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Journalismus

"Presse besitzt keine lautstarke Lobby"

  • vonJoachim Frank
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Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht im Interview über die Zukunft des Journalismus im Zeitalter der Fake News.

Professor Pörksen, die Veränderung der Lesegewohnheiten im Zuge der Digitalisierung ist offenkundig. Aber halten Sie das für eine Erfolgsstory oder für eine Verfallsgeschichte?
Für beides. Wir leben in Zeiten eines ungeheuren Informationsreichtums, der sofortigen Verfügbarkeit von Texten und Büchern in gewaltiger Zahl. Das ist die gute Nachricht. Und wir leben in Zeiten der Informationsfragmentierung, des permanenten Bombardements mit kontextfrei präsentierten Datenschnipseln. Das heißt: Die aktuelle Veränderung hat ein Doppelgesicht. Sie ist schön und schrecklich.

Was bedeutet das für die Aufnahme und den Umgang mit Informationen, quantitativ wie qualitativ?
Quantitativ gilt ganz klar: Wir sind, einmal vernetzt, alle Teilnehmer eines Steigerungsspiels: Immer mehr Informationen erreichen uns immer direkter und immer schneller, rund um die Uhr. Qualitativ gilt: In der Aufmerksamkeitsökonomie muss fokussierte Aufmerksamkeit – im Sinne der vollkommenen Konzentration – heute erkämpft werden, weil die Kräfte der Ablenkung stärker werden. Die Normalform ist nicht die fokussierte, sondern die fluktuierende Aufmerksamkeit. Unser Interesse springt.

Gilt in der Flut der Nachrichten: Noch nie waren wir so umfassend informiert, noch nie wussten wir so wenig Bescheid?
Das würde ich nicht pauschal unterschreiben. Wer sich gezielt informieren will, wer sich nicht treiben lässt, sondern selbst mit Disziplin die eigene Frage verfolgt, der findet so viele Möglichkeiten wie nie. Das ist großartig, setzt aber voraus, dass man weiß, was man sucht. Die Gefahr ist aus meiner Sicht eine andere: Öffentlichkeit wird radikal personalisiert. 

Was ist damit gemeint?
Das bedeutet: Jeder kann sich in eine Wirklichkeitsblase und in sein persönliches Selbstbestätigungsmilieu hinein googeln – um dann einer Mehrheitsillusion zu erliegen und zu glauben: „Meine Ansichten sind gar nicht abseitig! Wir sind viele!“ Das ist der Echokammer-Effekt, der die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft verstärkt und auch die Vertreter abseitiger Ansichten mit enormem Selbstbewusstsein ausstattet.

Kann aus den Erfahrungen mit Fake News, Hate Speech und einer Regierung der „alternativen Fakten“ (Donald Trump) ein neues kritisches Bewusstsein entstehen?
Das geschieht bereits. Die Abo-Zahlen der „New York Times“ und der „Washington Post“ sind stark gestiegen, seit Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist. Das liegt einfach auch daran, dass viele Menschen in diesen Zeiten seriöse Informationsquellen unterstützen wollen – und dass sich ein neues Gespür für Qualität entwickelt. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass Trumps Anhänger ziemlich standhaft zu ihm halten. Das heißt: Einerseits entwickelt sich kritisches Bewusstsein, andererseits gibt es Teile seiner Wählerschaft, die jeden neuen Skandal schlichtweg ignorieren, ihm weiterhin zujubeln. 

Grundsätzlich gefragt: Vertrauen Sie auf die Selbstreinigungskräfte der Mediengesellschaft, oder braucht es ein stärkeres – wie auch immer geartetes – Reglement? 
Ich glaube, es braucht vor allem eines: Bildung. Wir erleben eine Medienrevolution, die in ihrer Wirkmacht ungefähr mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbar sein dürfte: Die gesamte Informationsarchitektur der Gesellschaft ändert sich. Jeder ist zum Sender geworden. Die Deutungsautorität der mächtigen „Gatekeeper-Medien“, die darüber entscheiden, was öffentlich wird und was nicht, geht zu Ende. Und darin steckt eine große, noch unverstandene Bildungsaufgabe, die sich nicht durch ein paar Medienkompetenzseminare lösen lässt. 

