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Verdrahtet.
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Verdrahtet.

Kunstvolle Provisorien

Das Potential alltäglicher Dinge

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Wie seltsam, dass Provisorien einen schlechten Ruf haben. Denn gibt es ein befriedigenderes Gefühl, als ein Problem mit simplen Mitteln gelöst zu haben?

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Die Rückenlehne des Drehstuhls ächzte bedrohlich, dann gab sie ruckartig nach. Draußen böllerten Silvesterraketen, während ich mit dem linken Fuß in der Luft ruderte, bis ich die rettende Stabilität einer zur Fußstütze umfunktionierten Bierkiste unter meiner Socke spürte, um mich schließlich mit Schwung aus der Schräglage in eine aufrechte Sitzposition zu wuchten. Ein rosafarbenes Leuchtfeuer glitt an unserem Fenster vorüber, es folgte ein ohrenbetäubender Knall. Ich zuckte nur leicht, doch der Schaumstoffkeil, den Frank aus einer alten Billigmatratze zurechtgeschnitzt hatte, bis er sich perfekt in den Hohlraum zwischen Po und Rückenlehne schmiegte, glitt zur Seite weg, das Stillkissen rutschte dabei von der Taille auf die Knie.

Sämtliche Provisorien verbannen

Zum Glück lag kein Kind drauf. Noch nicht. Die Platzierung auf unserem provisorisch gebastelten Stillthron erforderte allerhöchste Körperspannung und präzises Feintuning. Ein falsch belasteter Muskel reichte, um das fragile Gleichgewicht zu zerstören. Saß ich erst mal in der korrekten Position, konnte das Kind überreicht werden. Nur so, nicht anders, funktionierte es mit dem Stillen, das hatten wir in tage- und nächtelangen Versuchsreihen herausgefunden. Keine Ahnung, wie es andere Frauen ohne ein vergleichbares Möbel hinbekommen.

Während im glänzenden Schein des brandneuen Jahres weltweit Menschen euphorische Vorsätze fassten, etwa jenen, endlich klare Verhältnisse zu schaffen und sämtliche Provisorien aus ihrem Leben zu verbannen, während sie sich schworen, die Schraubzwingenlösung durch einen anständigen Tisch ohne Defekte zu ersetzen, die Fernbeziehung zu einer Ehe mit gemeinsamer Wohnung zu adeln oder die lang gehegten Jogging-Absichten durch den Erwerb eines perfektionierten Funktions-Outfits anzuschieben, dankte ich dem Schicksal für eine zusammengestümperte Sitzmöbel-Konstruktion, wie sie kein Möbelhaus dieser Welt jemals im Sortiment führen würde. Ich war froh über das, was ich hatte.

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Es funktionierte ja – wie erstaunlich vieles in meinem Leben, das ich bis dato stets für verbesserungswürdig gehalten hatte. Tatsächlich war es mir oft vorgekommen wie unser Besteckhalter, der nichts weiter war, als eine abgeschnittene Milchpackung. Doch was war eigentlich so schlecht daran? Erfüllte das halbierte Tetrapack mit den hinein gepieksten Ablauflöchern etwa nicht seinen Zweck?

Hätte mich kurz zuvor jemand gefragt, ob ich mit Provisorien lebe, dann hätte ich das übrigens vehement verneint. Den als Herausfallschutz vor unser Doppelbett gespannten Ikea-Vorhang, die Wickelauflage auf der Waschmaschine – ich nahm sie gar nicht wahr. Als ob sich Notlösungen in dem Moment, in dem man sich an sie gewöhnt hat (also fast sofort) wahrnehmungspsychologisch automatisch in Luft auflösten – oder in gesellschaftlich akzeptierte, vollwertige Gerätschaften verwandelten. Womöglich würde man sich auch nicht groß wundern, wenn plötzlich im Kaufhaus ein Regal mit einzelnen Damenpumps stünde, die als Türaufhalter verkauft würden – sofern man selbst einen solchen Schuh zu diesem Zweck im Einsatz hat. Bei uns war der unter der Zimmerdecke hängende Kochlöffel, der zur Verkürzung eines Lampenkabels diente, ein so selbstverständlicher Anblick, dass ich zuweilen kurz ins Schleudern kam, wenn ich ein ähnliches Modell irgendwo in einem Tomatensoßentopf sah.

Die perfekte Situation wird vielleicht nie eintreten

In jener Silvesternacht vor vier Jahren, in der ich statt Sektglas in der Hand einen Säugling im Arm hatte, und es statt hochfliegende Ziele zu verfolgen, einfach galt, den Moment und die kommenden Stunden zu meistern, dämmerte mir die Erkenntnis, dass die Akzeptanz des Provisoriums mehr ist, als nur eine Frage von Geschmack und Ästhetik. Es ist eine Frage der Haltung. Menschen, die mit Provisorien leben, sind nicht einfach bloß besonders erfinderisch. Sie sind in der Lage, sich mit Situationen zu arrangieren, die gemeinhin nicht als ideal gelten. Das Beste aus den ihnen gebotenen Möglichkeiten zu machen, weil sie Handlungsspielräume sehen, wo andere jammern, dass etwas nicht funktioniert. Provisoriumserfinder agieren, statt zu leiden, weil sie das Potential alltäglicher Dinge erkennen. Ein Eimer ist für sie nicht bloß ein Behälter, er kann auch als Sitzgelegenheit dienen, wenn man ihn umdreht. Menschen, die das realisiert haben, warten nicht auf besseres Wetter, den tolleren Partner, den attraktiveren Job. Der Konjunktiv ist für sie keine Option. Sie wissen, dass sie jetzt, genau in diesem Moment leben und die perfekte Situation womöglich nie eintreten wird.

Zufrieden begab ich mich in unsere Abstellkammer, um die nächsten drei Stunden ungestört auf Bananenkisten zu verbringen. Auch so eine Ersatzlösung, die sich schon bald als Eldorado entpuppt hatte. Wollten Frank oder ich unsere Ruhe haben, legte sich einer von uns auf eine Matratze, die auf einem Stapel mit Krempel gefüllter Pappkartons lag. Wer von uns beiden klug genug war, diesen Königsplatz früh genug für sich zu reservieren, hatte einen entscheidenden Teil der Nacht für sich. So lange jedenfalls, bis der Partner mit Augenringen im Gesicht und Bettdecke unter dem Arm um Ablösung bat.

Wie seltsam, dachte ich, während ich das Bücherpaket als Tritthilfe in Anspruch nahm, um auf den Kistenstapel zu klettern, dass Provisorien einen so schlechten Ruf haben. Gibt es etwa ein befriedigenderes Gefühl, als die allein besorgte Reparatur eines kaputten Gegenstandes mit simpelsten Mitteln? Oder die selbst entwickelte Strategie zur Lösung eines Problems mit nichts als dem Inhalt einer Handtasche? Wer je ein abgebrochenes Streichholz in das dritte Loch einer englischen Steckdose gefummelt hat, um sein Handy aufzuladen oder den Fön in Gang zu kriegen, weiß, was ich meine.

Das Leben ist so entspannter

Die meisten Provisorien entstehen aus einer spontanen Eingebung. Man verwendet Dinge, die zufällig gerade zur Hand sind. Mir fiel eine Freundin ein, die ihren Toaster mit einer Tomatenmarkdose repariert hatte. Der Griff, den man zum Toasten herunterdrücken muss, blieb nicht mehr unten – es sei denn, sie klemmte die kleine Dose hochkant darüber. Ein Freund hatte – nachdem er den Ofen vorgeheizt hatte, ohne daran zu denken, dass im Inneren eine Pfanne mit Deckel untergebracht war – den verschmorten Deckelgriff aus Kunststoff durch einen angeschraubten Sektkorken ersetzt. Abgesehen vom ökologischen Aspekt – macht es nicht unsagbar stolz, wenn man auch ohne Handwerksausbildung mit einem praktischen Problem selbst zurande kommt? Wenn man nicht alles gleich wegschmeißt, sondern auch das Versehrte gelten lässt?

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Provisorien sind womöglich nicht schön, doch sie sind naturgemäß individueller als industriell hergestellte Dinge. Das Leben mit ihnen ist entspannter. Schließlich stellen wir an sie nicht denselben Perfektionsanspruch wie an fertig Gekauftes. Wenn der Drahtkleiderbügel, der früher vielen Menschen als Autoantennenersatz diente, ständig nachjustiert werden musste, nahm man es hin. Bei einem teuren Industrieprodukt hätte man sich dagegen aufgeregt.

Als ich am nächsten Morgen auf die Straße ging, war mein Blick geschärft. Ich suchte das Zweckentfremdete, Unperfekte, Selbstgebastelte – und wurde sofort fündig: Direkt vor unserer Wohnungstür hatte jemand aus zwei hochgestellten Schubladen und einer Kordel eine Absperrung gebastelt. Ein drangefummelter Zettel sollte Parkplatzsuchende von einem geplanten Umzug informieren.

Provisorien sind das Gegenteil der Norm

Nur wenige Meter weiter hatte jemand eine Bodylotion-Flasche unter einen heruntergelassenen Rollladen geklemmt, um etwas Licht ins Zimmer zu lassen. Vermutlich war der Rollladen-Gurt gerissen. Dann sah ich ein gelbes Klebeband, das an einer Hauswand haftete. „Fahrräder bitte vorübergehend nicht hier abstellen“ hatte einer mit Edding darauf geschrieben. Was für ein rührendes Paradox! Offenbar wollte der Schreiber nicht als verbiesterter Hausmeister wahrgenommen werden, sondern als Mensch. Kein gekauftes Verbotsschild der Welt hätte diesen Zwiespalt auf vergleichbare Weise artikulieren können.

Provisorien sind das Gegenteil der Norm. Sie erinnern uns daran, dass der Mensch in der Lage ist, eigenständig zu denken und jenseits von Standardlösungen zu handeln. Wir brauchen mehr davon.

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