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Robert Spaemann ist im Alter von 91 Jahren gestorben.

Robert Spaemann

Philosoph der Neuen Rechten?

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Der Katholik unter den Philosophen ist gestorben. Robert Spaemann widerstand den Nazis aus Überzeugung. In den letzten Jahren setzte ausgerechnet die Neue Rechte auf ihn.

Gärtner wollte er werden. Nicht dass Robert Spaemann nicht immer schon philosophiert hätte. Philosophie sei ja auch „nur die intensivere und systematischere Fortsetzung normalen Denkens“. So korrigiert er in seiner „Autobiographie in Gesprächen“ auch die Frage, wann sein Interesse an der Philosophie geweckt wurde: „Man müsste eigentlich fragen: Wann haben Sie angefangen zu denken?“ Und diese Frage lasse sich freilich gar nicht beantworten.

Sympathisant der „Demo für alle“ 

Robert Spaemann ist tot, der Philosoph starb am Montag im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Stuttgart. Die Absicht des jungen Spaemann, Gärtner zu werden, war das Resultat eines ebensolchen intensiveren und systematischen Nachdenkens. Spaemann wuchs in Deutschland unter dem Hakenkreuz auf. Seine Eltern, zunächst in der Berliner Bohème der Goldenen Zwanziger reüssierend, hatten ihrem Sohn die eigene politische Reserve gegenüber dem Regime zwar verborgen, um ihn nicht in Loyalitätskonflikte zu bringen. Ein Zutun von außen brauchte es für den jungen Spaemann aber auch gar nicht, um sich von der braunen Ideologie nicht verführen zu lassen. „Wo die Alternative so abstoßend ist wie der Nationalsozialismus, da entsteht kein echter Konflikt“, schreibt er ganz nüchtern in seiner Biografie.

Gärtner also – das war ein Beruf, so dachte Spaemann, den er auch unter den Nazis mit seinem Gewissen ausmachen konnte. „An der vegetatitven Natur endet der politische Totalitarismus.“ Es sind schlichte Sätze mit einer intellektuellen Tiefe, die typisch sind für Spaemann. Auch den Fahneneid auf den Führer konnte er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Er entging ihm, indem er sich ans Bett fesseln ließ. Was mit den Juden passierte, entlockte er Soldaten im Heimaturlaub und wirft den Deutschen rückblickend vor: „Wenn die Leute nach dem Krieg sagten, sie hätten das nicht gewusst, so ist das die Wahrheit. Aber warum wussten sie es nicht? Sie wollten es nicht wissen.“

Dem damals ahnungslosen Carl Friedrich von Weizsäcker, der als Sohn des Staatssekretärs Weizsäcker auch nichts über die Judenvernichtung wusste, gestand Spaemann später selbstkritisch ein, dass ihn sein eigenes Wissen auch nicht in den aktiven Widerstand führte. Abgesehen von seiner Hitlerkarikatur im Klassenzimmer, versehen mit der Tafelinschrift „Achtung! Totengräber Deutschlands!“.

Er flüchtete sich vielmehr in eine Parallelwelt, nämlich die katholische. Dazu gehörte weit mehr als die Mitgliedschaft zum Bund Neudeutschland, ein Schülerverband der Jesuiten, als Alternative zur Hitlerjugend. Denn Robert Spaemanns originärer Wunsch war es, einer der Benediktiner in der Abtei im westfälischen Gerleve zu werden, in der er 1930 mit drei Jahren getauft wurde.

Einer von ihnen wollte er werden, durch ihren Gesang und die Form ihres Alltags bezeugen, was immer ist. Gott, daran zweifelte Spaemann nie, ist immer. Da waren sich schon Spaemanns Eltern gewiss – wenn auch erst spät: Vormals linke Atheisten, die Mutter Schülerin der Tanzikone Mary Wigman, der Vater Mitarbeiter der legendären „Sozialistischen Monatshefte“ an der Seite Ernst Blochs, bekehrten sich die Eltern 1930 in ihrer neuen Wahlheimat Münster zum Katholizismus. Nach dem frühen Tod der Mutter wird Spaemanns Vater mitten im Krieg katholischer Priester. Der Maßstab für das, was wirklich wichtig sei, hatte es ihm angetan – und wichtig sei, was immer ist.

