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September 1939: Die polnische Kavallerie versucht, sich der Wehrmacht entgegenzustellen.

Zweiter Weltkrieg

Polen und der Zweite Weltkrieg: Die stets bedrohte Bastion

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Gedenken als politische Waffe: Polen begeht den 1. September im Schatten einer zunehmend nationalistischen Geschichtspolitik.

Am 1. September wird in Polen des Beginns des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren gedacht. Das runde Datum ist im Land an der Weichsel indes alles andere als ein Fest der innerpolnischen Einheit. Denn die Erinnerung an das im Herbst 1939 begonnene Leid mit seinen in den barbarischen Folgejahren fast sechs Millionen Todesopfern spielt vor allem einer Partei in die Hände: der regierenden Recht und Gerechtigkeit (PiS).

„Gedenkfeiern nutzen jedem, der gerade regiert, doch ich unterstreiche, dass wir diese Tatsache nicht ausnutzen wollen. Wir sollten das stärken, das ich als moralisches Kapital bezeichne“, konstatierte jüngst und überaus zutreffend Vize-Kulturminister Jaroslaw Sellin (PiS). Ein im internationalen Schweinwerferlicht mit dem Leitmotiv „Erinnerung und Warnung“ veranstaltetes Gedenken an den Beginn der wohl tragischsten Zeit in Polens Geschichte ist – zumal vor den am 13. Oktober anstehenden Parlamentswahlen – für die PiS ein nicht unwillkommener Anlass, nicht nur moralisches Kapital zu bilden.

Für die polnische Regierung hilfreich beim Aufbau dieses Kapitals wäre die Anwesenheit von US-Präsident Donald Trump gewesen, der neben 40 weiteren Staatsoberhäuptern, Regierungschefs und Delegationen nach Polen kommen sollte, inzwischen allerdings abgesagt hat. In den vergangenen vier PiS-Jahren hat sich Polens Regierung immer stärker an Washington gebunden – energie-, verteidigungs- und rüstungpolitisch. Von einer Zerrüttung des Verhältnisses mit den USA kann, anders als etwa im Falle Deutschlands oder Frankreichs, nicht die Rede sein. Auch darin gründet das neue Selbstbewusstsein Warschaus – das sich exemplarisch etwa in der erstmals vor zwei Jahren wieder aufgeworfenen Frage nach Kriegsreparationen durch Deutschland zeigt.

Denn kurz vor den anstehenden Gedenkfeiern erneuerte der als moderat geltende polnische Außenminister Jacek Czaputowicz Polens Anliegen. Obwohl Polen besonders stark unter den Angreifern und Besatzern des Nazi-Regimes gelitten habe, so Czaputowicz zur dpa, sei der Anteil an den Entschädigungszahlungen „minimal“ gewesen. „Es gibt Länder, die ein Vielfaches weniger verloren, aber mehr Kompensation bekommen haben. Ist das in Ordnung?“, fragte Czaputowicz. „Die zentrale Frage ist, ob Polen im Vergleich zu anderen Staaten fair behandelt wurde.“ Ausdrücklich nannte er Frankreich und die Niederlande.

Nach früheren polnischen Berechnungen belaufen sich die von Deutschland verursachten Kriegsschäden auf etwa 800 Milliarden Euro. Eine polnische Parlamentskommission hat gerade einen neuen Bericht dazu fertiggestellt, bei dem aber noch nicht klar ist, wann er veröffentlicht wird. Bundesaußenminister Heiko Maas hatte bei seinem Besuch in Warschau am 1. August anlässlich der Gedenkfeiern zum Beginn des Warschauer Aufstands von 1944 die Frage der Kriegsreparationen abermals für „juristisch abgeschlossen“ erklärt.

Trotz dieser Debatte mangelt es anlässlich des 80. Jahrestages des Kriegsbeginns nicht an den klassischen deutsch-polnischen Versöhnungsgesten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird im polnischen Wielun – der Stadt, die bereits am 1. September systematisch zerstört wurde – und in Warschau bei den zentralen Gedenkfeiern dabei sein. Die Parlamentspräsidenten beider Staaten gedenken indes in Berlin. In der deutschen Hauptstadt könnte nicht zuletzt auf eine parteiübergreifende Initiative von mehreren Bundestagsabgeordneten hin – darunter des polnischstämmigen CDU-Generalsekretärs Paul Ziemiak – ein zentraler Gedenkort entstehen, an dem an das Leid Polens im Zweiten Weltkrieg erinnert würde. Die konservative polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“ kommentiert: „Allmählich dringt Polen mit seinen Ermordeten und Traumatisierten in die deutsche öffentliche Wahrnehmung durch.“

