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„Das Volk darf keinen Pakt der Sprache und Identität mit der Herrschaft eingehen“, schreibt Sami Berdugo.

Populismus in Israel

Israel: Der zynische Missbrauch des Instruments Populismus

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Auch wenn der Premier mit uns ein Bier trinkt, bleibt er der Premier. Der israelische Autor Sami Berdugo warnt vor dem Zerfließen der Grenze zwischen Wählern und Politikern.

Noch nie im Leben habe ich daran gedacht, eines Tages erblinden zu wollen. Nichts mehr zu sehen. Und auch nichts mehr zu hören. Richtig, das sind nur Worte. Und doch, da ich sie niederschreibe, verbirgt sich in ihnen sehr wohl ein Gefühl und Bestreben, sich abzuschotten und zu verschließen, aus dem Ort und der Zeit zu verschwinden, die ich begleite, sie nicht mehr zu sehen und ihnen nicht mehr lauschen zu müssen. Aber nicht meinetwegen. Ich kann mir nicht die Schuld geben für den Wunsch, sich all dem zu entziehen, was in meinem Land vor sich geht und was sich mir an anderen Orten auf der Welt offenbart.

Menschliche Empfindung - die Güte der Menschen zueinander

Immer habe ich gehofft, mich als Teil eines Volkes fühlen zu können, einer in der großen Masse zu sein. Egal welcher Art, israelisch oder jüdisch, arabisch oder europäisch, ja sogar amerikanisch. Das mittellose Elternhaus, in dem ich aufwuchs, mit meinem an seiner Emigration leidenden Vater und meiner des Lesens und Schreibens unkundigen Mutter, löste bei mir das Bestreben aus, in einer Menge aufgehen zu wollen, egal welcher. Ich glaubte und spürte, dass die meisten um mich herum sich nicht von mir unterschieden, und auch wenn es zwischen uns Unterschiede geben mochte, so gehörten wir doch nach allem zum Volk, waren eine Gruppe, die sich durch ihre Volkstümlichkeit und Schlichtheit auszeichnete, und durch unsere Loyalität untereinander. Durch die grundlegendste Verbindung zwischenmenschlicher Beziehungen entstand eine plebejische Solidarität, und ich konnte nicht anders als denken, dass dergestalt auch Humanität erwuchs – die Güte des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen als Menschen.

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Früher hat die Mehrheit aller Bürger in Israel wohl so empfunden, ebenso wie die Bewohner anderer Staaten in Mitteleuropa und auch in Amerika. Ungeachtet ihrer Probleme und Auseinandersetzungen, die es ja gab, waren damals Solidarität und Mitgefühl zu spüren, die einzig und allein aus der Sprache der Menge und ihrem Verhalten erwuchsen. Sogar meine Mutter, vollkommen ungebildet und klug auf ihre unvergleichlich intelligente Weise, war der Überzeugung, dass mein Bruder und ich in einem Umfeld aufwuchsen, das sich uns gegenüber nicht überheblich zeigte, vor allem aber in einer Gesellschaft, die unsere wirtschaftliche, soziale und kulturelle Schwäche nicht zu unserem Nachteil ausnutzte.

Der Autor

Sami Berdugo, 1970 als Sohn marokkanischer Einwanderer in Israel geboren, lehrt Kreatives Schreiben an der Universität Tel Aviv und ist unter anderem der Autor des Romans „An Ongoing Tale Upon Land“.

Doch jetzt zerbricht all dies. Jeder neue Tag bringt seine populistische Botschaft mit sich, bis ich die Augen bedecken und meine Ohren verschließen möchte. Richtig, schon immer sind Regime und Herrscher in Erscheinung getreten, die versuchten, sich bei den Massen beliebt zu machen, sie glauben zu lassen, man sei für jeden Einzelnen da und habe nichts als das Wohl der Gesamtheit im Sinn. Aber auch, als ich studierte und über diese Regime und ihre Vertreter las, stellte ich sie mir als Clowns, als Narren vor, die selber wussten, dass sie mit der Menge nur spaßten und sich in Wirklichkeit nie mit ihr vermischen, nie ihre Zuneigung gewinnen würden. Vor ungefähr dreißig Jahren waren das spannende, ja sogar ein wenig amüsante Erkenntnisse.

Gesellschaftspolitische, ökonomische und kulturelle Parolen

Als der Populismus geboren wurde, hielt er Abstand zu Menschen, die einer Gemeinschaft, einem Staat oder Ort angehörten. Der Populismus überschritt bewusst die Linie ins Innere der Öffentlichkeit nicht. Die Welten, in denen sich das israelische Volk und seine Machthaber bewegten, oder jeder andere Herrscher auf der Welt, waren zwei vollkommen voneinander getrennte, verschiedene. Daher nahmen wir auch die Sympathiebekundungen nie wirklich ernst, die die herrschende Klasse in ihrem Eigenlob verbreitete. Gesellschaftspolitische, ökonomische und kulturelle Parolen blieben in der Luft hängen und lösten sich schon bald in Wohlgefallen auf. Wir, die Volksmasse, machten uns weder die heuchlerischen Reden zu eigen noch den pathetischen Versuch der Herrschenden, zu sprechen wie wir, unsere Sprache zu verwenden. Womit sie kläglich scheiterten. In jenen Tagen funktionierte der Populismus noch nicht. Er blieb ein kurioses Randphänomen, sehr wenig beeindruckend und bestimmt nicht bedrohlich.

