+
Harte Arbeit auf dem Land: Spur um Spur den Boden lockern. 

Portugal

Frauen am Rand von Europa

  • schließen

Ehrenwerte, wenngleich prekäre Existenzen an der westlichen Peripherie Europas. 

Ohne Maschinenpark. Ein Acker bei Moledo, einer Landgemeinde der Região do Norte in Portugal. Nicht weit zum Grenzfluss nach Spanien, dem Rio Minho. Der Boden gut gelockert, mit der Egge glatt gezogen, vorbereitet zur Aussaat. Hinter einer niedrigen Bruchsteinmauer am Feldrain ein Esel am Halfterstrick. Stoisch beäugt er den Reisenden, den die archaische Szene veranlasst hat, einzuhalten. Neben dem Esel ein Bündel, in blauem Tuch verknotet, vielleicht eine Brotzeit für die Feldarbeit. Daneben ein Sack mit Saatgut. Es ist Zeit zur Maiseinsaat.

Die Ackerfläche ist klein, durch aufragende Grenzsteine unterteilt. Zeichen der Flurteilung, die – wie in den Landschaften Galiciens auch –, Minifundien hervorgebracht hat, kleine und kleinste Ackerparzellen, die – geprägt durch Geländeformation, Bruchsteinmauern, Abböschungen und Versätze – eine moderne, eine großflächige Bewirtschaftung mit Landmaschinen unmöglich machen. Der Reisende erinnert sich an Passagen in Galicien: schmale, terrassierte Parzellen über dem Atlantik, auf denen beim Heumachen die Sense geschwungen wurde, Maisschläge, gerade acht Furchen breit, Kartoffeläcker, auf denen die Ernte der Kleinbauern mit der Hacke in der Hand eingebracht wurde.

Obgleich der romantische Dichter Tomás Ribeiro Portugal euphorisch als den „Garten Europas am Saum des Atlantiks“ bezeichnete, gehört die Região do Norte zu den Peripherien Europas, deren Entwicklung zurückhängt. 2016 lag das regionale BIP je Einwohner, ausgedrückt in Kaufkraftstandards, bei 64,74 Prozent des EU-Durchschnitts, 2018 bei 65,27 Prozent – vergleichbar den westlichen Regionen von Wales.

José Riço Direitinho spricht in seinem Roman „Brevier der schlechten Gewohnheiten“ (1997), der das ländliche Leben der Region Minho – auch in dessen mythischen Geheimnissen – beschreibt, nicht von Äckern, sondern von schmalen Feldstücken, von Wegen „quer durch die von Rebenspalieren gesäumten Maisschläge und Kartoffelstreifen“. Die Saatzeit war da, heißt es bei Direitinho, es galt, Furchen zu ziehen. Die handwerkliche, unmittelbare Form der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ist es, die den Reisenden staunen lässt.

Der Maisschlag, der an die Landstraße zum Weiler Castanheiro grenzt, ist bis zur Mitte zwischen den Grenzsteinen mit regelmäßigen Furchen liniert, an deren Fortschreibung eine aufrechte Gestalt arbeitet. Sie könnte den schwarzweißen Fotozyklen von Artur Pastor, dem August Sander der Fotografie Portugals, aus den 1940er und 1950er Jahren entsprungen sein. Ruhig, mit Geduld und Konzentration schiebt eine Bäuerin ein pflugartiges Gerät vor sich her, eine kleine, einreihige Drillmaschine, eine Sämaschine, die sie über das vordere Metallrad schiebt, die Furche zur Einsaat herstellt und aus dem Behälter darüber das Saatgut abgibt. Seitlich, an der Basis der Drillmaschine, zieht eine Art Abstandshalter einen Sporn durch die Erde – der die Spur der vorhergehenden Furche aufnimmt, die Parallele sichert, die Schraffur nicht verlorengehen lässt.

Die Frau trägt ein Kopftuch, das sie gegen die Sonne schützt, einen mit Karos gemusterten, ärmellosen Arbeitskittel, darunter einen roten Pullover, die Ärmel zu den Ellbogen hinaufgeschoben, Gummistiefel. In Artur Pastors Fotoserien, die ethnographische Studien sind, etwa in seiner Serie „Portugal Rural“, wird gerade diese anstrengende Arbeit der Einsaat noch von einem Paar geleistet. Vorn zieht die Bäuerin die Drillmaschine an einem Seil, in Zugrichtung gebeugt, von einem Strohhut beschirmt, hinten schiebt der Bauer nach Kräften und hält das Gerät in der Spur. Jetzt, siebzig, achtzig Jahre später, leistet die Frau die gleiche Arbeit allein. Gleiche Lebensverhältnisse, ein europäisches Mantra?