Es ist sicher nicht abwegig zu behaupten, die Berliner Initiative gewinne auch an Fahrt, weil die PiS seit ihrem Machtantritt 2015 eine forsche „Geschichtspolitik“ propagiert. Laut einer Umfrage vom Mai 2019 wird die Forderung nach Reparationen von rund der Hälfte der Polen unterstützt – und zeigte sich hier zuletzt nicht mehr allein als nüchterne, durchaus diskutable Frage, sondern verstärkt als Ressentiment. Das liegt an der von der PiS forcierten neuen Erinnerungskultur.

In diesem Narrativ steht das tatsächliche polnische Leid des Zweiten Weltkriegs über allem. Einstige Widerstandskämpfer, die „verfemten Soldaten“ – Paramilitärs im und nach dem Zweiten Weltkrieg, auch solche mit fragwürdigen Biografien – werden als Helden gefeiert, einstige Kommunisten per se moralisch verurteilt, schwarze Flecken, wie die Beteiligung von Polen an der Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn, ausgeblendet. Wie sehr das nun anstehende Jahresdatum als politisches Instrument dient, zeigt sich auch daran, dass die PiS die zentralen Gedenkfeiern – traditionell in Danzig auf der Westerplatte – in diesem Jahr nach Warschau und Wielun verlegt hat.

Der Rückzug aus Danzig hängt mit einem Streit mit der oppositionellen Stadt-Regierung zusammen – und dem politischen Kampf um den Mythos der Stadt. Danzig als Geburtsstätte der Solidarnosc von 1980 und Hochburg der Liberalen bleibt für die PiS unzugänglich. Dabei entzog die Regierung der Stadt jüngst die Westerplatte, und bereits 2017 hatte sie das dortige neue Museum des Zweiten Weltkriegs (MIIW) gekapert, um eine bereits vorbereitete, internationale Konzeption zu verwerfen – zugunsten einer auf Polen fokussierten. Das Museum zeigte nun im Vorfeld des Gedenktages ein „spektakuläres Licht-Spektakel“, Titel: „Poland. First to fight“.

Überhaupt beherrscht die Sprache des Krieges, zumindest des Kampfes, die politische Debatte im Land, auch jenseits der Gedenkfeiern – eine Folge des Ukraine-Krieges. Der Blick ist dabei auf Russland gerichtet, das nicht zu den Gedenkfeiern eingeladen ist. Denn der Beginn des Zweiten Weltkrieg wird aus polnischer Perspektive nach wie vor durch zwei Daten markiert: den 1. September und den 17. des gleichen Monats – damals marschierten Sowjettruppen in Ostpolen ein.

Nicht zuletzt durch diese zweifache Okkupation von 1939 hat sich in großen Teilen der polnischen Gesellschaft ein kultureller Code eingraviert, der bis heute für nationalkonservative Parteien wie die PiS, aber auch für die extreme Rechte, politisch fruchtbar ist: das Narrativ von der stets belagerten und bedrohten Bastion, der christlichen Nation Polen. Die universelle Maxime „Gott, Ehre und Vaterland“ findet breite Zustimmung auch in der politischen Mitte der Gesellschaft, sie hängt etwa am Unabhängigkeitstag des 11. November in allen Schulen des Landes – und das nicht erst seit Antritt der PiS-Regierung.

„Dieses Bild fügt sich in die jahrhundertealte Tradition der Verteidigung der Unabhängigkeit ein und erlaubt es, ein kohärentes Bild zu zeichnen“, sagt Marcin Napiórkowski, Autor des Buches „Turbopatriotismus“, im Interview mit der Zeitschrift „Polityka“. Die Regierenden beriefen sich dabei „auf tief verwurzelte nationale Mythen, die uns von der Schule, der Literatur, der Kunst, der Religion eingepflanzt wurden“. Der zentrale Mythos sei die Vorstellung einer ständigen Bedrohung, „die Besessenheit, dass unentwegt jemand unter den Mauern unserer belagerten Festung lauert: Feministinnen, Schwule, Brüsseler Beamte, Neomarxisten, Deutsche, Juden, Bolschewiken“, so Napiórkowski.

Bei den Gedenkfeiern werden diplomatischere Worte um die Welt gehen. Doch im Hintergrund tönt eine Geschichtspolitik der martialisch-nationalen Erweckung, in der einst erlittenes unermessliches Leid – mehr denn sonst – politisch verwertet wird.

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