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Die Facebook-Nutzung nimmt weltweit ab.
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Die Facebook-Nutzung nimmt weltweit ab.

Update

Post-Facebook

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Schon jetzt nutzen immer weniger junge Menschen die Plattform. Was passiert mit den Daten, wenn sie verschwindet?

Im Jahr 2007 meldete ich mich bei Facebook an, erst mal, ohne etwas hineinzuschreiben. Ein Jahr später hatte ich 11 Facebookfreunde. 2010 fand ich es „mehr als genug“, einmal täglich hineinzuschauen, es passiere ja doch „nur langweiliges Zeug“ dort. Etwa ab 2011 nutzte ich die Plattform intensiv, und auch berufliche Vorgänge verlagerten sich zunehmend dorthin. Im Laufe des Jahres 2014 scheint mein Interesse nachgelassen zu haben. Im Mai 2015 schloss ich das Facebook-Tab im Browser, das dort jahrelang geöffnet geblieben war. „Meine Facebook-nutzung im Browser nimmt pro Tag vielleicht noch fünf Minuten in Anspruch“, berichtete ich im Techniktagebuch-Blog. „Am Handy ist es etwas mehr, aber auch nicht viel.“ 2017 löschte ich die Facebook-App vom Handy.

So wie mir ging es auch anderen: Die Facebook-Nutzung nimmt weltweit ab. Vor allem die Unter-35-Jährigen verlassen die Plattform oder haben sich dort gar nicht erst angemeldet. Das nachlassende Interesse ist bisher nicht fatal, die Konkurrenzangebote Instagram und WhatsApp gehören ebenfalls Facebook, der Konzern macht weiterhin Milliardengewinne. Sicher ist es mit Facebook nicht übermorgen oder nächstes Jahr aus.

Aber eines Tages wird es so weit sein, und was dann? Was geschieht mit den riesigen Text- und Bildmengen, die wir dort abgelegt haben? Von dieser Frage handelt ein im August veröffentlichtes Paper von Carl Öhman und Nikita Aggarwal: „What if Facebook goes down? Ethical and legal considerations for the demise of big tech“ („Wenn Facebook abgewickelt wird: Ethische und rechtliche Überlegungen zum Ende großer Plattformen“). Öhman und Aggarwal erörtern die Folgen einer möglichen Schließung für verschiedene Gruppen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Das sind zum einen die Nutzerinnen und Nutzer aus Ländern, in denen Facebook de facto gleichbedeutend mit dem Internet ist. Facebooks „Free Basics“-App versorgt 100 Millionen Menschen, die ansonsten keinen Zugang zum Netz hätten. Eine weitere Gruppe, die Anlass zur Sorge hat, sind Einzelpersonen, deren Daten zusammen mit den Resten der Plattform weiterverkauft würden. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass man nach einem solchen Weiterverkauf kaum mehr Einfluss auf die Verwendung der Daten nehmen kann. Nicht zuletzt würden unter dem Ende Facebooks kommende Generationen leiden: Auch wenn die individuellen Fotos und Nachrichten für die Forschung von geringem Wert sind, ist die Gesamtmenge der Lebensäußerungen bei Facebook ein wertvolles Archiv. Es ist gleichzeitig die bislang größte und die internationalste Sammlung dieser Art.

Dass aus den Anfangszeiten neuer Medien wenig aufbewahrt wird, ist normal. Frühe Bücher, frühe Filme, frühe Radiosendungen, frühe Fernsehsendungen sind zu großen Teilen verloren. Das neue Medium gilt als unseriös und nicht besonders erhaltungswürdig. Die vorhandenen Archivierungseinrichtungen sind technisch nicht darauf vorbereitet. Das Material ist oft noch schlecht, weil man zu wenig über seine Haltbarkeit weiß. Sicherheitskopien sind teuer. Fehlende Standards führen dazu, dass neuere Geräte die alten Speichermedien und Dateiformate nicht mehr lesen können. Diese Probleme werden nach ein paar Jahren gelöst, aber an ihre Stelle treten neue Schwierigkeiten.

Bei Internet-Archiven ist das zum einen das Problem der Durchsuchbarkeit, wie man es seit einigen Jahren am Schicksal des Usenet-Archivs beobachten kann. Usenet war das wichtigste internationale soziale Netzwerk der 80er und frühen 90er Jahre, im Guten wie im Schlechten Facebook nicht unähnlich. Der Informatiker Gene Spafford beschrieb es 1992 als „eine Herde Zirkuselefanten mit Durchfall. Riesengroß, kaum zu lenken, ehrfurchtgebietend, unterhaltsam, und in den unerwartetsten Momenten kommen unfassbare Mengen Mist raus.“ Was dort geschrieben wurde, ist zwar an verschiedenen Orten im Netz archiviert, aber derzeit nirgendwo einfach durchsuchbar und damit fast so gründlich verloren, als wäre es gelöscht.

Rechtliche Fragen sind eine zweite Herausforderung. Öhman und Aggarwal schlagen vor, das Facebook-Archiv als digitales Weltkulturerbe zu schützen, um so den Konzern zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Überresten der Plattform zu motivieren. Ein großer Teil der bei Facebook veröffentlichten Lebensäußerungen ist aber eben nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für ausgewählte Personen sichtbar. Das lässt sich in einer Archiv-Version nicht beibehalten.

Aber das sind Probleme, um die sich unsere Nachfahren kümmern können. Unsere Aufgabe ist es erst mal nur, das Facebook-Archiv in irgendeiner Form zu erhalten. Ob es Elefantenmist enthält oder nicht, ist dafür gar nicht relevant. In Büchern aus dem 15. Jahrhundert steht schließlich auch ziemlich viel Unfug.

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