Heute haben sich die Dinge verschoben. Die Bewusstseinsgrenze zwischen den Regierenden und ihren Untertanen ist aufgelöst, und als Resultat daraus greift der Niedergang des moralischen Urteilsvermögens der Massen immer weiter um sich. Die Masse ist in zunehmendem Maße blind für das, was geschieht, und achtet nicht mehr darauf, in welcher Weise ein Regierungschef oder Staatspräsident zu ihr spricht. Was ist mit uns geschehen, dass wir uns derart vom wohlfeilen Gerede der Herrschenden umgarnen lassen? Wie kann es sein, dass die Öffentlichkeit – der populus – sich großzügig die trivialen Sentenzen ihrer Führer zu eigen macht? Was hat die Veränderung und den folgenden Erdrutsch ausgelöst?

Der Unterschied zwischen dem Präsidenten und jemandem im mittleren Westen

Bei den deutsch-israelischen Literaturtagen in Berlin wird er als Romancier und Mitdiskutant zu Gast sein. Das Motto der Tage vom 4. bis 8. September ist mit Blick auf den weltweiten Populismus in diesem Jahr „Lauter, immer lauter?“ Zur Eröffnung heute Abend im Deutschen Theater sprechen Berdugo und der Schriftsteller Franzobel über die Frage der oft zitierten gespaltenen Gesellschaft. Aber waren wir denn jemals vereint? Wer lebt in welcher Welt und welche Verbindungspunkte gibt es?

Den hier abgedruckten Text präsentieren wir mit freundlicher Genehmigung des Goethe-Instituts und der Heinrich-Böll-Stiftung. Bereits in der Samstagsausgabe hatten wir einen Beitrag des Festivalgastes Dov Alfon präsentiert.

Denn jeder Führer und Herrschende, so anständig und gut er auch den Bürgern gegenüber auftreten mag, trägt immer ein Grundmaß an Arroganz und Elitismus in sich. Das entspricht seiner Natur. Der amerikanische Präsident wird nie in der gleichen Position sein wie jemand, der im Mittleren Westen der USA lebt. Ganz egal wie sehr er sich auch einer ungeschlachten Alltagssprache bedient, spaßt und spottet über historische Ideen wie Brüderlichkeit und Gleichheit (da seiner Meinung nach ein Amerikaner aus dem Bundesstaat Iowa so denkt), werden alle Versuche des Herrschers, sich zu verhalten wie das Volk und in seiner Sprache zu sprechen, ihn doch niemals zu einem Teil des Volkes werden lassen. 

Doch etwas an diesem Grundsatz ist dem Volk offenbar in Vergessenheit geraten. Die institutionalisierte, medialisierte Gehirnwäsche verleitet die Masse, die Geschichte auszublenden, die zu allen Zeiten die wichtige Kluft zwischen dem Untertan und seinem König, Kanzler oder Präsidenten betont hat. Heute sagt sich der einfache Mann, sein Präsident oder Premierminister sei im Grunde ja fast wie er. Zumal und vor allem er ja auch genauso redet wie man selbst. Und die Medien führen uns dieses „volkstümliche“ Gebaren rund um die Uhr vor: Der Ministerpräsident trinkt Bier aus der Flasche, twittert, tritt gegen einen Fußball und füttert einen Hund. Er spielt die Rolle des „einfachen Mannes“ und weiß mit großer Bauernschläue, dass das Volk die „Figur“ und den „Bund“ zwischen ihm und seinen Untergebenen erkennt und begreift.

Der zynische Missbrauch des Instruments Populismus

Und genau hier, in dieser fiktiven Kongruenz zwischen Herrschendem und Beherrschten, beginnt der zynische Missbrauch des Instruments Populismus, das so fatal und schrecklich wirkt, weil es nicht einmal der Demagogie bedarf. Ich laufe durch die Straßen, höre Nachrichten und lese Zeitungen, schaue mir aktuelle Berichterstattungen an, lausche Passanten auf der Straße, rede mit Verwandten – und stelle fest, wie tief der Populismus schon in uns eingedrungen ist. Wir freuen uns regelrecht, dass die Grenze zwischen uns und der politischen Führung unseres Landes aufgehoben ist. Und daher ist alles erlaubt. Der Einzelne erkennt schon keine Autorität mehr an, die seine Äußerungen oder Ansichten in Zweifel zieht oder gar sein Verhalten. Denn genauso halten es ja auch die Vertreter der Macht. Die Ironie liegt darin, dass wir meinen, genauso funktioniere Demokratie, ein Vorwand für alle, und dass wir uns in einer Zeit reinster Aufgeklärtheit befänden. Aber so ist es nicht, denn wenn die Herrschaft verschlagen agiert und die eigenen Bürger missbräuchlich blendet, vollzieht sich eine „sanfte Diktatur“, die man weder sieht noch hört.

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Von daher darf man nicht müde werden, laut auszurufen: Das Volk darf keinen Pakt der Sprache und Identität mit der Herrschaft eingehen! Die Öffentlichkeit muss ihre wertvollen Demarkationslinien halten und die politische Führung „ausgrenzen“. Soll sie doch in ihren eigenen Kreisen bleiben. Nur so, mit wachem Auge und scharfem Gehör, wird die Masse imstande sein, die Regierung in allen Bereichen zu kontrollieren und zu kritisieren. Nur so wird die Masse jede populistische Zuwendung und Schmeichelei abwehren und wieder die ehrenvolle Stellung des „einfachen Volkes“ einnehmen, die ihr zusteht.

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke.

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