Sondern wie?
Jeder muss heute als selbstverantwortlicher Publizist agieren, das ist das Fernziel auf dem Weg zu einem zivilen Diskurs. Eben dazu braucht es aber, spätestens in der Schule, die Einübung des öffentlichen Sprechens. Und man muss sich damit befassen, was seriöse Quellen sind, wem man in der Kommunikation vertrauen kann – und wem eben nicht.

Wo liegen die Zukunftschancen der klassischen Medien?
Ich denke: Klassische Medien sind in der gegenwärtigen Situation und im allgemeinen Informationsgestöber idealerweise Instrumente der Abkühlung und der Aufklärung, der Mäßigung und des zweiten Gedankens. Sie können das Wettrennen im allgemeinen Geschwindigkeitswettbewerb gar nicht gewinnen, aber sehr wohl punkten, wenn es um Glaubwürdigkeit geht. Die seriöse geprüfte und entsprechend eingeordnete Nachricht – das ist die zentrale Zukunftschance.

Nach dem Wert der Zeitung gefragt, nennen viele Leser das Rascheln des Papiers, den Geruch der Druckerschwärze oder einfach das gute Gefühl, beim Lesen etwas in der Hand zu haben. Ist Nostalgie dem Image eines Mediums förderlich, das doch auch als zeitgemäß, innovativ, zukunftsgewandt wahrgenommen werden muss, um in der Konkurrenz zu bestehen?
Insbesondere für die Älteren ist der Geruch einer Zeitung und das Rascheln des Papiers womöglich noch immer eine Positiv-Erfahrung. Aber heute ist nicht das Blättern die dominante Geste, sondern die Wischbewegung über das Display von Smartphone und Tablet. Und natürlich ist auch die Zeitung längst im Netz und wird, einmal digitalisiert, in einzelne Artikel oder Sätze aufgesplittet, die dann in den sozialen Netzwerken kursieren, hier ihr Eigenleben entfalten. Das Medium Zeitung löst sich, so kann man sagen, allmählich von der gebündelten Form des Papier-Zeitalters. Aber es verschwindet nicht.

Wie sollten sich Redaktionen aufstellen, um Erfolg zu haben? 
Beobachtbar ist, dass Verlage und Redaktionen – gerade in Zeiten, in denen Anzeigen abwandern und soziale Netzwerke wie Facebook zunehmend als Nachrichtenkanäle genutzt werden – verstärkt auf Kooperationen setzen. Man erzeugt Synergien, nutzt die unterschiedlichen Kanäle – von der gedruckten Ausgabe über die Zeitungswebsite bis hin zum einzelnen Artikel, der digital auf den unterschiedlichsten Plattformen im Netz zirkuliert. Diese „Performance“ des Einzeltextes, wie es neudeutsch heißt, in den sozialen Netzwerken wird immer wichtiger. Die Frage lautet nun: Wie oft wird der einzelne Artikel dort geklickt, geteilt, kommentiert?

Wie ist die Spannung zwischen dem Bedürfnis nach journalistischer Arbeit und den schwächelnden Geschäftsmodellen der Zeitungsverlage auflösbar?
Das ist die Eine-Million-Euro-Frage des Qualitätsjournalismus: Wie lässt sich das eigene Angebot unter den neuen Bedingungen refinanzieren? Ich habe darauf keine Antwort. Aber ich will einen Weg skizzieren, denn es fehlt im Moment etwas Entscheidendes: gesellschaftliches Bewusstsein für die Bedeutung des Mediums Zeitung. Während die öffentlich-rechtlichen Sender – aus meiner Sicht zu Recht – von grundsätzlichen Sympathiebekundungen aus der Wissenschaft, den Gewerkschaften oder den Kirchen begleitet werden, besitzt die von Auflagen- und Anzeigenverlusten gebeutelte Presse keine lautstarke Lobby, die in ähnlich engagierter Weise für ihr Diskursmodell wirbt. Das sollte sich ändern.

Mehr Trommeln für die Zeitung! Was wünschen Sie uns Zeitungsmachern noch? 
Sie müssen die Grundfrage, wie Qualitätsjournalismus funktioniert, immer wieder zum Thema machen. Diese Transparenz nutzt uns allen – dem Publikum, das selbst medienmächtig geworden ist, und auch den Zeitungen, die in Zeiten der digitalen Revolution ihre besondere Leistung umfassender erklären sollten. Möglichst vielfältige, unterschiedliche und auch starke, ökonomisch robuste Medien sind für eine Demokratie von unverzichtbarem Wert.

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