Inzwischen am Ende des Schlages angelangt, hat sie den Reisenden bemerkt, der grüßend die Hand hebt. Sie grüßt vom Ende der Furche zurück, hebt das Gerät auf die nächste Spur, und setzt, autonom, wie sie ist, ihre Arbeit fort, ruhig, mit Geduld und Konzentration. Der Reisende denkt darüber nach, dass diese ehrenwerte Form der Bewirtschaftung den Direktiven der europäischen Landwirtschaftspolitik, den aktuellen Debatten um eine großmaschinengestützte, chemiebewehrte Landwirtschaft mit deren unabsehbaren Folgen für Artenvielfalt, Landschaftsgestalt und Belastung für das Grundwasser so vollkommen entgegensteht.

Hier sind Landschaftsgestalt, Bewirtschaftung und Landschaftspflege Ausdruck einer regionalen Identität, so, wie sie durch die Frau auf dem Feld verkörpert wird. Der Selbstversorgung verpflichtet, behutsam, umsichtig, nachhaltig. So sparsam, dass „die im vergangenen Monat abgeschnittenen Rebentriebe“ zum „Entfachen der Herdfeuer“ eingesammelt werden.

Dass die Methoden der Bestellung über die Zeiten unverändert geblieben sind, dass sie von einer Frau allein ohne Maschinenpark und GPS bewältigt werden können, wenngleich die Vielzahl der angebauten Produkte – Mais, Kartoffeln, Roggen, Wein, Futterpflanzen, dazu gelegentlich Bohnen, Artischocken, Gemüsezwiebeln etc. – der Erzeugung von Überschüssen für den Markt eher abträglich sein dürfte, spricht für ein Leben in Einklang mit dem Land, das durch die Härte der Arbeit bezahlt wird. Später im Jahr würde die Frau vielleicht mit geschulterter Jäthacke zurückkommen, mit dem Aufwuchs des Maises würden sie womöglich – wie in Direitinhos Roman, der zwischen den 1940er und 1960er Jahren spielt – „vor den Maisschlägen und am Ufer des Flusses mit ihren Hunden auf Wacht sitzen, um die Wildschweine fernzuhalten“. Sie führt eine bedrängte Existenz, die von der EU-Förderpolitik benachteiligt wird.

Mehrjahreshaushalt. Wie es um die Zukunft der europäischen Peripherien bestellt ist, hatte man vor einem Jahr dem Entwurf für den nächsten Mehrjahreshaushalt der EU entnehmen können, den Haushaltskommissar Oettinger vorlegte. Darin war als Ziel von Einsparungen und Umschichtungen rasch ausgemacht, dass die Hilfen für Landwirtschaft, Fischerei und strukturschwache Regionen beträchtlich gekürzt werden sollten. Inzwischen hat der Kommissar für Agrarpolitik, Phil Hogan, nach kontroversen Haushaltsdebatten erklärt, zugunsten der Kleinbauern nachsteuern zu wollen: „Wir erhöhen die finanzielle Unterstützung für kleine und mittelgroße Höfe. So wollen wir den Fortbestand sichern – und damit auch die Attraktivität des Lebens auf dem Land. Ohne Bauern verliert der ländliche Raum an Lebensqualität. Daher leiten wir Geld von großen landwirtschaftlichen Betrieben um in kleinere Höfe.“ (FR vom 18. Januar 2019.)

Leben vom Meer. Ähnlich angespannt ist die Lage der kleinen Fischer Portugals. Siebzig Kilometer weiter nach Süden, in der Metropolregion Portos, hat ein Bootsführer die Klippen der Côjo-Felsen vor der Fischersiedlung Vila Chã angesteuert, eine flache Felsformation, die weit über den Strand hinausgreift. Das offene Boot dreht mit dem Heck aus der Brandung in ruhigeres Fahrwasser. Ein zweiter Fischer in hüfthohen Watstiefeln stemmt sich am Flutsaum gegen den Sand und erwartet das Boot, dessen Außenborder hochgeklappt wird. Ein Stahlseil in der Hinterhand, von der Basismauer der Fischersiedlung herabgezogen, tastet er nach dem Stropp am Heck, klinkt das Seil ein, gibt Handzeichen zum hundert Meter entfernten Winschenhaus.

Dort oben steht eine Frau. So präsent in der Front der Hütten, dass sie dem Reisenden unmissverständlich als „Comandante“ erscheint. „Perigo – Guincho em Movimento“, steht auf einem Warnschild neben ihr, Gefahr, wenn die Seilwinde läuft.

In der Linken eine Zigarette, deren Asche sie lässig wegschnippt, legt die „Comandante“ mit der Rechten den langen Eisenhebel um, gibt die Kraft der Winde dosiert frei. Die Frau, die die Technik beherrscht – ein Bild wie aus dem sozialistischen Realismus. Langsam wird das Seil, durch stählerne Umlenkrollen vor der Basismauer geführt, eingeholt. Wie von Geisterhand gezogen gleitet das ferne Boot auf der Schräge des Strandes hinauf, von den Männern, die nur noch Assistenten sind, im Gleichgewicht gehalten. Vor dem gedrungenen Rot-Weiß der Leuchtbake am Largo dos Pescadores, dem Platz der Fischer, kommt es zum Stehen.

Die Szene hat etwas von den Beschreibungen in Raul Brandãos historischem Roman „Die Fischer“ (2001), der um 1920 an der Küste Portugals entlangwanderte, um das Alltagsleben der Fischer zu beschreiben. „Die Frau aus Póvoa“, steht dort, „ist genau genommen ein Mann.“ Diese Art von Kühnheit wird der Reisende auch der „Comandante“ ohne weiteres zutrauen. Die Frauen aus Póvoa, dem zehn Kilometer entfernten Póvoa de Varzim, so Brandão, seien „schon einmal in die Barkassen gesprungen und haben die Männer gezwungen, dem Sturm die Stirn zu bieten. Entweder die Männer oder sie“. Auch nach dem Fang, stellte Brandão fest, „bleibt alle Arbeit den Frauen, die den Lampentran herstellen, sich um die Kinder kümmern, Netze knüpfen, sie waschen und flicken und über die Straßen ziehen, um Fisch zu verkaufen.“ Bis hinauf nach Porto, wo sie noch heute in den Straßen zu sehen sind.

Zehn Boote liegen vor der Front von Vila Chã. Von der Brandungslinie weit genug entfernt, werden die Boote vor der Wucht des Atlantiks gesichert. Der bescheidene Fang, in Kisten verpackt, wird entladen. Jahrzehntelanger Raubbau hat die Fischerei in Portugal zu einem prekären Gewerbe werden lassen. Dabei ist die Überfischung gerade nicht diesen kleinen Gemeinden mit ihren bescheidenen Flotten anzulasten. Auch diese ehrenwerte Form der Bewirtschaftung des Meeres steht – bei der Aushandlung von Quoten – den Direktiven der europäischen Politik, den aktuellen Debatten um eine fabrikmäßige Zucht von Lachs, Dorsch und Heilbutt in den käfiggestützten, chemiegrundierten Aquafarmen an den Atlantikküsten entgegen.

Dem Reisenden kommt in den Sinn, dass die regionale Wirtschaftspolitik Portugals mit den Jahren einen „dritten Weg“ erprobt, der sich von den Austeritätszielen der Zentren der hegemonialen Mächte in Politik, Wirtschaft und Kultur zu unterscheiden sucht, der die Steigerung der Beschäftigung an der Küste sichert „und den territorialen Zusammenhalt in den von der Fischerei und der Aquakultur abhängigen Regionen“ fördert.

Mit beiden Beinen in Leggings. Die Rolle der Frauen hat sich seit Brandãos ethnografischen Studien verändert. Die „Comandante“ von heute steht – ganz: stolze Erscheinung – ganz: präsent, fest, sturmerprobt. Ihrer selbst bewusst, mit goldenen Ringen an beiden Händen, violett lackierten Nägeln, trägt sie ein Gliederarmband zu ihrem schwarzen, asymmetrisch geschnittenen, seitlich geknöpften Cardigan mit violettem Seitenteil und aufgesetzten Taschen. Dazu nicht etwa Ölzeughosen wie die Männer, sondern: Leggings. Sie wirft einen prüfenden Blick auf die Armaturen, schaltet die Anlage zurück, geht hinüber zum Platz, zum Feldlager mit den Netzen, Fangkörben, Tauwerkbündeln und Netzbojen vor den Fischerhäusern. Am äußersten Westrand Europas.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion