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Ort des Infernos: Die Batschkapp in Frankfurt.

„drei90“

„drei90“ in der Batschkapp: Selten so gefläzt in Frankfurt

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Als wären Comic-Helden lebendig geworden: Der Fußball-Podcast „drei90“ live in der Frankfurter Batschkapp. Der „Herrscher der Welt“ war ebenfalls zugegen.

Der Künstler und die Künstlerin sollten, wie man weiß, bei ihrem Metier bleiben, in ihrem Medium, sonst droht ihnen Verirrung, sonst winken Sodom, Chaos, Gomorrha und eine Ergebniskrise mit zwei Punkten und 3:27 Toren aus zwölf Spielen. Egal. Die vier Herren vom sagenhaften Fußball-Podcast „drei90“ sind am Mittwochabend dennoch aus ihrer akustischen Welt heraus körperlich auf die Bühne der Frankfurter Batschkapp getreten, sie haben es wieder getan, und was soll man sagen? Es war Armageddon, es war die Apokalypse. Es war einfach grandios.

Zum Verständnis: Der Fußball-Podcast „drei90“ ist jederzeit im Internet abzurufen, alle 126 bisherigen Folgen. Er bespricht wöchentlich das Geschehen in der Bundesliga. Protagonisten am Mikrofon und gelegentlich auf Bühnen sind Axel, dessen Herz dem 1. FC Köln gehört, Basti (Eintracht Frankfurt), Enzo (VfB Stuttgart) und David (SC Freiburg/Darmstadt 98).

Soweit hört sich das noch halbwegs vernünftig an. Manchmal geht es in den stundenlangen Gesprächen der vier jungen Männer auch wirklich um Fußball. Zumindest am Rande. Aber wer sich nun von dem Format sporttheoretischen Aufschluss verspricht, ist an der falschen Adresse. Stattdessen gibt es Tiraden gegen nationale und internationale Fußballverbände, Erfahrungsberichte aus dem Paketzustellungswesen, Musik und Literatur. Jeweils in Anführungszeichen.

„Looo lo lo lo looos geht’s“

In der jüngsten Podcast-Folge etwa unterhielten die Herren ihr Publikum mit einer wütenden Rezension des „Musik“-Albums „Fußballhits – die deutschen“. Beim gemeinsamen Durchleiden von Tonmüll wie „Deutsche Nationalhymne (Party Mix)“ oder „Lo lo los geht’s (Stadion-Version)“ riskierten sie bleibende Schäden im Dienste ihrer treuen Zuhörerschaft – die die vier zum Dank mit ausdauernden „Loo-lo-lo-lo-looos-geht’s“-Sprechchören auf der Bühne begrüßte.

Man munkelt, sogar einer der beliebtesten Eintracht-Profis habe an der Veranstaltung teilgenommen. Er saß, wenn er es wirklich war, inmitten von Menschen, die bei jeder Gelegenheit aufsprangen und sangen: „Oh, Champs Élysees“. Sie trugen Trikots mit den Namen eines leidlich erfolgreichen Fußballspielers (Denis Oleynik, SJK Seinäjoki, Finnland) und eines Urzeitvogels (Gastornis, „Herrscher der Welt“). Figuren, die längst Kultstatus in der „drei90“-Gemeinde erlangt haben, womit auch immer.

Höhepunkte des Abends waren Einblendungen von Fußballmaskottchen wie dem Känguru eines kroatischen Klubs in Australien („Ist das ein Hase?“ – „Hast du je einen Hasen mit Boxhandschuhen und so einem Schwanz gesehen, Alter?!“) und einem gewissen Eselfisch (Vereinszugehörigkeit unbekannt, womöglich aktuell auf der Transferliste).

Es wirkte, als wären Comic-Helden lebendig geworden und fläzten nun auf Sofas vor dem Publikum, wie bis dato nur selten in der Batschkapp gefläzt wurde. Das Publikum seinerseits intonierte euphorisch die Klassiker, mit denen die Podcast-Rubriken eingeleitet werden. Wohl nirgends auf der Welt genießt das Lied „Zu Asche zu Staub“ aus der Serie „Babylon Berlin“ ein solches Renommee wie im „drei90“-Universum. Rund 1000 sogenannte Fun Friends bezahlen sogar monatlich vier Dollar, um jede Regung ihre Idole zu hören. „Ihr wisst schon, dass das alles total krank ist“, sagte Basti zwischendurch zu den Fans. „Jaaa!“, hundertfach.

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