht der erste Täter, der Langmans „Amok im Kopf“ vor seiner Tat gelesen hat. Langman meint dazu, es gehöre geradezu zu den Charakteristika von School Shootern, dass sie sich mit der einschlägigen Literatur beschäftigen. Das unterscheide sie von vielen älteren Amokläufern. Peter Langmans Untersuchungen beschäftigen sich, das gibt der deutsche Titel „Amok im Kopf“ sehr gut wieder, mit der Psyche der Täter, mit dem Prozess, in dem sie sich auf die Tat vorbereiten und mit vielen der Indizien, an denen wir Außenstehenden erkennen können, dass sich etwas anbahnt.

Natürlich weiß auch Langman, dass nicht jeder, der seine Ego-Shooter-Auftritte mit „Amok“ und „Hass“ signiert – wie David Ali S. das tat –, sich eine Waffe organisiert und um sich ballert. Aber er warnt davor, solche Zeichen nicht ernst zu nehmen, sie ununtersucht zu lassen.

In seinem auch auf Deutsch erschienenen Buch – mir lag nur die englische Fassung vor – unterscheidet Langman zwischen psychopathischen, psychotischen und traumatisierten Schützen. Jeden dieser Typen stellt er in mehreren Fallgeschichten vor. Danach kommt ein Kapitel „Über die Typologie hinaus“. In dem weist er darauf hin, dass mit diesen Schemata nicht viel geholfen ist, wenn man vor einem wirklichen Menschen steht. Der kann in keine der Kategorien fallen oder auch in mehrere. Die Täter kommen aus fast allen Schichten, ihre Kindheiten waren sehr unterschiedlich. Die Taten aber gleichen sich zum Verwechseln.

In „Amok im Kopf“ hat er keine typenüberlappenden Täter aufgenommen. Die Quellenlage ist schwierig. Nicht nur, weil man über die meisten Fälle viel zu wenig weiß. Man weiß auch nicht, wem man trauen kann. Sagt der Täter, wenn er von traumatischen Erfahrungen berichtet, die Wahrheit? Oder hat er sich einen Roman ersonnen, in dem er zweimal die Hauptrolle spielt – zuerst als Opfer und dann als Täter? In vielen Fällen weiß man nicht einmal, ob die Täter ziellos oder gezielt geschossen haben. Manchmal differieren die Quellen selbst, was die Anzahl der Opfer angeht.

In seinem neuen Buch hält Langman an seiner Typologie fest, aber er schreibt auch: „Psychiatrische Diagnosen sind hochgradig subjektiv. Trotz medizinischer Fortschritte gibt es keine biologischen Test, die uns verraten, ob jemand schizophren, psychopathisch, traumatisiert oder depressiv ist. Gehirnmessungen, Bluttests, DNA-Analysen helfen nicht weiter.“ Vielleicht hängt die Betonung dieser Einsicht damit zusammen, dass er diesmal sich nicht auf eigene Diagnosen stützt, sondern in 46 Fallanalysen die anderer auswertet. Er warnt auch nachdrücklich davor, einzelne Indikatoren als Gewissheiten zu nehmen. So stammt ein Großteil der School Shooter aus Familien, die beim Militär sind. Viele von ihnen haben die eine oder die andere psychische Störung und waren auch deswegen in Behandlung. Aber von den Hunderttausenden, die beim Militär beschäftigt sind und denen, die einmal einen Psychologen aufgesucht haben, schießt nur ein winziger Bruchteil auf seine Mitschüler.

Das letzte Kapitel von „Amok im Kopf“ stellt die Frage: „Was kann getan werden, um School Shootings zu verhindern?“ Teenager, so sagt Langman, sind Meister darin, ihr Privatleben vor den Eltern zu verbergen. Eltern tun auch gut daran, ihnen immer größere Freiräume zu gewähren, aber, wenn man seinen Sohn mit einer Rohrbombe erwischt, dann sollte man dazu übergehen, sein Zimmer regelmäßig zu untersuchen und am besten den Freundeskreis noch gleich mit. Wenn Kinder ständig wütend sind und sich für Waffen interessiert, dann sollten Eltern nach Unterstützung durch Profis suchen. Wenn sie Bücher mit Bombenanleitungen konsultieren, sollten Eltern genauer hinsehen. Der Vater eines Attentäters erfüllte dem Sohn den Wunsch nach Feuerwaffen, weil er glaubte, ihn so an sich binden zu können. Jedenfalls sagte er das nachher. Wer entdeckt, so schreibt Langman, dass sein Kind Gewaltgeschichten oder Gewaltfantasien in sein Tagebuch schreibt, sollte – je nachdem – die Schule, einen Psychologen oder die Polizei alarmieren.

So geht es zehn Abschnitte lang weiter. Fazit: Es gibt nichts anderes als Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, seine Kinder ernst zu nehmen. Ihnen also nicht zu glauben. Sonst kann es Eltern ergehen, wie denen eines amerikanischen School Shooters, die die Polizei, nachdem sie den Jungen verhaftet hatten, tot in ihrem Haus fand. Eine der im ganzen Haus versteckten Sprengstoffladungen war gezündet worden.

Prävention bietet keinen hundertprozentigen Schutz. Dass viele Fälle noch rechtzeitig verhindert werden konnten, ist ein gutes und ein schlechtes Zeichen, meint Langman. Gut ist, dass die Täter nicht über Fantasien oder Probeläufe hinauskamen, schlecht ist, dass man langsam eine Ahnung bekommt davon, wie viele Jugendliche mit dem Gedanken spielen, zum Mörder zu werden.

Wir wissen nicht, was sie lesen in Peter Langmans Buch, wenn sie es denn lesen, aber sie lesen wahrscheinlich mit besonderem Interesse die Fallanalysen darin. Sie lesen – stelle ich mir vor – identifikatorisch. Mit heißen Ohren.

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