Robert Spaemann dachte genauso. Es ist die Überzeugung, die er später auch als Philosoph zum Maßstab seines Denkens machte. Für ein Leben als Geistlicher kam ihm alsbald die Liebe in die Quere; mit seiner späteren Frau Cordelia bekam er drei Kinder. Zwar studierte Spaemann nach dem Krieg in Münster erst Theologie, wechselt unter dem Eindruck des dort lehrenden Philosophen Joachim Ritter aber zur Philosophie. Als Schüler Ritters, dessen Kreis eine konservative Alternative zur Frankfurter Schule war, blieb Spaemann der philosophierende Katholik. Denn er war sich gewiss, „dass der christliche Glaube, und zwar in seiner katholischen Version, wahr ist und dass deshalb alles, was man als vernünftig einzusehen hat, mit diesem Glauben vereinbar sein muss“. Insofern der Katholizismus also vernünftig ist, so Spaemann, geht er mit der Philosophie, die sich der Mittel der Vernunft bedient, Hand in Hand.

Trotzdem – oder gerade deshalb lehnte Spaemann die Bezeichnung „katholischer Philosoph“, wie er alsbald genannt wurde, immer ab. Sein Ruf eilte ihm aber stets voraus, angefangen bei seiner ersten Professur in Stuttgart, die er explizit als Antipode zu dem dort lehrenden Philosophen und bekennenden Atheisten Max Bense erhielt. Spaemann blieb der Kontraphilosoph der gottlos denkenden Zeitgenossen, und dabei nicht nur eines Horkheimer oder Adorno. Ein Denken ohne Wahrheitsbegriff führe zur „Selbstabschaffung der Moderne“, denn ohne den Anspruch auf Wahrheit, so Spaemann, erübrige sich auch das Wagnis der Aufklärung, die den Menschen darüber aufklären wollte, wie die Dinge in Wahrheit liegen.

Spaemann knüpfte hier ausgerechnet an Friedrich Nietzsche an, der in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ schreibt, dass ohne den Glauben an Gott, an eine objektive Perspektive auch der Glaube an jedwede Wahrheit über Bord geworfen werde. Übrig blieben die vielen subjektiven Perspektiven der Menschen, aber keine „wahre“ Perspektive mehr, für Spaemann die „universale Perspektive Gottes“. „Nietzsche schreibt, wenn und weil Gott nicht ist, gibt es keine Wahrheit. Ich hingegen schließe: Wenn und weil es Wahrheit gibt, ist Gott.“

Nach seinen Professuren in Heidelberg und München fasste der emeritierte Spaemann, bis ins hohe Alter von 80 Jahren noch Mitglied in der „Päpstlichen Akademie für das Leben“, seine Gedanken über Wahrheit und Gottesglaube 2007 in einem „Letzten Gottesbeweis“ zusammen. Darin erklärt der Geistesgenosse Benedikts XVI., „warum wir, wenn es Gott nicht gibt, überhaupt nichts denken können“. Ein kluges Gedankenexperiment, das sich allerdings nach Abzug des vorausgesetzten aristotelischen Wahrheitsverständnisses als Luftblase entpuppt.

Homosexualität, „ein Fehler der Natur“?

Weit größere Beachtung zog Spaemann mit seinen praktischen Folgerungen aus dem erhobenen Wahrheitspostulat auf sich. Auch hier erwies er sich als Kontraphilosoph wider die intuitive Auffassung, dass das Recht, die Unterscheidung von richtig und falsch, gut und böse allein im Konsens der Gesellschaft zu begründen ist – so wie es der Rechtspositivismus lehrt. „Wenn ich gefoltert werde, dann interessiert mich doch nicht, ob das jetzt gesetzlich erlaubt ist oder nicht, dann weiß ich nur, es ist ein Unrecht, was da geschieht. Fertig. Das heißt: Naturrecht. Hätte ein Kind im Mutterleib eine Stimme, würde es ‚Unrecht!‘ schreien, wenn es abgetrieben und getötet wird“, verteidigte Spaemann 2011 das Naturrecht, das als gottgegeben geglaubt zur klassischen katholischen Lehre gehört.

Dabei machen heute selbst die Theologen nicht mehr so ernst mit dem Naturrecht wie Spaemann, der in theologischen Fakultäten deshalb auch nur spärlich rezipiert wird. Im Gegenteil, der Philosoph selbst bemerkt in seiner Biografie, dass eigentlich nur Theologen „wirklich giftig“ gegen ihn waren. Sie lehren auch nicht mehr wie Spaemann in naturrechtlicher Manier, dass Homosexualität „ein Fehler der Natur“ sei, vergleichbar mit einem Hasen, der nur mit drei Beinen geboren wird. Spaemann war weise genug, um bei derlei Kapriolen darauf hinzuweisen, dass „Fehler“ an der Stelle noch kein moralisches Werturteil bedeute. Er war aber auch katholisch genug, um sich nicht zu deutlich für die Gleichberechtigung von Homosexuellen auszusprechen.

Mit Franziskus, der bislang verschlossene Türen öffnet und offenkundig nur darauf wartet, dass Bischöfe und Priester selbst hindurchgehen, hatte Spaemann denn auch seine Schwierigkeiten. Bei dessen Reformkurs, auch in puncto Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, versteifte sich Spaemann gar zu der Aussage: „Es war einfacher, während der Nazi-Zeit ein treuer Christ zu sein als heute.“

Stattdessen demonstrierte Spaemann bei der „Demo für alle“ für die traditionelle und gegen die Homoehe, schrieb gar der Gender-Missversteherin Gabriele Kuby das Vorwort ihres Buches „Die globale sexuelle Revolution“, in dem diese vor der „Homosexualisierung der Kultur“ warnt. Spaemann selbst nennt es darin eine „Zumutung“, wenn Homosexuelle Kinder adoptieren, und warnt vor der Gender-Theorie, der ein Naturrechtler wie Spaemann freilich nichts abgewinnen konnte. Zugleich stimmt der Philosoph darin in die Klage über politische Korrektheit ein: „Dem vom Mainstream Abweichenden wird nicht mit Argumenten erklärt, inwiefern er irrt, sondern es wird ihm gesagt: Das hättest du nicht sagen dürfen.“

Es mag zur Tragik des Robert Spaemann gehören, dass er mit dieser Agenda ausgerechnet dort angekommen ist, wogegen er sich in seinen Jugendjahren hellsichtig verwahrt hatte: bei der politischen Rechten. In der AfD gehört Spaemann heute zu den gern zitierten Zeitkritikern, nicht zuletzt auch deshalb, weil er einer der wenigen katholischen Intellektuellen war, der – in einem Interview in der FR - gegen eine unbeschränkte Flüchtlingsaufnahme argumentierte – und damit einmal mehr gegen den Papst: „Es kann nicht unsere Pflicht sein, uneingeschränkt zu helfen, weil es nicht möglich ist. Wir können es nicht. Und wir sollten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unserer Hilfe Obergrenzen setzen.“

Abgesang aufs christliche Abendland?

Ist es also an der Neuen Rechten, das geistliche Vermächtnis des Philosophen Robert Spaemann anzutreten? So einfach sind die Dinge nicht gelagert, immerhin forderte Spaemann Argumente statt bloß Proteste, wie von der AfD betrieben. Ebenso stimmte Spaemann nicht blindlings in den Abgesang aufs christliche Abendland ein, nachdem die Zahl der eingewanderten Muslime in Deutschland zugenommen hatte. Ihm waren Muslime vielmehr lieber als Atheisten, und er sagte in deren Richtung: „Ich würde bis zum Letzten Euer Recht auf freie Religionsausübung verteidigen. Und auch Euer Recht, eine Moschee zu haben, wenn die Muslime in dieser Stadt so zahlreich sind.“

Denn wichtig ist, was immer ist – und auch Muslime bezeugen: Gott ist immer. In der philosophischen Durchdringung dessen, was mit diesem Glauben auf dem Spiel steht, liegt der eigentliche Wert der Spaemann’schen Philosophie. Darin ist sie vor jedem politischen Übergriff erhaben – und umschließt ein ganzes Philosophenleben, das so sehr von einer Mönchserfahrung zehrte: „Mein Leben ist eine vorübergehende Episode im Universum. Wichtig ist, was immer ist. Die Mönche bezeugen durch ihren Gesang und durch die Form ihres Alltags das, was immer ist. Sie bezeugen es als den, der immer ist. Ohne das, was sie bezeugen, wäre das, was jetzt ist, also auch die Episode unseres Lebens, ebenso wie des Lebens aller anderen, ohne Bedeutung. Es hätte, wenn die Erinnerungen erloschen sind, nicht einmal mehr den Status der Vergangenheit.“

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