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Greift nach neuen Märkten: Arianna Huffington.

Huffington Post expandiert

Piratin sucht Partner

Die Online-Zeitung Huffington Post startet internationale Ableger. Auch in Deutschland soll der Markt erobert werden. Wer allerdings die "deutsche Arianna Huffington" wird, ist noch nicht geklärt.

Von Simon Hurtz und Marin Majica

Die Online-Zeitung Huffington Post startet internationale Ableger. Auch in Deutschland soll der Markt erobert werden. Wer allerdings die "deutsche Arianna Huffington" wird, ist noch nicht geklärt.

Liz Mohn wird mit 70 Jahren kaum noch anfangen zu twittern. Auch Friede Springer, 69, dürfte keine Kandidatin für die „deutsche Arianna Huffington“ sein. Das Anforderungsprofil: gut vernetzt mit prominenten Freunden, medienaffin, reich durch Heirat – und dauerpräsent auf allen Kanälen im Internet.

All das ist Arianna Huffington, Jahrgang 1950, Chefin der Huffington Post – jener amerikanischen Online-Zeitung, die gerade weltweit expandiert. Eine französischsprachige Ausgabe startet Ende November, als Frontfrau wird über die frühere TV-Moderatorin und Ehefrau von Dominique Strauß-Kahn, Anne Sinclair, spekuliert.

AOL übernimmt Huffington Post für 315 Millionen Dollar

Seit einer Woche steht fest, dass ein solcher Posten auch hierzulande zu vergeben ist. „Ja, wir kommen nach Deutschland, wenn wir den richtigen Partner gefunden haben“, twitterte Jimmy Maymann auf Nachfrage von Spiegel-Online-Autor Konrad Lischka. Maymann ist bei AOL für den Ausbau des internationalen Geschäfts verantwortlich und seit Monaten ein vielbeschäftigter Mann. Anfang des Jahres hatte AOL die amerikanische Huffington Post für 315 Millionen Dollar übernommen, seitdem läuft der Expansionskurs. Im Sommer starteten Ableger in Kanada und England, jetzt ist das fremdsprachige Ausland an der Reihe.

Der hiesige Markt für Online-Medien scheint derzeit beliebt bei ausländischen Investoren zu sein. Im Januar startet Rupert Murdochs Konzern News Corp eine deutschsprachige Webseite des Wall Street Journals. Auch das Blog TechCrunch, wie die Huffington Post im Besitz von AOL, hat Ambitionen. Dem Branchendienst Meedia sagte Maymann: „Ich habe keinen Zweifel, dass TechCrunch in Deutschland funktionieren könnte.“ BGR, ein erfolgreiches amerikanisches Tech-Blog, produziert jetzt deutsche Inhalte für die Firma United Internet, der web.de und gmx gehören. Und im September gab es eine deutsche Ausgabe des US-Magazins Wired – auf Papier und als iPad-App, Zielgruppe war die twitternde und bloggende Netzgemeinde.

Defizitäre Online-Redaktionen

Viele deutsche Verleger sahen im Internet lange eher ein Risiko. Von wenigen Ausnahmen abgesehen arbeiten die großen Online-Redaktionen defizitär, deshalb schrecken viele Verlage vor Investitionen zurück. Nicht zufällig sieht AOL-Manager Maymann in Deutschland noch „Raum für Innovationen“.

Auf dem Print-Markt sind ausländische Übernahmen stets gescheitert. Als der norwegische Verlag Schibstedt 1999 in Köln die Gratiszeitung 20 Minuten einführte, reagierten die lokalen Konkurrenten Springer und M. DuMont Schauberg mit eigenen Gratiskonzepten und zogen auch juristisch in die Abwehrschlacht. 20 Minuten wurde 2001 eingestellt. Umwälzungen der Zeitungslandschaft durch Gratiszeitungen wie etwa in Skandinavien, den Niederlanden und in der Schweiz sind Deutschland erspart geblieben. Noch immer ist ein Großteil der deutschen Zeitungshäuser verlegergeführt. Deshalb waren die Befürchtungen groß, als 2005 die britische Mecom-Mediengruppe den Berliner Verlag übernahm, in dem auch die Berliner Zeitung erscheint. Nach vier Jahren musste sich Mecom vom deutschen Zukauf wieder trennen.

"Keine Lücke für Huffington Post"

„Grundsätzlich sind ausländische Verlage herzlich willkommen, wir haben allerdings auch Ansprüche an diejenigen, die im Club der deutschen Verleger mitspielen wollen“, sagt Hans Joachim Fuhrmann, Sprecher und Mitglied der Geschäftsleitung beim Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Auch neue Online-Projekte werde der BDZV willkommen heißen. Ob in Deutschland noch Platz ist für eine Huffington Post, werde sich zeigen. „Absolutes Alleinstellungsmerkmal fast aller Zeitungen in Deutschland ist der professionelle Lokaljournalismus. Das muss die Huffington Post mit ihren Laienjournalisten erst mal hinkriegen“, sagt Fuhrmann.

Der gleichen Meinung ist Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung der Freitag. „Ich sehe auf Anhieb keine Lücke für die Huffington Post“, sagte er bei DRadio Wissen. Augstein hält den deutschen Pressemarkt für den besten der Welt. Im Ausland seien durch das große Zeitungssterben Lücken entstanden, die es hier nicht gebe. So sei etwa zoomer.de, ein ambitioniertes Nachrichtenportal des Holtzbrinck-Verlags, nach nur einem Jahr wieder eingestellt worden.

In Frankreich arbeitet die Huffington Post mit der großen Tageszeitung Le Monde zusammen und stellt vorerst nur acht eigene Mitarbeiter ein. „Die Seite muss jeweils richtig französisch, deutsch oder spanisch sein“, sagt Arianna Huffington. Deshalb sucht sie sich einheimische Partner.

Bislang kann man bloß spekulieren, wer ein solcher Partner in Deutschland sein könnte. „Wir sondieren den Markt “, so Jimmy Maymann. Holtzbrinck scheint es nicht zu sein. Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, sagte auf Twitter zwar, dass er sich über eine deutsche Huffington Post freuen würde, bezeichnete sie aber gleichzeitig als „Konkurrenten“. Dass die eher linksgerichtete „HuffPo“ gemeinsame Sache mit dem Springer-Konzern macht, ist unwahrscheinlich; dann eher die taz oder der Freitag. Verleger Jakob Augstein sagte im Deutschlandradio: „Wir würden uns freuen, wenn sie bei uns anrufen würden.“ Er glaube aber, dass sie einen Partner mit größerer Reichweite brauche.

Spiegel Online dürfte als eigenständige Marke bereits zu etabliert sein: Ein gutes Dutzend Mitarbeiter will AOL in Deutschland beschäftigen – die würden angesichts der über 100 Spiegel-Online-Redakteure wohl kaum eigene Akzente setzen können. Das Handelsblatt bereicherte die Gerüchteküche um Burda, einen angeblich „idealen Partner“, der das allerdings nicht kommentieren wollte. Die Telekom, als Infrastruktur-Provider am ehesten ein deutsches Pendant zu AOL, sagte der Berliner Zeitung lediglich, Kooperationen mit Content-Lieferanten seien wichtig. An Spekulationen über die Huffington Post wolle man sich aber nicht beteiligen.

Kritik am Erfolgsrezept

Mit 25 Millionen Besuchern im Monat ist die amerikanische Ausgabe eines der reichweitenstärksten Medienangebote im Web. Doch ihr Erfolgsprinzip gefällt nicht jedem. Bill Keller, Ex-Chefredakteur der New York Times, sagt, die Huffington Post locke die meisten Leser mit Klatsch, Tratsch und Kätzchenvideos. Außerdem wirft er ihr vor, sich an fremden Inhalten zu bedienen: „In Somalia nennt man das Piraterie.“ Bei der Huffington Post arbeiten 150 Journalisten, doch tatsächlich stammt eine Vielzahl der Geschichten aus fremden Federn – die dann, entsprechend zugespitzt, für Klicks auf der eigenen Seite sorgen.
Das dürfte in Deutschland kaum funktionieren. Der Springer-Konzern kämpft vehement für ein Leistungsschutzrecht, das sogar die Verwendung von kurzen Zitaten untersagen würde. Auch andere Verlage haben ein wachsames Auge auf ihre Inhalte. SZ und FAZ führten einen jahrelangen Rechtsstreit gegen den Perlentaucher und drohten dem Commentarist mit einer Unterlassungsklage – zwei Taschendiebe, gemessen an der „Piratin“ Huffington.
Findet sich so jemand auch in Deutschland? Zumindest ein repräsentatives Gesicht? Bei Twitter scheinen weder Sabine Christiansen noch Barbara Schöneberger angemeldet zu sein, und selbst Katrin Bauerfeind ist keine Freundin von Social Media („Facebook geht gar nicht“). Am Ende muss sich doch noch Liz Mohn von einem Assistenten zeigen lassen, wie man einen Tweet schreibt.

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