+

Update

Private Öffentlichkeit

  • schließen

Wann ist ein Text nur für Freunde bestimmt, wann für alle? Wann ist er sogar Literatur? Die Grenzen sind fließend

Früher war alles einfacher (grob vereinfachte Darstellung). Was man seinen Freunden mitteilte, war privat. Was man in die Zeitung hineinschrieb oder im Fernsehen sagte, war öffentlich. Dazwischen gab es nicht viel, abgesehen von ein paar Sonderfällen wie dem Nasebohren im Auto beim Warten an roten Ampeln. Mit dem Internet hat sich das geändert, zuerst im Usenet der 1980er Jahre, dann ab 2000 in Blogs, und schließlich auf breiter Front seit etwa zehn Jahren durch Facebook. Eine neues Zwischending ist entstanden, einerseits öffentlich sichtbar, andererseits oft wie ein privater Kommunikationskanal genutzt.

Das bringt immer wieder Missverständnisse, Vorwürfe und Konflikte mit sich. „Liebe Follower, sagt mir, was ich tun soll.“ So begann im April 2014 ein Facebookbeitrag von Arne Janning, in dem er von zahlreichen plagiierten Stellen in einem bei C.H. Beck erschienenen Sachbuch über Seeschlachten berichtete. Es dauerte keine 24 Stunden, bis die Frage in anderen Medien angekommen war. Mehrere Zeitungen berichteten, der Verlag nahm Stellung, kurze Zeit später erhielt Janning eine einstweilige Verfügung und musste den Facebookbeitrag löschen. Seine Formulierung „Dieses Buch ist vollständig aus Wikipedia-Einträgen zusammenkopiert“ war eine im Gespräch unter Freunden normale Übertreibung, als öffentliche Kritik aber nicht haltbar. Ob die Frage an die „lieben Follower“ strategisch und im Wissen um die Öffentlichkeit solch eines Beitrags gestellt wurde, oder ob der Autor sich bei Facebook aus alter Gewohnheit in einer privaten Gesprächsrunde glaubte, wird sich nicht mehr klären lassen.

Im Juni 2019 berichtete „Der Spiegel“ über die Bloggerin Marie Sophie Hingst, die in ihrem Blog über ihr Privatleben geschrieben hatte und dabei einen eher laxen Umgang mit den Fakten pflegte. Unter anderem gab sie sich als Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden aus. Einige Wochen nach dem Artikel nahm Hingst sich das Leben. Der „FAZ“-Redakteur Patrick Bahners äußerte sich daraufhin im August in einer Serie von Tweets zum Geschehen. Der „Spiegel“, schrieb Bahners, müsse sich fragen, „ob ein (großer) Artikel über Hingst wirklich nötig war. Die ‚preisgekrönte‘ autobiographische Bloggerin und Gelegenheitsautorin für Medien bewegte sich auf der Grenze von Privatsphäre und Öffentlichkeit.“ Hingst sei also quasi nicht satisfaktionsfähig.

Dafür gibt es gute Argumente, genau wie für das Gegenteil. Wenn ich einer Reportage oder einem Interview begegne, wie Hingst sie in der „Zeit“, der „FAZ“ und bei verschiedenen öffentlich-rechtlichen Radiosendern unterbringen konnte, möchte ich eigentlich kein Hintergrundwissen darüber benötigen, ob diese Beiträge von einer „Gelegenheitsautorin“ stammen und deshalb eventuell erfunden sein könnten.

In diesen Diskussionen sind alle Seiten gern bereit, sich die Rosinen aus dem Kuchen zu picken. Wenn es einem gerade in den Kram passt, ist ein Beitrag privat oder Literatur, jedenfalls unterliegt er keinen journalistischen Regeln. Wenn Öffentlichkeit der Autorin Vorteile bringt oder ihren Kritikerinnen die Arbeit erleichtert, war der betreffende Beitrag zweifelsfrei öffentlich. Dahinter steckt nicht unbedingt böser Wille. Sowohl von innen als auch von außen betrachtet ist der Punkt schwer zu benennen, an dem das gefühlt Private ins eindeutig Öffentliche umschlägt. Oft weiß man ja selbst gar nicht so genau, was man mit einem Projekt oder Beitrag eigentlich beabsichtigt. Oder ursprünglich mal beabsichtigt hat, zu einer Zeit, als die Zielgruppe noch der eigene Freundeskreis oder überhaupt niemand war.

Bahners schreibt über Hingst: „Ihre Legenden über ihre Familie wurden wohl hauptsächlich von Leuten rezipiert, die ein Interesse an erbaulichen Geschichten haben.“ Das hilft bei der Einordnung nicht weiter. Vom selben Interesse an erbaulichen Geschichten lebt auch das „Reportagen“-Magazin. Ein bisschen klingt hier an, dass es von diesen Leuten wohl nicht sehr viele gibt. Aber traditionelle Publikationen gelten nicht unbedingt als Privatangelegenheiten, nur weil sie in kleiner Auflage erscheinen.

Der Autor Clay Shirky äußerte 2012 in einem Interview, das Veröffentlichen sei früher schwierig und teuer gewesen. Inzwischen sei es aber kein Beruf mehr, sondern ein Knopf. Man drückt diesen Knopf, der Beitrag ist öffentlich, fertig. Für die technische Seite des Veröffentlichens mag das stimmen. Aber bei der Klärung der Frage, ob man einen Beitrag als eher öffentlich oder eher privat interpretieren soll, ist der gedrückte Veröffentlichungsknopf keine große Hilfe. Er setzt nur einen Mechanismus in Gang, der wie in der Kiste mit Schrödingers Katze einen unklaren Überlagerungszustand herbeiführt. Der im Netz veröffentlichte Beitrag ist so lange gleichzeitig öffentlich und privat, wie keine anderen Medienredaktionen kommen und nachsehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion