+
Pierre Cardin: Gestreifte Bodysuits und Röcke aus einzelnen Stoffstreifen, 1968.

Pierre Cardin

Pierre-Cardin-Ausstellung: Lakritzschnecken auf der Schulter

  • schließen

Eine Schau in Düsseldorf zeigt den Modeschöpfer Pierre Cardin als Visionär, nicht nur als Namensgeber für bunte Unterhosen.

Das 18er Pack schwarzer Herrensocken von Pierre Cardin gibt es im Online-Versandhaus für günstige 12,95 Euro. Boxer-Shorts bekommt man im „Mega-Farbpaket“, sechs Stück pro Packung. Jede Unterhose in je zwei Knallfarben, zum Beispiel gelb mit roten Nähten. Das sieht nicht gerade nach high fashion aus, hat aber seine Berechtigung. Schließlich setzt Pierre Cardin seit je auf Farben, was in seinen Anfangsjahren durchaus als revolutionär galt. Bloß hat sich daran schon lange niemand mehr erinnert. Cardin war in den vergangenen Jahrzehnten zur Discounter-Marke für Unterwäsche und geschmacklich fragwürdige Handtaschen abgestiegen.

Umso verblüffender mutet nun die Ausstellung „Pierre Cardin. Fashion Futurist“ im Düsseldorfer Kunstpalast an, die einen Designer vorstellt, der vor allem in den sechziger und siebziger Jahren die Branche dermaßen aufgemischt hat, dass einem noch heute der Mund offen steht: Kleider, die wie Lampenschirme aussehen, hautenge Ganzkörperstrumpfhosen, aufgepeppt mit stilisierten ledernen Gladiatorenröckchen. Herrenlederjacken, an deren Schultern Applikationen angebracht sind, die an gigantische Lakritzschnecken erinnern. Hütchen, die wie Trichter, Pilzköpfe oder Helme aussehen, lange Ketten aus geometrischen Fragmenten, die an großen Halseisen hängen.

Was der gebürtige Italiener in seinen besten Jahren entworfen hat, ist so atemberaubend verrückt, so visionär und gewagt, dass man sich unwillkürlich fragt, wie es eigentlich zu den Discounter-Socken kommen konnte. Hat der Mann denn gar keinen Stolz? Oder hat der Designer, der noch heute – mit 97 Jahren – Alleineigentümer seines 1950 gegründeten Unternehmens ist, irgendwann einfach den Überblick über seine zahlreichen Lizenzen verloren?

Tatsächlich war Cardin einer der ersten Couturiers, die sich für eine Demokratisierung der Mode eingesetzt haben, indem er bereits früh Kollektionen für Kaufhäuser entwarf. „Luxus soll für Millionen Menschen erschwinglich sein“, fand er und stieg bereits in den fünfziger Jahren ins Lizenzgeschäft ein; 1988 hatte er mehr als 800 Lizenzen in 94 Ländern vergeben – ein äußerst lukratives Geschäft. Über die Jahrzehnte schuf das Vermarktungsgenie ein riesiges Imperium mit Märkten in Vietnam, Venezuela, China oder der Sowjetunion. „Ohne Skrupel versah er Möbel, Autos, Flugzeuge, Wohnwagen, Baseballkappen, Teller, Pfannen, Wecker, Zigaretten, Schlüsselanhänger, Iglus und Kamillegels für Intimhygiene mit seinem Namen und wurde 1981 durch den Kauf des legendären Pariser Restaurants Maxim’s auch noch zum Stargastronomen“, schreibt Ingeborg Harms im Katalog. Cardin machte aus Mode Pop – ein ästhetisches, aber auch ein kommerzielles Phänomen.

Pierre Cardin: Lauren Bacall bei der Anprobe eines „Cardine“-Kleides, 1968.

Dabei war seine Karriere alles andere als vorgezeichnet. Geboren wurde Cardin, der auf den Vornamen Pietro getauft wurde und zehn Geschwister hatte, 1922 in Treviso. Der Italiener lernte Herrenschneider und kam 1945 mit 23 Jahren nach Paris, zu einer Zeit also, in der die Mode nachkriegsbedingt von schlichten Formen und gedeckten Farben geprägt war. Doch Cardin war ehrgeizig, er arbeitete als Couturier im Modehaus Jeanne Paquin und Elsa Schiaparelli und war bereits zwei Jahre später Assistent bei Christian Dior. 1949 eröffnete Cardin ein eigenes Atelier für Bühnen- und Filmkostüme. Es war die Zeit, als man in der Pariser Gesellschaft der grauen Nachkriegskleidung langsam überdrüssig geworden war. Man hungerte nach Farben und extravaganten Formen, Cardin war dafür der perfekte Mann – auch wenn er zunächst vor allem für Kostümbälle schneiderte.

Als Cardin 1953 schließlich ein Herrenausstatter-Geschäft übernahm, machte er sich sogleich daran, die Männermode auf den Kopf zu stellen und hautenge, farbenfrohe Anzüge zu schneidern, wie sie Paris bis dahin nicht kannte. Charakteristisch für seine Mode ist von Anfang an die bildhauerische Herangehensweise – er kreierte seine Mode häufig direkt am Modell und raffte Stoffe auf eine Weise, die exzentrische Volumina entstehen ließ.

Das früheste Beispiel in der Ausstellung ist eine Kreation für Damen: ein 1958 entworfenes Hahnentritt-Kostüm mit schlanker Silhouette und Bleistiftrock, das durch Raffungen ein ungewöhnliches, beulenartiges Volumen am unteren Rücken aufweist und somit gleichzeitig elegant und avantgardistisch aussieht. Nur wenige Jahre später verlegt sich Cardin auf schrill-bunte Minikleider aus steifen Stoffen, auf raffinierte geometrische Cut-Outs und Patchworkeinsätze und auf futuristische Elemente wie Visiere und androgyne Schnitte, die die Weltraumbegeisterung seiner Zeit in atemberaubend zukunftsorientierte Entwürfe übersetzten. Ihre Inspiration verdanken diese Kreationen unter anderem der seit 1966 ausgestrahlten Serie Star Trek. Oder war es umgekehrt?

Geometrische, raumgreifende Formen

Ein entscheidendes Element seiner Kollektionen ist die Arbeit mit geometrischen, raumgreifenden Formen: Ärmel, die aus steifen Stoffquadraten bestehen, Hosenbeine, die in Kreisformen auslaufen, Kegelformen in Brusthöhe, bei denen man unweigerlich an Jean Paul Gaultiers Entwürfe für Madonna denkt (tatsächlich hat Gaultier bei Cardin gelernt). Charakteristisch sind auch skurrile Faltensegmente am Rücken von Mänteln und Jacken. Cardin hatte sich dazu von den Lüftungsschlitzen der ersten PCs inspirieren lassen.

1968 bringt der Designer eine Kollektion aus einer neu entwickelten Chemiefaser heraus, die durch thermoplastische Verformungen mit reliefartigen Mustern geprägt werden können und die er nach sich selbst Cardine nennt. Später kommt auch Vinyl zum Einsatz, das er zu erotischen Stulpenstiefeln, bauchfreien Minikleidern oder einen knallroten Mantel verarbeitet. Den Mantel soll sich übrigens Jackie Kennedy gekauft haben. Man erzählt sich, sie habe darin Gartenarbeit verrichtet.

Wenngleich Cardin auch berückend elegante Abendroben kreierte, so war das Herzstück seiner Mode doch wild, provokativ und bisweilen auch auf groteske Weise überzogen. In einem Interview, das er 1969 der Zeitschrift „Penthouse“ gab, betonte er, dass er keinesfalls für eitle Sechzigjährige entwerfe: „Alternde Frauen mit ihrem blödsinnigen Bedürfnis zu gefallen sind ein extremes Hindernis für die Arbeit kreativer Modepioniere“, fand Cardin, der sich in seiner Kreativität durch nichts einschränken lassen wollte. Seine Mode wurde von Idolen der Jugend getragen: den Beatles, dem Model Twiggy oder der Schauspielerin Raquel Welch.

Inzwischen dürfte die Klientel seiner Produkte altersmäßig gereift sein. Den Mut zur Farbe versteckt die Kundschaft heute wohl eher unter der Hose.

Kunstpalast Düsseldorf: bis 5. Januar. www.kunstpalast.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion